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Prof. Ulrich Sieg spricht in der Pfortmühle über den Ersten Weltkrieg

„Es gab keinen Enthusiasmus“

Hameln. „Statistisch gesehen starben im Ersten Weltkrieg Tag für Tag 6046 Soldaten“, sagt der Marburger Historiker Prof. Ulrich Sieg. „Das technisierte Massensterben beendete dabei eine von Fortschrittsoptimismus geprägte Epoche.“ Auf Einladung der Hamelner Bibliotheksgesellschaft referierte der Wissenschaftler anhand seiner neuesten Publikation über „Geist und Gewalt. Deutsche Philosophen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus“. Ein Thema, das im Vortragsraum der Stadtbücherei in der Pfortmühle ausgesprochen reges Publikumsinteresse fand.

veröffentlicht am 18.02.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 00:41 Uhr

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Autor:

Ernst August Wolf
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Nichts sei geblieben von der in den frühen 1960er Jahren vom Hamburger Historiker Fritz Fischer in seinem Buch „Der Griff nach der Weltmacht“ vertretenen deutschen Alleinschuld an der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, so Sieg. Der stellte sich ganz in die Nachfolge des britischen Historikers Christopher Clark, der die These von der besonderen Schuld Deutschlands in Frage stellt, und grenzte sich im Übrigen auch von den Darstellungen des deutschen Historikers Heinrich August Winkler ab. „Gängiges geht nicht mehr, wenn es in der Untersuchung auf die lokale Ebene heruntergebrochen wird“, stellte Sieg fest. „Die Wahrheit ist das Ganze, und da kriege ich Winkler nicht unter.“

Detailliert beschäftigte sich Sieg mit den bis heute nachwirkenden Propagandabildern, die, vielfach inszeniert, die Augustbegeisterung bei Kriegsausbruch darstellen. Die jedoch habe „Risse bekommen“, denn lokale Studien belegten, dass es die weder in Deutschland noch in England, Frankreich und Russland in der geschilderten Form gegeben habe. Sieg: „Es gab keinen Kriegsenthusiasmus, sondern sogar Antikriegsdemonstrationen.“

Anhand des Appells von 93 deutschen Denkern vom 4. Oktober 1914, in dem sowohl die deutsche Kriegsschuld wie auch die Verletzung der belgischen Neutralität in Abrede gestellt wurde, machte Sieg auf die Doppelmoral der deutschen Eliten aufmerksam und stellte deren Äußerungen neben vergleichbare der Kriegsgegner. Spätestens seit 1916 hätten zudem den deutschen Intellektuellen andere Denkfiguren zur Beurteilung der Lage gefehlt, seien sie in den Sog der Propaganda geraten.

Breiten Raum in Siegs Ausführungen nahm der zunehmende Antisemitismus ein, angesichts dessen der „Centralverein der deutschen Juden“ etwa „eigentümlich neben der Welt“ gestanden habe.

Ob nun der Nationalökonom Werner Sombart oder eine Vielzahl anderer deutscher Denker, sie alle ließen sich letztlich „durch die nationalistische Option an die Wand drängen“. Für Ulrich Sieg ein Grund mehr, „um vielleicht genug Empathie aufzubringen, den verlorenen Krieg vor allem durch den Blick aufs Lokale neu zu betrachten“.



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