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So lernen Migranten in der Sprachlernklasse am Schiller-Gymnasium

Erste Übung: Mädchen respektieren

veröffentlicht am 01.09.2016 um 17:18 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:04 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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HAMELN. Das Käppi muss ab, das Handy kommt in eine Box und Mitschüler – insbesondere Mädchen – müssen respektiert werden. So lauten einige der Regeln in der Sprachlernklasse am Schiller-Gymnasium. Sie wird derzeit von 14 Schülern mit Migrationshintergrund besucht. Vor allem mit der letzten Regel hatten einige Jungen ihre Schwierigkeiten, sagt Lehrerin Anja Kimmich. Andere kulturelle Sitten zu akzeptieren, in denen Frauen gleichberechtigt sind, war für manche von ihnen sehr gewöhnungsbedürftig, sagt sie. Aber nun halten sie sich daran. Die Mädchen, die sich anfangs, besonders bei politischen Diskussionen, zurückhielten, genießen den Raum, der sich für sie öffnet. Manchmal legen die Debatten auch religiöse Konflikte frei. Die Pädagogen lassen den Schülern, von denen viele aus Syrien stammen, dann viel Raum zum Diskutieren und Erzählen.

Weil sie spüren, wir schwierig es für die Schüler ist, den Heimatverlust zu bewältigen. Sie wollen zeigen, dass sie ein Leben dort hatten und sich den Neuanfang nicht ausgesucht haben. „Sie sprechen sehr offen darüber“, sagt Klassenlehrerin Sarina Becker. Um religiöse Toleranz geht es auch bei dem Stück „Nathan der Weise“, das demnächst im Hamelner Theater aufgeführt wird. Die Schüler der Sprachlernklasse sind dort integriert – „sie sprechen ein muslimisches Gebet und haben Statistenrollen“, sagt Becker.

Insgesamt unterrichten fünf Lehrer die Klasse, eine sozialpädagogische Kraft steht zur Seite. Sie alle haben sich freiwillig gemeldet und sind sich einig, dass es in der Sprachlernklasse anstrengender ist – aber das auch mehr zurückkommt. „Klare Regeln sind in dieser Klasse notwendiger als in anderen“, sagt Sportlehrer Jan Owczarski. Die Gründe sind vielfältig, am offensichtlichsten sind die erhebliche Altersspanne und das unterschiedliche Vorwissen der Kinder. Während einige kaum alphabetisiert sind, können andere schnell in eine Regelklasse wechseln.

Eineinhalb bis zwei Jahre sind für den Aufenthalt in der Übergangsklasse vorgesehen, in der fast täglich sechs Stunden Deutsch unterrichtet werden. Einige lernen freiwillig mehr: Wenn die 14-jährige Ashtar (Name von der Redaktion geändert) aus dem Irak nach Hause kommt, lernt sie weitere drei Stunden. Sie will schnell in eine Regelklasse, ihr Lieblingsfach ist Mathematik.

Nach Leistungsstand vorzusortieren sei dagegen kaum möglich, sagt Owczarski, also landet erst mal eine bunte Mischung aus Könnern, weniger Leistungsfähigen, Traumatisierten und besonders Motivierten in einer Klasse. Eine echte Herausforderung. „Am Anfang war es schon chaotisch“, sagt Jan Owczarski.

Schulisch gesehen hätten viele durch den Krieg in Syrien ein kaum aufholbares Defizit von zwei bis drei Jahren. Ein Problem ist das vor allem für die älteren Schüler: Selbst wenn sie relativ schnell Deutsch lernten, reiche es in der Kürze der Zeit dennoch oft nicht für die Anforderungen beim Abitur. „Sie machen ihren Abschluss dann an der HLA oder an der Eugen-Reintjes-Schule“, sagt Owczarski.

Andere, meist jüngere, haben den Sprung in die Regelklasse bereits geschafft: Sechs besuchen inzwischen eine Regelklasse am Schiller-Gymnasium, zwei die IGS, einer die Oberschule, einer die Wilhelm-Raabe-, zwei die Eugen-Reintjes-Schule und einer die Handelslehranstalt. Eine Schülerin macht eine Ausbildung zur Optikerin. „Das ist der schönste Moment für mich“, sagt Jan Owczarski, „Wenn ich sehe, dass sie Fuß gefasst haben, dann macht die Arbeit Spaß.“

Ginge es nach Bildungsökonom Ludger Wößmann, gäbe es die dauerhaften Sprachlernklassen gar nicht. In einem Gespräch mit der Tagesschau sagte er: „Wenn wir die Flüchtlinge in separaten Klassen konzentrieren, erschweren wir die Integration.“ Ähnlich denkt PISA-Chefkoordinator Andreas Schleicher: Er hatte die Vorbereitungsklassen der Bundesländer, in denen Flüchtlingskinder unter sich sind, als Notbehelf bezeichnet.

Der Argumentation Wößmanns kann Lehrer Owczarski nur bedingt folgen, denn bei aller Dauerhaftigkeit dieser Klassen solle der Aufenthalt von Kindern mit Migrationshintergrund dort natürlich so kurz wie möglich gehalten werden. Die Erfahrung, dass die Schüler in der Sprachlernklasse eher unter sich bleiben und ihre Heimatsprache verfallen, anstatt Deutsch zu sprechen, hat der Lehrer des Schiller-Gymnasiums auch schon gemacht. „Aber ganz ohne sprachliche Mittel und kulturelle Regeln ist es definitiv schwierig. Die Klassen machen Sinn.“

Darüber hinaus ist der Übergang in die Regelklasse längst kein abrupter: Die Integration läuft anfangs vor allem über den Musik-, Kunst- und Sportunterricht, an dem die Schüler aus der Sprachlernklasse stundenweise teilnehmen. Und wer schneller Deutsch lernt, kann sowieso früher wechseln. So weit wie die Schere beim schulischen Stand und beim Alter auseinandergeht, geht sie auch bei der Motivation auseinender. Sich sechs Stunden lang auf Deutsch zu konzentrieren, ist keine einfache Sache.

Zeugnisse gibt es für die Kinder der Sprachlernklasse nicht, lediglich Beurteilungsbögen, in denen Arbeitsverhalten , Sozialverhalten und interkulturelle Kompetenz beurteilt wird. Bei den Migrantenkindern der Regelklasse habe man sich darauf geeinigt, dass es zunächst nur Noten gibt, wenn sie gleich vier oder besser sind.



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