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Eine Paartherapie ist oft die letzte Rettung, wenn in einer Beziehung vieles schief läuft

Erste Hilfe für die Liebe

Alles ist schrecklich! Die Beziehung zum einst wirklich geliebten Menschen kurz davor, endgültig den Bach runterzugehen. Nur noch Nerven und Nörgeln, eine Mischung aus Gleichgültigkeit, Resignation, Wut und Traurigkeit. Und dabei will man eigentlich zusammenbleiben, zu diesen Paaren gehören, die es über alle Krisen hinweg schaffen, sich zu achten und weiterhin zu lieben. Einst, am Beginn, da schien doch alles gut und richtig zu sein. Hilfe! Ja, Hilfe – die gibt es durchaus. Ganz in der Nähe, oft um die Ecke und für eine bezahlbare Summe. Bei den Paarberatungsstellen der Diakonischen Werke zum Beispiel.

veröffentlicht am 19.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 09:21 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Man kann nicht sagen, dass diese Beratungsstellen überlaufen wären. Es gehört Mut dazu, sich gemeinsam einzugestehen, dass man in einer Beziehungsklemme steckt, in einer Art Abwärtsspirale aus sich ständig wiederholenden Streitigkeiten, bei denen oft der eine Vorwürfe macht, gegen die der andere sich sperrt und wehrt. Das vertrackte „Vorwurfsspiel“, so nennt es Familientherapeutin Christine Koch-Brinkmann aus dem „Haus der Diakonie“ in Rinteln. „Unter der Oberfläche der Vorwürfe, die im Einzelnen manchmal geradezu kleinlich wirken können, darunter verbergen sich oft schwer greifbare Wünsche und Bedürfnisse. Viele der Paare, die eine Beratung suchen, verstehen einfach nicht, was mit ihnen los ist.“

Ekkehard Woiwode, Paartherapeut im Hamelner „Haus der Diakonie“, macht dieselbe Erfahrung und sieht genau darin auch den Ansatzpunkt für die Beratung: „Die beiden, die eine neutrale Person aufsuchen, wären einfach froh, wenn sie überhaupt erst einmal erkennen, was da zwischen ihnen abläuft. Und ich als Therapeut will es auch verstehen, ich stelle ,dumme Fragen‘, die dazu beitragen, dass das Paar durch seine Antworten die eigene Beziehung besser kennenlernt.“ Die allermeisten Ratsuchenden seien gefangen in scheinbar unaufbrechbaren Konfliktmustern, die auf Dauer so zermürben, dass sich beide allein nicht mehr zu helfen wissen. „Wir nehmen nicht Partei, wir greifen keine Vorwürfe auf, plädieren nicht für oder gegen eine Trennung, wir stellen in erster Linie Fragen.“

Es sind scheinbar einfache Fragen, die die beiden Therapeuten aufzählen: „Seit wann ist es so schwierig? War es schon mal anders? Wie haben Sie sich damals gefühlt, wie fühlen Sie sich heute?“ Oft stelle sich heraus, dass ein Paar den wichtigsten Schritt innerhalb einer Beziehung selbst nach vielen Jahren noch nicht bewältigen konnte: den Übergang von der Verliebtheit in eine reifere Liebesbeziehung. „Für manche sieht die Lösung so aus, dass einfach alles wieder so sein soll, wie sie es aus der Anfangszeit in Erinnerung haben“, meint Christine Koch-Brinkmann. „Wie damals wollen sie auf Händen getragen werden, wünschen, dass man ihnen jede Regung von den Augen abliest und dass sie sich gegenseitig kritiklos so annehmen, wie jeder eben ist.“

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  • Im Haus der Diakonie können sich Paare Hilfe holen. Dana

Dabei wird dann vergessen, dass die Verliebtheit, die zwei Menschen zusammenführt, einhergeht mit einer Idealisierung des anderen, der niemand wirklich entsprechen kann. „Die Ent-Idealisierung, der realistischere Blick auf den Partner bedeutet oft eine große Enttäuschung, Wut auch und fatalistischen Rückzug“, so Ekkehard Woiwode. „Es stellt sich heraus, dass man den anderen nicht einfach verändern und dem eigenen Ideal anpassen kann, und sieht das als Missachtung.“ Der „realistische Blick“, ihn gilt es auszuhalten, und zwar so, dass man den Partner nicht ständig an dem misst, was man in ihn hineininterpretierte, sondern an dem Verständnis, dem Interesse, das man für ihn aufzubringen bereit ist. Ist da noch die Bereitschaft, füreinander Verantwortung zu übernehmen, Verbindlichkeiten einzugehen, eine gemeinsame Perspektive zu entwickeln?

„Paare, die Hilfe suchen, sind in den meisten Fällen an der Fortsetzung ihrer Beziehung interessiert“, sagt Christine Koch-Brinkmann. „In der Beratung kommt es darauf an, einen Weg zu finden, die bisher empfundenen Kränkungen, Verletzungen, Missachtungen, Respektlosigkeiten in gewisser Weise zu relativieren.“ Nicht in dem Sinne, dass etwa Gewalttätigkeit, Suchtprobleme oder regelrechte narzisstische Störungen unter den Tisch gekehrt werden sollen – solche schwerwiegenden Dinge könnten innerhalb einer normalen Paarberatung gar nicht gelöst und müssten an Spezialisten verwiesen werden. „Es geht immer weiter um gegenseitiges Verstehen“, sagt sie. „Warum fühlt man sich angegriffen und verletzt und was steckt dahinter, wenn der andere sagt, er habe niemals angreifen, verletzen, missachten wollen.“

Tatsächlich folgen viele Menschen eingefahrenen Beziehungsmustern, die sich aus ihren Lebensgeschichten ergeben und die dann als Konflikt in der Partnerschaft auftauchen, ohne direkt etwas mit dem Partner zu tun zu haben. „Es ist durchaus typisch, dass Probleme, die man eigentlich mit den Eltern hat, am Partner abgehandelt werden, der dann nicht weiß, wie ihm geschieht“, meint Ekkehard Woiwode. „Meiner Erfahrung nach bedeutet es eine große Entlastung, solche Zusammenhänge zu erkennen, speziell für die Person, die anstelle der eigentlichen Konfliktperson quasi benutzt wird.“ Was dann folge, seien Verhandlungen. Wie viel kann man aushalten und wegstecken, im Bewusstsein, dass man nicht selbst gemeint ist? Wo kann man sein Verhalten ändern, nachdem das Grundmuster durchschaut wurde?

Ob die Liebe noch zu retten ist oder nicht, das hänge vor allem von einer Voraussetzung ab: gegenseitigem Respekt. „Respekt ist das Wesentliche“, so Christina Koch-Brinkmann. „Ein Respekt, der die Bedürfnisse des anderen achtet und es nicht darauf anlegt, ein Erziehungslager zu eröffnen. Es sollte möglich werden, lösbare von unlösbaren Problemen zu unterscheiden. Man wird außerdem nicht drum herum kommen, den Macken des anderen gleichgültiger gegenüberzustehen.“ Dass das nicht immer gelingt, liegt auf der Hand. Hin und wieder kommt es vor, dass ein Paar sich direkt während der Beratung trennt, so, als hätten sie nur einen offiziellen Zeugen benötigt, der definitiv bestätigt: Es ist jetzt wirklich vorbei. „Manchmal gibt es auf einer Seite keine Liebe, kein zugeneigtes Gefühl mehr, nur noch Abneigung und den Wunsch nach Distanz“, so Ekkehard Woiwode. „Oder einer von beiden hat sich neu verliebt und erkennt, dass er keine Energie mehr aufbringen kann, sich noch mit der alten Beziehung auseinanderzusetzen.“ Es gäbe immer mal wieder Gespräche, deren Anliegen darin bestehe, dass der Verlassene die Trennung überlebt. „Das ist legitim, auf jeden Fall.“

Konnte aber neuer Mut geschöpft werden, gelang es, sich und den anderen besser zu verstehen und darauf zu setzen, dass genug Anknüpfungspunkte (neu) entdeckt wurden, die die Fortsetzung der gemeinsamen Geschichte zu einer hoffnungsvollen Sache machen, dann geben die Berater auch Ratschläge mit auf den Weg, zum Beispiel Hilfestellungen, wie man vermeidet, das fatale „Vorwurfsspiel“ erneut zu beginnen, etwa durch regelmäßige Zwiegespräche der Partner, in denen jeder seine aktuelle Befindlichkeit äußert – als schlichte Rückmeldung, die nicht diskutiert, sondern einfach nur angehört wird. „Man kann auch jederzeit wiederkommen, zu ,TÜV‘-Terminen ohne konkreten Anlass, das machen einige“, sagt Ekkehard Woiwode.

Immer noch sei es für viele Paare mit Konflikten kein leichter Schritt, sich Hilfe von außen zu holen. „Über persönliche Dinge lieber nicht reden zu wollen, hat oft eine Schutzfunktion, spiegelt die Erfahrung wider, genau dann zurückgestoßen zu werden, wenn man sich hatte öffnen wollen.“ Die Paarberatung aber eröffnet einen Raum, in dem diese Erfahrung aufgebrochen werden kann. Immerhin, anders als noch vor 20 Jahren, als es meistens die Frauen waren, die allein zur Beratung kamen und die Männer erst dann mitziehen konnten, wenn die spürten, dass ihnen alle Felle wegschwimmen, kämen heute meistens gleich beide Partner zusammen, auch sehr junge Paare. „Es ist erstaunlich, dass sich manche Probleme ziemlich schnell klären lassen, sobald man sie gemeinsam einem neutralen Gegenüber verständlich machen will.“ Erstgespräche sind in den Paarberatungen der Diakonie (und auch der Caritas) kostenlos, danach wird um Spenden zwischen 20 und 50 Euro pro Termin gebeten, es sei denn, das würde eine finanzielle Überforderung darstellen.

Statt Zärtlichkeit gibt es Streit, statt Verständnis Vorwürfe – eine harmonische Beziehung sieht anders aus. Ist die Liebe noch zu retten, fragen sich viele Paare, wenn sie ins „Haus der Diakonie“ in Hameln kommen. In einer Paartherapie versuchen sie, eine Antwort zu finden, um ihre Beziehung zu retten – oder aber sich doch zu trennen.



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