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Auf den Spuren des umtriebigen Architekten Bruno Köberle / Nazi-Bürgermeister trieb ihn durch die Straßen

Er baute, baute, baute...

HAMELN. Über 800 Häuser und acht Brücken hat Bruno Köberle in Hameln gebaut. Noch vor dem Ersten Weltkrieg die Scharnhorstkaserne, dann Häuser für die Wohlhabenden, nach dem Krieg Häuser für den kleinen Mann. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, wird es schwierig für den Architekten.

veröffentlicht am 13.02.2019 um 16:31 Uhr

Auch dieses Haus an der Friedrichsstraße 2, in dem ein Architekt sein Büro hat, baute Bruno Köberle. Foto: Dana
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Uwe Heinen mag Häuser mit Geschichte. Das Gründerzeithaus Deisterstraße 15 mit seinem prachtvollen Treppenhaus und den großzügigen hohen Räumen, das er gerade saniert, hat es ihm besonders angetan. Nebenbei ist er auf der Suche nach den Geschichten seiner Bewohner. Jeder ist willkommen, der ihm etwas erzählen kann. In den Hausflur hat er einen gerahmten Auszug aus dem Hamelner Melderegister gehängt. Es enthält unter anderem den Namen des Mannes, der das Haus erbaut hat. Bruno Köberle. Viel mehr weiß Heinen nicht über den Architekten. Aber er hat sich schon öfter gefragt, wer dieser Bruno Köberle war, dessen Schaffensdrang überall in Hameln seine Spuren hinterlassen hat.

Zu seinem 80. Geburtstag schrieb die Dewezet über den 1899 aus Schlesien nach Hameln Gezogenen: Er machte sich selbstständig und baute, baute, baute. Über 800 Häuser und acht Brücken waren es demnach. Noch vor dem Ersten Weltkrieg baut er die Scharnhorstkaserne und ein schönes Wohn- und Geschäftshaus in der Friedrichstraße 2, in dem heute bezeichnenderweise wieder ein Architekt, Karsten Jürgens, sein Büro hat. In der Stadtgeschichte ist zudem das Werksgebäude der Buchdruckerei C.W. Niemeyer, das Köberle 1909 als „ersten Eisenbetonbau“ errichtete, erwähnt. Die Restaurierung der Marktkirche im Jahr 1900 bezeichnete Köberle als seine schönste Arbeit.

Das Haus in der Deisterstraße 15 (damals die Nummer 2), mit dessen Planung er 1901 begann, gehörte zu den „Millionenhäusern“ die er um die Jahrhundertwende für die Wohlhabenden baute. Später, nach dem Zweiten Weltkrieg, baut er auch für die Kleinen.

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Gebäude wie dieses an der Deisterstraße baute Köberle für die Wohlhabenden. foto: wal

Dazwischen wird es düster. 1933 wird die Deisterstraße 15 erst unter Zwangsverwaltung gestellt, 1934 dann zwangsversteigert. Köberle hat die Grundsteuer nicht bezahlt.

Es ist die Zeit, in der die Herrschaft der Nationalsozialisten ihre Schatten vorauswirft. Der kultur- und insbesondere musikbegeisterte Köberle indes gehört zum Vorstand der Volksbühne – eine Institution, die Arbeitern den Theaterbesuch ermöglichen will. Sie löst sich auf Druck des damaligen kommissarischen Oberbürgermeisters Scheller auf und wird durch die NS-Kulturgemeinde ersetzt. Das ist im August 1933.

Wenig später, im Oktober, knöpft sich Scheller Köberle vor: Er lässt den Bauunternehmer durch die Stadt treiben, weil dieser angeblich keine Beiträge zur Invalidenrente gezahlt hat. Um den Hals muss er deshalb ein Schild tragen auf dem steht: „Ich bin ein Lump, ich habe meine Arbeitnehmer um RM 2410 Invalidenversicherungsbeträge betrogen und das Geld für mich verbraucht.“

„Scheller wollte nach dem Vorbild eines ähnlichen Falles in Lübeck ein Exempel statuieren und der Arbeiterschaft zeigen, dass die NSDAP nicht nur rede, sondern auch handelt“, sagt der Historiker Bernd Gelderblom.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass der OB so grob agiert: Früher im Jahr mussten bereits städtische Beamte Spießrutenlaufen, ein anderes mal ungeliebte SPD-Funktionäre. Doch bei Köberle geht der Schuss nach hinten los. Die Öffentlichkeit ist empört. Selbst in den Reihen der NSDAP erregt das Vorgehen Missfallen, denn die Partei hat mit diversen Skandalen zu kämpfen und arbeitet gerade an einem besseren Image.

Der ehemalige Hauptmann Scheller bleibt nur zwei weitere Monate im Amt. Neben fehlender Sachkenntnis und Erfahrung wirft die Regierung ihm bei den städtischen Beamten Voreingenommenheit vor. Weiter heißt es, er sei ungeschickt und bleibe nicht bei der Wahrheit. Der Fall Köberle spielte bei der Entlassung eine wichtige Rolle.

Die Ausgrenzung durch die NSDAP ruiniert den Architekten nicht, ab 1934 erhält er wieder erste kleine Aufträge. Nach dem Krieg geht es für Köberle wieder richtig bergauf. Er baut nun für die Kleinen. Unter anderem Wohnhäuser am Kuckuck. Er übernimmt Ehrenämter und ist langjähriger Vorstandsmitglied der Bauinnung sowie deren stellvertretender Obermeister. Auch eine Kirche renoviert er 1952 mal wieder: Diesmal ist es das Münster. Es ist das Jahr seines 80. Geburtstages, in dem er agil das Gerüst am Verlagshaus C.W. Niemeyer emporklettert und beim Richtfest (DWZ Archiv) sagt: „Kinder, was haben wir für eine sonnige Jugend“. Und auch seine Vorliebe für Musik hält an: Bei Rundfunkübertragungen aus Salzburg müssen Interviews mit der Zeitung warten. Bruno Köberle stirbt ein Jahr später in der „Sommerfrische“, am 24. August 1953. „Schaffensfreudig und heiter bis zum Schluss“ steht am 26.8. 1953 in der Dewezet.



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