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Clemens Rehse untersucht Unfallautos wie den Hamelner Ferrari

Er ermittelt, wenn es kracht

Hameln. Ein illegales Autorennen in Berlin endet mit einem Toten. In Hameln flog im letzten Jahr ein Ferrari über eine Hauptverkehrsstraße. Es gibt Ermittler, die solche Unfälle aufklären. Wir haben einen davon besucht.

veröffentlicht am 09.02.2016 um 16:33 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:08 Uhr

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Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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Der spektakuläre Verkehrsunfall ging durch alle Medien. Ein Audi und ein Mercedes rasten nachts in Berlin nebeneinander über die mehrspurige Tauentzienstraße, bretterten über mehrere rote Ampeln. An einer Kreuzung passierte es dann: Einer der Möchtegern-Sportwagen raste in einen Geländewagen. Dessen 69 Jahre alter Fahrer starb noch am Unfallort, drei Menschen wurden verletzt. Schnell sprach man von einem illegalen Autorennen.

Wie auch nach dem Unfall auf der Hamelner Deisterallee im vergangenen Sommer, als ein Ferrari über die Bundesstraße donnerte, gegen mehrere Bäume prallte und als Fahrzeugwrack am Straßenrand liegen blieb. Die Ermittlungen hierzu sind inzwischen bei der Staatsanwaltschaft abgeschlossen. Experten haben den Boliden untersucht, den Unfallort vermessen. Davon zeugen auf die Deisterallee gemalte Zahlen. Das Ergebnis kann aber aus formalen Gründen noch nicht mitgeteilt werden, sagt die Staatsanwaltschaft.

„Die Fahrzeuge wurden sichergestellt und zur Klärung der Unfallursache nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft ein Gutachter eingeschaltet“, heißt es oft in Polizeimeldungen. Dann klingelt bei Clemens Rehse das Telefon – oder bei einem seiner Kollegen. Der Mann aus Hannover wirft sich dann in seine grüne Dienstjacke und eilt zum Unfallort. Der Diplomingenieur ist öffentlich bestallter und vereidigter Sachverständiger für Straßenverkehrsunfälle. Eigentlich ist er gleichfalls Mathematiker, Physiker und Kriminalist – vielleicht sogar noch ein Detektiv. Die Arbeit des 46-Jährigen gleicht einem Puzzle. Wichtiger noch als Schnelligkeit ist in seinem Berufsalltag die Genauigkeit. Rehse klärt Unfallabläufe auf. Errechnet, wie schnell beteiligte Autos unterwegs waren. Stellt fest, wer Verursacher war. Weiß nach seinen Recherchen, ob Zusammenstöße vermeidbar gewesen wären. Selbst durch eine mikroskopische Untersuchung zerbrochener Glühbirnen erkennen Gutachter, ob an Unfallwagen das Licht angeschaltet war– oder auch nicht.

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Ein Energiewert

entspricht am Ende einer Geschwindigkeit

Wer auf dem Gelände von Rehses Arbeitgeber – der Dekra –, einen riesigen Autofriedhof oder viele Fahrzeuge mit Unfallschäden vermutet, liegt falsch. Die meisten Wagen, die der Experte unter die Lupe nimmt, stehen auf Höfen oder in Hallen von Abschleppunternehmen. „In der Region haben Unternehmen einen Vertrag mit der Staatsanwaltschaft, der vorsieht, Fahrzeuge zu bergen und so sicherzustellen, dass keiner rankommt“, erklärt der Dekra-Fachgebietsverantwortliche für Unfallanalyse und Fahrzeugtechnik. Und dort seien auch alle Gerätschaften – von einer Hebebühne bis zum passenden Werkzeug – vorhanden, die die Gutachter benötigen, um eine Untersuchung durchzuführen.

Wenn sie gute Daten haben, legen sich die Fachleute auf gefahrene Geschwindigkeiten fest. Bremsspuren, Verformungsbilder an Unfallwagen oder Angaben von Kollisionspunkten und Endlagen der Autos gehören dazu. Die Experten vergleichen Verformungen der Autos mit den Werten von großen Crash-Test-Datenbanken, vermessen Beulentiefen. Am Ende steht ein Energiewert, der einer bestimmten Geschwindigkeit entspricht. In einigen Fahrzeugen werden Daten elektronisch aufgezeichnet. „Diese können ein Hilfswerkzeug für einen Sachverständigen sein. Sie können aber niemals eine Unfallrekonstruktion ersetzen. Man kann sich vorstellen, wenn ein Auto den Bodenkontakt verliert und das Rad durchdreht, zeichnet ein Sensor was ganz anderes auf, als wenn es Bodenberührung gehabt hätte. Da werden andere Geschwindigkeiten abgespeichert. Man muss das mit anderen Spuren und Faktoren in Zusammenhang bringen“, erklärt Rehse.

Sein Einsatzgebiet liegt zwischen Bad Pyrmont, Walsrode, Peine und Rehren. Mittendurch ziehen sich die stark befahrenen und unfallträchtigen Autobahnen A 7 und A 2 – Spitzname „Warschauer Allee“. Gut ein Drittel seiner Arbeitszeit ist Rehse an Unfallorten präsent oder mit der Untersuchung von Fahrzeugen beschäftigt. Der Dekra-Mitarbeiter erinnert sich an einen Unfall auf der B 217 bei Völksen, bei dem ein Motorradfahrer ums Leben gekommen war. „Auf der Straße war eine 80 Meter lange Bremsblockierspur eines Pkw. Ich kam etwa drei Stunden, nachdem der Unfall passiert war, an. Da hat es immer noch nach Gummi gestunken. So etwas sieht man auf keinem Foto. Das sind Wahrnehmungen, die zwar keine exakte Wissenschaft im Hinblick auf Geschwindigkeitsermittlungen für mich sind, aber Eindruck hinterlassen. Und man überlegt noch mehr, was ist eigentlich passiert“, sagt Rehse.

Durch Antiblockiersysteme (ABS) und elektronische Stabilitätsprogramme (ESP) sind lange Bremsspuren nicht mehr häufig zu erkennen. Die Forensiker entdecken sie dennoch. „Vielleicht sind sie aber auch nur feiner und nicht unbedingt von einem, der sich damit nicht beschäftigt, erkennbar. Um die zu sehen, muss man aber auch tief in die Hocke gehen“, sagt der Gutachter. Selbst bei Fußgängerunfällen gäbe es ähnliche Spuren. „Da gibt es Fußabdruckspuren. Um die zu entdecken, hilft ein geschultes Auge“, meint Rehse. Wichtig sei es, auf der Straße den Kollisionspunkt zu finden. Bei 90 Prozent aller Frontalzusammenstöße soll eine Schlagmarke dort auf dem Fahrbahnbelag entstehen, wo Autos zusammenprallen.

Ermittelte Ergebnisse werden am Computer elektronisch erfasst. Softwareprogramme erstellen Aufnahmen in 3-D-Darstellungen – auch Filme. Eine Hilfe, um „gerichtsfest“ aufzeigen zu können, warum ein Unfall überhaupt passiert ist und wer daran die Schuld hat. „Ich bin Forensiker. Im Ingenieurstudium war die Unfallrekonstruktion eines meiner Schwerpunkte, und das hat meine Leidenschaft dafür geweckt“, erzählt Rehse. Er sei mit Herzblut dabei, herauszubekommen, was wirklich passiert ist. „Das muss ich wissen“, so der Gutachter. Ab und zu sei es für ihn auch wie ein kleiner „sportlicher“ Wettkampf. Etwa dann, wenn Versicherungsbetrugsverdachtsfälle vor Gericht verhandelt werden. „Ist die Geschichte, die vorgetragen wird, so gut, dass ich sie nicht widerlegen kann? Oder ist die Geschichte von Amateuren gemacht, die nicht richtig wissen, was sie erzählen sollen?“, fragt der Forensiker. Eine Untersuchung kleiner Schäden – etwa eines Parkremplers – schlägt mit 300 Euro zu Buche. „Das kann aber auch mal 30 000 Euro kosten, wenn man etwas nachstellen muss. Und eine Unfallrekonstruktion kostet 2500 Euro.“

Übrigens: Die Ergebnisse der Untersuchung des Hamelner Ferrari-Unfalls sollen noch im Februar vorliegen …



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