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Aber bis zur vollen Transparenz werden noch Monate vergehen / Prüfer bewerten 64 Kriterien

Erste Schulnoten für Pflegeheime online

Hameln-Pyrmont (ni/roh). „Sehr gut“ oder nur „ausreichend“, „befriedigend“ oder gar „mangelhaft“ – die Pflegeeinrichtungen in Deutschland erhalten zurzeit Zensuren. Doch bis der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) sämtliche Heime unter die Lupe genommen hat, vergehen noch Monate. Im Landkreis Hameln-Pyrmont ist die Bewertung inzwischen für eine einzige der 49 Einrichtungen abgeschlossen. Die Heimbetreiber müssen sich seit Juli 2009 darauf einstellen: Ihren Häusern drohen nicht nur schärfere, sondern auch unangemeldete Kontrollen. Und im Unterschied zu früher, als Ergebnisse dieser Untersuchungen höchstens durch gezielte Indiskretionen an die Öffentlichkeit kamen, sind die Prüfberichte des MDK jedem zugänglich. Die AOK Niedersachsen, unter anderem für die Veröffentlichung der „Transparenzberichte“ in der Region verantwortlich, hat dafür die Internetadresse www.aok-pflegeheimnavigator.de eingerichtet. „Prüfungen von Heimen im Landkreis hat es schon gegeben, und uns liegen auch Berichte vor“, sagt Michael Wyrwoll von der Heimaufsicht des Kreises. Diese Berichte seien aber vertraulich und enthielten auch noch keine Bewertungen. Lediglich für die Tagespflege im St.-Laurentius-Heim in Bad Pyrmont sei das Verfahren abgeschlossen; bei zwei weiteren Heimen im Kreis sei es immerhin schon soweit gediehen, dass die Pflegenoten „in den nächsten Tagen“ im Internet nachzulesen seien, weiß AOK-Sprecher Klaus Altmann. Die MDK-Berichte lägen bereits vor, die den Heimen eingeräumte 28-Tage-Frist zur Stellungnahme sei abgelaufen.

veröffentlicht am 28.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 22:41 Uhr

Die Qualität der Betreuung im Pflegeheim soll transparenter werd
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Nicht beantworten kann Altmann allerdings die Frage, warum die beurteilte Pyrmonter Einrichtung im „Pflegenavigator“ der AOK zu finden ist, bei www.pflegelotse.de – der Internetseite des Verbands der Ersatzkassen (VdEK) – aber nicht.

Wie ist es um die medizinische Versorgung der Heimbewohner bestellt, wie um die Qualität ihrer Betreuung und Beschäftigung? Inwieweit gehen Heimbetreiber auf die besonderen Bedürfnisse dementer Menschen ein? Wie halten sie es mit der Hygiene und der Verpflegung und wie mit der Gestaltung der Zimmer und Gemeinschaftsräume? Die Qualitätsprüfung des MDK ist bundesweit einheitlich festgelegt und umfasst 64 Einzelkriterien, davon 35 aus dem Kernbereich der pflegerischen und medizinischen Versorgung. Aus ihnen ergibt sich die Gesamtnote für das Heim. Als wenig aussagekräftig hat sich laut MDK die Befragung der Bewohner erwiesen. Nahezu alle beurteilten Einrichtungen erhielten von den dort lebenden Menschen Bestnoten, Negativbewertungen gab es gar nicht. Viele Bewohner haben nach Beobachtung der Fachleute Angst, eine falsche Antwort zu geben, wenn sie von Prüfern des MDK befragt werden. Auch Angehörige scheuten nicht selten den Gang zur Heimaufsicht oder zum MDK, nicht zuletzt deswegen, weil sie fürchteten, ihre Angehörigen würden den Ärger der Pflegekräfte auf sich ziehen. Die Ergebnisse der Bewohner-Befragungen fließen nun nicht in die Gesamtnote ein.

Ein Blick in die bereits veröffentlichten Zeugnisse zeigt, dass die Gutachterteams – anders als Kritiker des Modells befürchtet hatten – offenbar genau hinsehen und sich auch nicht scheuen, schlechte Zensuren zu verteilen. Dem MDK standen für die Überprüfungen bisher 14 Mitarbeiter zur Verfügung. „Wir stellen massiv Personal ein, um den Anforderungen der Pflegereform gerecht zu werden“, sagt Sprecher Martin Dutschek. Bis Ende 2010 sollen es in Niedersachsen 70 Prüfer sein. Der Prüfintervall pro Heim wird ab 2011 von bisher durchschnittlich fünf Jahre auf ein Jahr reduziert. Bis Ende 2010 hat der MDK Zeit, alle Pflegeheime zu besuchen und die Ergebnisse an die Krankenkassen weiterzugeben. Mit dieser transparenten Darstellung der Qualität von Pflegeheimen wird es auf der einen Seite dem Verbraucher, also pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen, erleichtert, Pflegeeinrichtungen zu vergleichen, auf der anderen Seite wird sich der Wettbewerb der Heime verschärfen, wie Heimleiter der Region und Horst Dieter Bieri, Vorsitzender des Hamelner Seniorenrates, feststellen. Bieri betont: „Im Sinne des Verbraucherschutzes ist die Transparenz ein wichtiger Schritt. Aber um die Ergebnisse auch zu verstehen, muss man schon Spezialist sein. Ich wünschte mir unabhängige Beratungsstellen.“

Während der MDK die „Prozessqualität“ bewertet, also die Pflege des Bewohners, kümmert sich die Heimaufsicht des Landkreises um die „Strukturqualität“, also die Einrichtungen an sich. Der Heimaufsicht steht im Gegensatz zum MDK und den Krankenkassen ein umfassender Sanktionskatalog zur Verfügung. Die Krankenkassen haben nur die Möglichkeit, den Versorgungsvertrag mit den Einrichtungen zu kündigen oder für nicht erbrachte Leistungen Rückforderungen zu stellen. „Den Versorgungsvertrag zu kündigen, dauert jedoch mindestes ein Jahr“, schildert Hanno Kummer vom VdEK. Zudem könnten die Heimleitungen das Verfahren in die Länge ziehen. Ein Einspruch etwa erfordere eine Wiederholungsprüfung. Zum anderen bedeute gerade für die Bewohner von Pflegeeinrichtungen die Kündigung des Versorgungsvertrages seitens der Krankenkasse einen Umzug in ein anderes Pflegeheim – und dies sei eigentlich das Letzte, was man den Bewohnern zumuten möchte. Die Heimaufsicht – in Hameln-Pyrmont und Holzminden sind das drei Sachbearbeiter – kann als Behörde ermahnen, verwarnen, Bußen bis 25 000 Euro verhängen, Beschäftigungsverbote für einzelne Mitarbeiter aussprechen, kommissarische Heimleitungen einsetzen und – als ultima ratio – ein Heim schließen.



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