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Brücke als Verein für seelisch Kranke wirkt für manche Betroffene wie eine große Ersatzfamilie

Erste Hilfe auf dem Weg zurück ins Leben

Treffpunkt Kaiserstraße 80: Rosemarie W. und Reinhard T. helfen in der Küche. Gemeinsames Kochen, Essen und Abwaschen gehört zum vielfältigen Angebot der Brücke.

veröffentlicht am 28.10.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 02:41 Uhr

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Foto: sto

Hameln (sto). Die Schlinge um den gebrochenen Arm sieht jeder. Auch den Verband, der eine tiefe Wunde schützen soll. Die Schlinge, die sich um die Seele gelegt hat und die Wunden in der Seele sieht jedoch niemand. Wer nicht funktioniert, wie von ihm erwartet, wird belächelt, sogar verachtet. „Reiß dich zusammen“, ist ein Satz, den sich seelisch kranke Menschen oft anhören müssen. Verständnis für die Krankheit ihrer Seele finden sie selten. Mit ihrer Situation überfordert, kapseln sie sich ab und drohen zu vereinsamen.

„So war es lange Zeit auch bei mir. Dank der Brücke macht mir das Leben nun wieder Spaß“, erzählt Rosemarie W. Die 69-Jährige ist seit über einem Jahr regelmäßige Brücke-Besucherin. Der Verein für seelisch kranke Menschen „Die Brücke“ hat sich zur Aufgabe gemacht, Betroffenen aus ihrem tiefen Tal der Ängste, der Verzweiflung, der Depressionen und der Isolation herauszuhelfen.

Vor 20 Jahren aus der Arbeit der Sozialstation heraus gegründet, ist die Begegnungsstätte in der Kaiserstraße 80 mittlerweile für viele zu einer verlässlichen „Lebensbegleiterin“ geworden. „Der Paritätische Wohlfahrtsverband unterstützt die Brücke von Anfang an. Sie leistet hervorragende Arbeit und genießt hohes Ansehen“, betont Norbert Raabe, Geschäftsführer des Paritätischen Hameln-Pyrmont.

„Wir begleiten jährlich etwa 120 bis 130 Frauen und Männer im Alter von 20 bis über 70 Jahren“, bilanziert Renate Sielaff, die sich als pädagogische Mitarbeiterin mit Birgid Schäfer eine Stelle teilt. Zwei Drittel der Brücke-Besucher seien Frauen. Warum die Männer in der Minderheit sind, können beide nur vermuten. „Vielleicht schämen sie sich oder denken, sie müssten stricken oder basteln“, überlegt Birgid Schäfer. Das Angebot der Brücke ist jedoch wesentlich vielfältiger. Auch gemeinsames Kochen und Essen, Spielenachmittage, Boule, kreatives Gestalten, Internetcafé, Gesundheitstraining und die Gestaltung des „Brücke-Kuriers“ gehören dazu.

Den größten Stellenwert jedoch haben Gespräche über „Gott und die Welt“ sowie individuelle Beratungen. „Die vielen Gespräche haben mir aus meinem Tief herausgeholfen. Ich fühle mich nicht mehr als Marionette und bin jetzt wieder ich selbst“, sagt Rosemarie W. Viele Jahre lang habe sie unter starken Depressionen gelitten. Alles sei ihr schwergefallen, selbst das morgendliche Aufstehen. Sie habe sich überfordert gefühlt und sei desinteressiert gewesen. Auf die Brücke hat ihre Tochter sie vor gut einem Jahr aufmerksam gemacht. „Anfangs war ich sehr zurückhaltend, doch die Gespräche und die Gemeinschaft haben in mir Blockaden gelöst. Ich habe gelernt, wieder zuzupacken im Leben“, betont die Brücke-Besucherin.

Irma H. gehörte zu den ersten Besuchern. Seit 20 Jahren kommt die mittlerweile 64-Jährige regelmäßig in die Begegnungsstätte, um Kontakte zu pflegen und Freude mit anderen zu haben. „Die Gemeinschaft und die Gespräche tun mir gut. In der Brücke fühle ich mich geborgen wie in einer Familie“, erzählt Irma.

Eine Freundin hatte ihr damals geraten, die Einrichtung aufzusuchen, um ein traumatisches Erlebnis aufzuarbeiten – den sexuellen Missbrauch, den sie als fünfjähriges Mädchen erleiden musste. „Seit meiner Kindheit ist meine Seele krank“, sagt Irma.

Reinhard T. ist seit zwölf Jahren dabei. „Seelische Probleme, unter anderem durch Mobbing in der Firma, haben mein Leben durcheinandergebracht. Die Brücke hat mir geholfen, es wieder neu zu ordnen“, sagt der 42-Jährige rückblickend.



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