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Maskierte stechen mutmaßlichen Disko-Schützen nieder / Erste Urteile im „Nachtschicht“-Prozess

„Er hat uns verraten, nun geht er in den Knast“

Erleichtert: Farhad B. (24) ist mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Vor dem Landgericht Hannover umarmte er gestern Mutter Fatma.

veröffentlicht am 12.05.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 22:41 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann
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Hameln/Hannover. Der Hamelner Farhad B. (24), den die für Organisierte Kriminalität zuständige Abteilung der Staatsanwaltschaft in Hannover wegen versuchten Totschlags angeklagt hatte, war die Erleichterung anzusehen. Das Schwurgericht hat ihn gestern nur „wegen (illegalen) Führens einer halb automatischen Kurzwaffe“ zu einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Kurz nach dem Richterspruch umarmte der 24-Jährige seine auf ihn wartende Mutter Fatma und bedankte sich bei seinen beiden Verteidigern Burkhard Papendick und Eckart Klawitter. „Es ist gut für mich gelaufen“, sagte Farhad B. zur Dewezet.

Die 13. Große Strafkammer sieht es als erwiesen an, dass Farhad B. am 7. Februar 2008 – gemeinsam mit seinen Kumpels und bewaffnet mit zwei Schlagstöcken und einer Gaspistole – auf die Türsteher der Hamelner Diskothek „Nachtschicht“ zugegangen ist und als Erster einen Schuss in die Luft abgefeuert hat. Einer der Sicherheitsleute (37) soll daraufhin – ebenfalls mit einer Gaspistole – geschossen haben. Und zwar in Richtung Boden. Während sich die attackierten Türsteher zurückzogen, habe Farhad B. gerufen: „Los, hol die scharfe Waffe!“

Der wegen Beihilfe zum versuchten Totschlag angeklagte Osman I. (29) holte eine „Browning, Kaliber 6,35“ aus einem Auto und gab sie Hussein M. Der damalige „gute Freund“ von Farhad B. habe – so der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch – dreimal geschossen. „Mindestens ein Schuss wurde gezielt abgegeben“, sagte Rosenbusch. Das Projektil habe die Türsteher nur knapp in Kopfhöhe verfehlt. Dennoch geht das Gericht bei den gestern Verurteilten nicht davon aus, „dass es einen Tötungsvorsatz gegeben“ hat. Richter Rosenbusch sprach von einem „martialischen Auftreten“ und von „Drohgebärden“, sagte: „Es ging nicht darum, einen der Türsteher umzubringen.“ Farhad B. habe allerdings „zur Eskalation der Situation nachhaltig beigetragen“.

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Der „Gehilfe“ Osman I. kam ebenfalls mit einer Bewährungsstrafe wegen unerlaubten Waffenbesitzes (sieben Monate) davon. Wie Farhad B. darf sich Osman I. drei Jahre nichts zuschulden kommen lassen. Sein Verteidiger Detlef Kretschmer hatte dem Gericht zuvor berichtet, sein Mandant habe bei einem Feuer in Hameln jüngst eine Frau und ein Kind gerettet. „Er hat dafür sein eigenes Lebens riskiert“, sagte Kretschmer und fasste zusammen: „Dieser Mann hat einen guten Kern, er ist kein schlechter Kerl.“

Hussein M. (27), ebenfalls wegen versuchten Totschlags angeklagt, konnte nicht verurteilt werden. Der mutmaßliche Disko-Schütze war am späten Montagabend gegen 23 Uhr am Aubuschweg Opfer eines Verbrechens geworden. Laut Polizei wurde der 27-Jährige beim Joggen von zwei maskierten Tätern überfallen. Ein Gewalttäter brachte ihm mehrere Messerstiche bei, sein Komplize schlug mit einem dicken Ast auf ihn ein. Das Opfer der brutalen Bluttat wird im Krankenhaus behandelt.

Hussein M. droht Gefängnisstrafe

Hussein M. wird vermutlich der einzige Angeklagte sein, der ins Gefängnis muss. Die Kammer hat durchblicken lassen, dass der erheblich Vorbestrafte „mehr als zwei, aber deutlich weniger als fünf Jahre“ Haft zu erwarten hat. Ein ehemaliger Weggefährte, der gestern auf der Anklagebank saß, sagte über Hussein M.: „Er hat 16 von uns verraten, und nun ist er der Einzige, der in den Knast geht.“

Die übrigen vier Angeklagten, die wegen Beihilfe zum versuchten Totschlag vor Gericht standen, wurden freigesprochen. Ihnen war nicht nachzuweisen, dass sie wussten, dass in jener Februar-Nacht am Multimarkt scharf geschossen werden sollte.

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