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Gedenkfeier für die deportierten und ermordeten Hamelner Juden

„Es gab keinen Trost“: Erinnerung an die Pogromnacht 1938

HAMELN. Es ist gut, dass in Hameln seit vielen Jahren eine intensive Erinnerungskultur gepflegt wird und niemand auf den Gedanken kommt, die Pogromnacht des 9. November 1938 in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch an diesem Donnerstag versammelten sich wieder annähernd hundert Hamelner Bürger, jüdische ebenso wie evangelische und katholische oder auch Menschen ohne einen besonderen Glauben am Mahnmal vor der liberalen Synagoge an der Bürenstraße, um der Hamelner Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken.

veröffentlicht am 10.11.2017 um 08:42 Uhr

Junge Leute reinigen in Hameln „Stolpersteine“. Foto: Dana
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Autor

Wolfhard F. Truchseß Reporter
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Stellvertretend für die deportierten und ermordeten Juden aus Hameln wurde dieses Mal an das Schicksal einer niederländischen Jüdin erinnert, die 1911 in Amsterdam geborene Klaartje de Zwarte-Walvish, die am 6. Juli 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet worden war. Pastorin Christiane Brendel und Daria Leuthier von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lasen aus ihrem Tagebuch, dass sie heimlich im Konzentrationslager Herzogenbusch geführt hatte, das aber erst mehr als 60 Jahre später im Nachlass eines Verwandten, der überlebt hatte, gefunden worden war.

Erschütternd, wie Klaartje de Zwarte-Walvish schildert, wie die Familien zur Deportation auseinandergerissen wurden: „Mütter mussten mit ihren Kindern, die jünger als vier Jahre waren, das Lager verlassen. Väter durften nicht mit. Was hatte das alles zu bedeuten? Wurden wieder ganze Familien auseinandergerissen? Wie war das nur möglich? Würde unser Elend denn nie ein Ende finden? Das Kinderlager war zu einer Hölle geworden. Es gab keinen Trost. Für jeden war das Leid gleich schlimm.“

Wie in jedem Jahr wurden die Namen der aus Hameln deportierten und ermordeten Juden verlesen. Diesmal von Melina Böttcher, Maxim Krettek und Malin Wollenweber. Sie waren mit dem Thema bestens vertraut. Erst am Morgen hatten sie am Schiller-Gymnasium eine Klausur über die Geschehnisse des 9. November 1938 geschrieben.

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Einer Frau, die erst 1995 in Yad Vashem, der Gedenkstätte für den Holocaust in Jerusalem, als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wurde, weil sie während der Nazizeit Juden gerettet hatte, war die nachfolgende Lesung in der liberalen Synagoge gewidmet. Der renommierte Münchener Biograf Alois Prinz las im Rahmen des Hamelner vhs-Forums aus seinem Buch „Ein lebendiges Feuer“ über Milena Jesenská und schilderte ihren schicksalhaften Weg bis ins Frauen-KZ Ravensbrück, wo sie einem Nierenleiden erlag.

Das Leben von Milena Jelenská ist nicht nur bedeutend, weil sie Juden gerettet hatte, sondern auch, weil sie kurze Zeit mit Franz Kafka befreundet war, Max Brod getroffen hatte und als Journalistin eine sehr genaue Beobachterin der Besetzung des Sudetenlandes durch die Nazis war. Ihre Verdienste wurden in der kommunistischen CSSR immer verschwiegen, weil sie nicht nur gegen Hitler, sondern auch gegen Stalin war.

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