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Hamelns Muslime zur Gewalt in der islamischen Welt und zum Verbot des Anti-Islam-Films

„Es fehlt uns einfach ein Stück Gelassenheit“

Hameln (ww). Eine Woche ist es her, dass bei Anschlägen auf die US-amerikanische Botschaft in Kairo und das US-amerikanische Konsulat in Bengasi mehrere Diplomaten und Soldaten ums Leben kamen. Der augenscheinliche Grund für die Ausschreitungen heißt „Innocence of Muslims“ – ein in den USA produzierter islamfeindlicher Schmähfilm, der das Leben und Wirken des Propheten Mohammed verspottet. In sechs arabischen Ländern wird seitdem gewalttätig protestiert, der Film entfachte eine Welle der Gewalt – aber wie denken Muslime in Deutschland, in Hameln über die Reaktionen auf den Anti-Islam-Film? Können sie die Wut nachvollziehen?

veröffentlicht am 18.09.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 13:21 Uhr

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Der Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Hameln, Bilgin Onur, verurteilt die Gewalt, mit der in einigen arabischen Ländern auf die Provokation reagiert wurde. Das arabische Wort „Islam“ bedeute übersetzt „Frieden“, und mit Frieden habe derartiges Verhalten nicht das Geringste zu tun und sei daher auch mit dem muslimischen Glauben an sich nicht vereinbar. Die Wut könne Onur schon nachvollziehen, aber: „Wenn Wut in Gewalt umschlägt, ist das nie richtig.“

Aller Meinungsfreiheit zum Trotz sollte provokantes Material wie der Film „Innocence of Muslims“ nicht veröffentlicht werden, sollten gar nicht erst in Umlauf geraten, sagt Onur. „Sie stören den inneren Frieden und das Miteinander.“ Insofern steht der Vorsitzende der Hamelner Islamischen Gemeinde einem in Berlin diskutierten Verbot des Films grundsätzlich positiv gegenüber: „Dieser Film gefährdet den Frieden, und er ist genau zu diesem Zweck hergestellt worden.“

„Die friedvolle Seite des Islam habe ich bereits in meiner frühesten Kindheit kennengelernt“, erzählt Erkan Bahadir. Der junge Mann, der sich zurzeit zum Justizvollzugsbeamten ausbilden lässt, sagt, er könne die Wut auf die Mohammed-Parodie nicht nachvollziehen und finde die Reaktionen überzogen. „Flaggen verbrennen und Botschaften angreifen, sind nicht die richtigen Zeichen, die unsere Religionsgemeinschaft nach außen senden sollte. Wir sollten eher am Dialog arbeiten und miteinander leben, statt gegeneinander zu kämpfen.“ Beim Thema Dialog sind Onur und Bahadir sich einig, auch der Vorsitzende der Islamischen Gemeinde ruft seine Mitglieder dazu auf, das Gespräch zu suchen, näher zueinanderzurücken, damit Störungen von außen wirkungslos werden. Was ein mögliches Verbot des Schmähfilms anbelangt, hat Erkan Bahadir eine andere Haltung: „Jeder sollte seine Meinung frei äußern können, genauso wie jeder das Recht hat, die Meinung eines anderen anzuzweifeln.“ Von einem Vorführungsverbot hält der junge Muslim nichts. „Vielen Muslimen fehlt hier aber leider einfach ein Stück Gelassenheit – und genau das ruft noch mehr Provokationen hervor.“

„Auch ich bin eher dafür, darzustellen, vor welchem Hintergrund und mit welcher Intention der Film gemacht und verbreitet wurde, anstatt ihn zu verbieten“, sagt Takva Wilken. Die Hamelnerin ist sich sicher, dass sich die Lage dann beruhigen würde: „Damit, dass so etwas immer wieder kommt, werden wir ohnehin leben müssen.“ Um die Welle der Gewalt zu verstehen, welche die Mohammed-Verhöhnung ausgelöst hat, müsse man sich den Stellenwert des Propheten innerhalb des Islam vor Augen führen: „Dem muslimischen Glauben nach existiert das Universum, existiert alles einzig und allein, weil es den Propheten Mohammed gibt“, erklärt Wilken. Wenn dieser Prophet nun öffentlich in den Schmutz gezogen werde, erzeuge das Wut, „auch bei mir“, sagt die Hamelnerin. „Die Aggressionen und die Gewalt befürworte ich aber nicht – wie in jeder Religion gibt es auch im Islam Menschen, die nicht nachdenken, wir sind aber nicht alle wie die Menschen aus dem Fernsehen, die Flaggen verbrennen und Botschaften stürmen. Bei dem Film handelt es sich um eine kalkulierte Aktion, um den Islam in den Schmutz zu ziehen.“

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