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Lea, Cornelia und Werner besuchen an der VHS in der Sedanstraße einen Kursus für Analphabeten

Erst mit Mitte 40 in die Welt der Buchstaben

Hameln (ni). Wie kommt man als erwachsener Mensch durchs Leben, ohne lesen und schreiben zu können? „Mit Freunden, denen man vertrauen kann“, sagt Cornelia. Und indem man „wegeht, wenn Leute einen auslachen, weil man nicht lesen kann“. Bis vor anderthalb Jahren war Cornelia Analphabetin, Gestern hat die 47-Jährige zuhause ganz allein den Text eines Kalenderblattes „geschafft“. Werner (47) und Lea (42) nicken ihr anerkennend zu. Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, sich in der Welt der Buchstaben zurechtzufinden. Die Biografien der drei haben nichts gemeinsam; ihre Wege kreuzten sich erst, als sie sich entschlossen, bei der Volkshochschule das Lesen und Schreiben zu lernen.

veröffentlicht am 07.09.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 07:21 Uhr

Kinderleicht, sollte man meinen, doch auch viele Erwachsene könn
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Bei Cornelia waren es Freunde, die sie auf den VHS-Kurs aufmerksam und ihr Mut machten, sich anzumelden. All die Jahre zuvor hatte sie sich durchgewurschtelt, ohne mit diesen verwirrenden Zeichen auf Papier etwas anfangen zu können. Sie hat als Kellnerin gearbeitet „und die Bestellungen einfach im Kopf behalten“. An ihre Kindheit erinnert Cornelia nur ungern: „Ich musste immer saubermachen und kochen; meine Eltern haben sich nur um sich selbst gekümmert, und meine Stiefmutter war oft böse zu mir.“ Ihre Schwierigkeiten in der Schule interessierten niemanden. Wenn sie ihre Arbeit im Haus nicht erledigte, hagelte es Strafen.

Zurzeit nimmt Cornelia an einer Maßnahme teil, die ihr vom Jobcenter vermittelt wurde. Ihren Kollegen hat sie erzählt, dass sie an der VHS einen Alphabetisierungskurs besucht. „Die waren alle nett und haben nicht über mich gelacht.“ Sich nach der Arbeit zweimal in der Woche aufzuraffen, um pünktlich um 18 Uhr in ihrer „Klasse“ zu sitzen, fällt ihr oft schwer. Dass sie sich trotzdem immer wieder überwindet, hat auch viel mit Kursleiterin Inge Sporleder zu tun, die für ihre Schüler weitaus mehr ist als nur Deutschlehrerin. Sie kennt die Lebensgeschichte ihrer erwachsenen Schüler, bei ihr laden sie ihre Probleme ab, holen sie sich Rat, wenn sie der Alltag wieder einmal vor Schwierigkeiten stellt, die sie allein nicht bewältigen können. „Die familiäre Problematik ist oft im Spiel; man muss hinter dem Schreib- und Leseprozess immer den Menschen sehen und für ihn da sein“, umschreibt Inge Sporleder selbst, wie sie ihre Rolle in diesem Kurs definiert.

Werner stammt aus einer kinderreichen Familie. Die Mutter konnte lesen, der Vater nicht. „So war das eben.“ Werner ging zur Sonderschule, „aber nur manchmal“. Das Schwänzen blieb ohne unangenehme Konsequenzen, „also habe ich doch lieber gespielt“. Und später nie verheimlicht, dass er weder lesen noch schreiben konnte. „Das war eben so.“ Bis vor vier Jahren, „da bin ich zum Glauben gekommen, und jetzt will ich die Bibel lesen können“. Darum hat er sich vor vier Monaten im Kurs angemeldet, dafür übt er zuhause. Die Evangelisten hat er schon „durch“. Jetzt ist er beim Römerbrief. „Hätte ich früher angefangen, wäre es einfacher gewesen“, sagt Werner und lacht dabei. Er hadert nicht mit seinem Schicksal („Ich habe doch selbst Schuld“) und ist stolz auf seine Kinder, die den Realschulabschluss geschafft und einen Beruf erlernt haben.

Lea, in Indien geboren, mit einem Hamelner verheiratet und seit drei Jahren wieder getrennt von ihm, hat nie eine Schule besucht und tut sich umso schwerer mit dem gedruckten Wort. Manchmal schafft sie es nicht, zum Unterricht zu kommen. Ihr Körper steckt voller Bombensplitter, „die wandern und machen dann schlimme Schmerzen“. Lea müht sich mit den Buchstaben ab, weil sie eine Arbeit finden möchte. Sie hat sich schon oft um eine Stelle beworben. „Aber wenn ich im Vorstellungsgespräch gesagt habe, dass ich nicht lesen und schreiben kann, habe ich den Job nicht gekriegt“.

Lea, Werner und Cornelia sind drei von etwa vier Millionen Deutschen, die nicht lesen und schreiben konnten. Sie haben sich damit nicht abgefunden.

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