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Familie Fricke wirft nach 53 Jahren das Handtuch

Ende einer Ära im Rattenfängerhaus: Droht nun Leerstand?

HAMELN. Eine Ära geht zu Ende. Zum Ende dieses Jahres wird die Gaststätte im Rattenfängerhaus geschlossen. Jedenfalls wird die Gastronomie dann nicht mehr von der bisherigen, langjährigen Pächterfamilie Fricke betrieben. Der bestehende Pachtvertrag mit der Stadt Hameln läuft aus und Pächterin Christina Hartlieb-Fricke hat nicht vor, ihn zu verlängern. Wieso nicht? Und was wird dann aus dem historischen Gebäude?

veröffentlicht am 21.02.2019 um 21:18 Uhr
aktualisiert am 21.02.2019 um 22:20 Uhr

Seit 1966 wird das Rattenfängerhaus von Familie Fricke betrieben. Foto: Dana
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Es sei keine wirtschaftliche oder gar Existenzfrage gewesen, die sie dazu bewogen habe, den Pachtvertrag nicht noch einmal um fünf Jahre zu verlängern, sagt Hartlieb-Fricke im Dewezet-Gespräch. Es sei eine „persönliche Entscheidung“ gewesen, vor dem Hintergrund des „Gesamtpakets“, das Rattenfängerhaus nicht noch mal fünf oder zehn Jahre lang zu betreiben. Und worin besteht dieses Gesamtpaket? Junge Leute, sagt die Geschäftsführerin, bevorzugten andere Ambiente, ältere würden ferngehalten, weil es an Barrierefreiheit mangele. Ein Manko sei, dass das Rattenfängerhaus keine Außengastronomie habe, die Feuerwehrzufahrt in die Osterstraße freigehalten werden müsse. In langen und heißen Sommern wie 2018 mache sich das bemerkbar. Ein großes Problem: die schwierige Suche nach Personal. Und: Viele Einheimsche nähmen das Rattenfängerhaus als reine Touristengastronomie wahr. Aber, sagt die 53-Jährige, es sei ihr in den letzten Jahren gelungen, auch wieder Hamelner in das Rattenfängerhaus zu locken. Trotz des Gesamtpaketes laufe das Geschäft gut. Aber das „Gesamtpaket“ zu schleppen, das möchte sie nicht mehr.

Der Pachtvertrag mit der Stadt Hameln laufe am 31. Januar 2020 aus. Hartlieb-Frickes Option, den Vertrag zu verlängern, sei bereits Ende Januar dieses Jahres ausgelaufen. Was sie wundere: Sie habe noch nichts von der Stadt gehört. Dabei müsse sie als Eigentümerin doch ein Interesse daran haben, was aus dem Rattenfängerhaus werde. Das Verhältnis zwischen Christina Hartlieb-Fricke und der Stadt war nicht immer konfliktfrei. 2011 sah sich die Stadt dem Vorwurf der Pächterin ausgesetzt, sie und ihre Familie zu spät über in dem Gebäude verbaute Umweltgifte informiert zu haben, nachdem Messungen die hohe Schadstoffbelastung belegt hatten. Hartlieb-Fricke vermutete einen Zusammenhang zwischen einer Krebserkrankung, die sie erlitten hatte, und den Schadstoffen in ihrer Wohnung im Rattenfängerhaus. Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten gegen die Stadtverwaltung wegen des Verdachts „der schweren Gefährdung durch Freisetzen von Giften“. Anfang 2012 wurde das Verfahren eingestellt. Die Begründung der Staatsanwaltschaft: Es habe kein Zusammenhang zwischen Erkrankung und Schadstoffbelastung hergestellt werden können. Es hätten sich keine Anhaltspunkte für eine Straftat ergeben. Restaurant und Wohnung waren aufgrund der Schadstoffbelastung im Auftrag der Stadt seinerzeit von einer Spezialfirma saniert worden.

Das Rattenfängerhaus an der Osterstraße 28 ist das bekannteste historische Gebäude der Stadt. Im Rahmen einer Online-Aktion der Deutschen Zentrale für Tourismus e.V. wurde es 2015 auf Platz 55 der 100 beliebtesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands gewählt. Das Rattenfängerhaus erwies sich damit beliebter als der Englische Garten München, das Neue Rathaus Hannover oder der Frankfurter Römer. Ein Jahr später stellte sich in einer Online-Umfrage des Vereins heraus, dass das Rattenfängerhaus beliebter sei als das Hofbräuhaus.

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Geschäftsführerin Christina Hartlieb-Fricke (li.) und Tochter Lara-Christin Fricke. Foto: pk

Was macht das Rattenfängerhaus so besonders? Zum einen ist es ein bedeutsames Baudenkmal der ausgehenden Renaissance, errichtet 1602/03 von Bauherr Hermann Arendes. Zum anderen fand sich auf einem Holzbalken des Gebäudes eine Inschrift, die den vom Rattenfänger eingefädelten Kinderauszug durch die Bungelosenstraße erzählte. So kam das Rattenfängerhaus zu seinem Namen.

Das geschichtsträchtige Gebäude, wie wir es kennen, geht laut der „Geschichte der Stadt Hameln“ von Heinrich Spanuth auf eine Restaurierung im Jahr 1880 zurück. 1917 ging das Haus für 100 000 Mark aus dem Privatbesitz an die Stadt über und wurde als Café verpachtet. Pächter wurde der Gastronom August Kropp. In der Zeit von 1946 bis 1950 befand sich die Stadtbücherei im Rattenfängerhaus. Danach eröffnete Kropp erneut sein Café. Jahre später, 1966, wurde das Rattenfängerhaus nach längerer Umbauzeit von der Förster & Brecke Brauerei abermals neu eröffnet, nun als gutbürgerliches Restaurant, und von dem Gastronomenehepaar Karl-Heinz und Anngret Fricke als Unterpächter betrieben. Noch in den 70er Jahren kreierte Karl-Heinz Fricke das heute international bekannte Schweinefiletgericht „Rattenschwänze“ und den Kräuterlikör „Rattenkiller“.

Für gut drei Millionen Mark von innen und von außen saniert wurde das Haus in den Jahren 1981/82, bis es dann an die Allersheimer Brauerei gebunden von Karl-Heinz Fricke weiterbetrieben wurde. 2010 übernahm Frickes dritte Ehefrau Christina Hartlieb-Fricke die Geschäftsführung des Lokals. Karl-Heinz Fricke starb im Oktober 2015, kurz nach seinem 73. Geburtstag.

Am 28. Dezember wird das Rattenfängerhaus das letzte Mal unter Christina Hartlieb-Fricke geöffnet sein. Bis dahin, verspricht sie, geht der Betrieb wie gewohnt weiter.



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