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Hameln und Brjansk sind seit einem Vierteljahrhundert miteinander verbunden

Es begann mit Sauna, Wodka und Fußball

Hameln/Brjansk. Begonnen hat alles mit dem Besuch einer Fußballmannschaft in Bückeburg, die einen Gegner suchte: 25 Jahre ist das her. Eine Delegation aus der russischen Provinz Brjansk war gerade im Weserbergland zu Gast, und Norbert Raabe, Geschäftsführer des Paritätischen Hameln, konnte spontan Abhilfe leisten – indem er einen Termin in der Sporthalle der Jugendanstalt Hameln vermittelte. Der sonst übliche Umtrunk nach Spielende fiel angesichts der besonderen Situation der jungen Strafgefangenen zwar aus – am nächsten Tag allerdings kam es erstmals zu Gesprächen über die krisenhafte Lage in der Noch-Sowjetunion. Dabei wurde deutlich, dass es in dem von der Tschernobyl-Katastrophe betroffenen Gebiet erhebliche medizinische Probleme gab.

veröffentlicht am 23.01.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 12:41 Uhr

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Auf Einladung des Brjansker Gouverneurs brachen Raabe und der Beiratsvorsitzende des Paritätischen, Hermann Niederhut, bald zu einem Gegenbesuch auf. In Russland saunierten sie mit ihren neuen Freunden nicht nur in der „Banja“, sondern probierten auch Trockenfisch und Wodka. Schnell wurde der Grundstein für eine andauernde Partnerschaft gelegt: Der Paritätische Niedersachsen entschied sich, die Hamelner Aktivitäten zu unterstützen.

Über allem schwebte jedoch die nicht sichtbare Radioaktivität. Die meisten Kinder sahen sehr blass aus, die Mütter schoben jede normale Krankheit auf das Unglück in der benachbarten Ukraine. Der Übergang von der Planwirtschaft zum Kapitalismus brachte zudem viele Verunsicherungen mit sich, große Betriebe entließen Tausende von Mitarbeitern.

Von einem auf den anderen Tag war jeder seines eigenen Glückes Schmied, das bis dahin in Schulen und Pionierorganisationen gelehrte System der Gleichheit zählte nicht mehr. Für viele soziale Projekte und auch für das Gesundheitswesen war plötzlich kaum mehr Geld vorhanden, die Arbeit in Kulturhäusern und Kinder- und Jugendeinrichtungen wurde eingestellt.

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Vor 25 Jahren begann die Beziehung zwischen Hameln und Brjansk. Seitdem wurde die Partnerschaft stetig gefestigt – mit gegenseitigen Besuchen beispielsweise der Basilius-Kathedrale in Moskau (li.), einer Demonstration für mehr Rechte für behinderte Menschen (re. o.) und einer Märchenvorstellung (re.). pr

Mit einem Fortbildungsprogramm für die Mediziner des Brjansker Gebietskinderkrankenhauses und der Einladung von Dozenten des Lehrstuhls für Germanistik konnten die Kontakte in den ersten Jahren weiter vertieft werden. Den Nachholbedarf in der Behindertenarbeit konnte der frühere Leiter der Lebenshilfe Hameln, Dieter Lisner, befriedigen: Er nahm Kontakt mit bestehenden Organisationen auf und bot Pädagogen und Therapeuten Praktika mit Erfahrungsaustausch im Landkreis Hameln-Pyrmont an.

Den Hamelner Initiatoren war ein Kulturaustausch jedoch genauso wichtig wie medizinische Hilfe: Dieser begann Anfang der 1990er Jahre im Hamelner Hochzeitshaus mit der Ausstellung „Tschernobyl-Requiem“. Valeri Titivkin aus einem kleinen Ort in der Region Brjansk hatte Skulpturen aus Gips geschaffen und mit einer Bronzefarbe behandelt. Titivkin selbst war einer der 700 000 Liquidatoren, die ganz in der Nähe von Brjansk in den ersten Tagen den Brand im Atomkraftwerk Tschernobyl löschen mussten. Später gab es Kunstausstellungen mit Bildern von Heinz Wattenberg, einen musikalischen Auftritt von Gunner Wiegand in Brjansk, das Ehepaar Lehwald vom Forsthaus Hämelschenburg feierte seine Ausstellungen „Kunst im Wald“ mit verschiedenen Künstlern aus der Region Brjansk. Auch gründeten sie selbst einen kleinen Verein und unterstützen jahrelang ein Waisenhaus in Sewsk. Die Maler Woskoboinikov und Sinofkin stellten ihre Werke in zahlreichen Ausstellungen an verschiedenen Orten des Landkreises aus – um nur einige zu nennen.

Auch wenn eine offizielle Städtepartnerschaft zwischen Hameln und Brjansk nie zustande kam – die zwischenmenschlichen Beziehungen sind, auch dank Neuer Medien, bis heute stabil. Trotz der derzeit schwierigen politischen Lage zwischen Russland und der Ukraine wies der deutsche Botschafter in Moskau, Rüdiger von Fritsch, Ende letzten Jahrs darauf hin, „dass insbesondere humanitäre Organisationen Kontakt mit russischen Einrichtungen pflegen sollten“. Dies trage in erheblichem Maße zur Völkerverständigung bei. Und Hameln hilft dabei. Seit 25 Jahren.red



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