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Gewerkschaft postet Kakerlake im Essen

Ekel-Kaserne: Petition fordert Rücktritt von Landrat Bartels

Hameln. Kakerlaken im Essen, Sperma, Blut und Kot an den Wänden: Auch drei Tage, nachdem empörte Polizeibeamte Ekel-Fotos aus der Linsingen-Kaserne veröffentlicht haben, schlagen die Wellen immer noch hoch. Eine Petition im Internet fordert sogar den Rücktritt von Landrat Tjark Bartels.

veröffentlicht am 25.04.2016 um 19:43 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:22 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Nach Landrat Tjark Bartels haben sich Innenminister Boris Pistorius und Landespolizeidirektor Knut Lindenau bei den Unterstützungskräften für die „Unannehmlichkeiten“ in Hameln entschuldigt. Das Innenministerium in Hannover teilte am Montag auf Dewezet-Anfrage mit, Pistorius habe am Sonntag und am Montag mit diversen Polizisten, die in Hameln untergebracht waren, gesprochen. „Der Minister hat in diesen Gesprächen natürlich bekräftigt, dass er die teils nicht ausreichenden Umstände der Unterbringung bedauert – und er hat sich dafür entschuldigt.“ Bereits am Sonntagmorgen habe Pistorius das Thema mit NRW-Innenminister Ralf Jäger erörtert.

Bartels: Die Küche in der Kaserne ist einwandfrei

Polizisten von Hundertschaften aus Nordrhein-Westfalen und Bayern, die zur Absicherung des Obama-Besuchs nach Niedersachsen geschickt worden waren, hatten Erbrochenes, verschmutzte Matratzen, rote und braune Flecke fotografiert (wir berichteten). Die Pressemitteilung der Nachwuchsorganisation Junge Polizei der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) sorgte bundesweit für Schlagzeilen – darin hieß es: „Polizeikräfte schlafen zwischen Blut und Sperma.“ Auf ihrer Facebook-Seite präsentierte die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) Bayern am darauf folgenden Tag weitere Aufnahmen. Ein Foto zeigt einen Teller mit einer warmen Mahlzeit, auf der auch eine Kakerlake zu sehen ist. Landrat Tjark Bartels sprach von einer „Unverschämtheit“. Er lasse das nicht auf dem Personal sitzen. „Solche Zustände gibt es dort nicht. Die Küche in der Linsingen-Kaserne arbeitet mit hohen Hygienestandards und ist einwandfrei.“ Die DPolG Bayern übt „massive Kritik“ an der Unterbringung und der Verpflegung. Wörtlich heißt es: „Der Zustand der Räumlichkeiten: katastrophal. Sperma, Blut und Kot an den Wänden und in Betten. Im Essen Kakerlaken. Einsatzkräfte schlafen lieber in ihren Fahrzeugen, als diese Zimmer zu beziehen.“ Im Gespräch mit der Dewezet sagte der bayerische DPolG-Landesvorsitzende Hermann Benker, es sei nicht das erste Mal, das Kräfte aus Bayern so behandelt würden. Bei einem Castor-Transport habe man Unterbringungsmöglichkeiten vorgeschlagen, die „absolut unzumutbar“ waren. Man werde erneut mit dem Innenministerium von Bayern Kontakt aufnehmen. „Wenn in Niedersachsen die festgelegten Standards nicht geachtet würden, habe das Land bei künftigen Großlagen auch keine Unterstützung mehr verdient“, sagte Benker.

Kritik kommt auch aus Nordrhein-Westfalen. Sie bezieht sich vor allem auf die Äußerungen von Landrat Bartels, der den Polizeibeamten vorgeworfen hatte, sie hätten sie Situation übertrieben dargestellt und würden ehemalige Bewohner – sowohl Flüchtlinge, als auch britische Soldaten – in Misskredit bringen. „Herr Bartels sollte selbst einmal in der Unterkunft schlafen und nicht den Kollegen den Schwarzen Peter zuschieben“, meint Erich Rettinghaus, DPolG-Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen. Der Landrat habe sich nicht gerade glücklich in den Medien geäußert. „Auch nach der eilig durchgeführten Reinigung konnte niemand in diesen Zimmern schlafen. Alles stank nach Chemie“, sagt Rettinghaus. „Ist doch ganz klar: In so kurzer Zeit kann man solche Räume nicht wiederherstellen.“

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Die Deutsche Polizeigewerkschaft in Bayern postete auf Facebook weitere Fotos, die angeblich aus der Linsingen-Kaserne in Hameln stammen. Sie zeigen eine Kakerlake im Essen und stark verschmutzte Fliesen. Fotos: DPolG

Viele Polizisten sind sauer. Ein Mitglied der Bereitschaftspolizei aus NRW hat aus Anlass „der unsäglichen Aussagen von Landrat Tjark Bartels“ sogar eine Online-Petition gestartet. Sie ist überschrieben mit „Landrat Tjark Bartels (SPD) aus dem Amt entlassen“. Zur Begründung schreibt Linus Richter, Bartels habe die Reaktion der Polizisten als „überzogen“ bezeichnet. „Verständnis für die Beamten wurde nicht aufgebracht. Stattdessen werden die Einsatzkräfte nicht ernst genommen. So etwas kann und darf nicht geduldet werden. Ruhezeiten müssen eingehalten und Zimmer in menschenwürdigen Zuständen gehalten werden. Eine Unterstützung der örtlichen Politik ist gegeben – und daher fordern wir den Rücktritt des besagten Politikers.“ Wer die Menschenwürde von Beamten mit Füßen trete und keinerlei Verständnis für menschliche Bedürfnisse aufbringen könne, müsse aus dem Amt ausscheiden und dürfe nicht geduldet werden, so Linus auf der Facebook-Seite „Bereitschaftspolizei in Deutschland – Junge Polizei“.

DPolG-Gewerkschaftsvertreter aus Niedersachen, Nordrhein-Westfalen und Bayern teilten auf Anfrage mit, es handele sich um die Aktion eines Einzelnen. Seitens der DPolG seien keine Rücktrittsforderungen erhoben worden.

Die Unterschriftensammlung wurde allerdings auf der Facebook-Seite des Kölner Kreisverbandes der DPolG gestartet. Dort ist Linus Richter Administrator. Der DPolG-Kreisvorsitzende Winfried Kaspar sagte der Dewezet, das sei nicht eine Forderung der Deutschen Polizeigewerkschaft, sondern stelle die Meinung eines Bereitschaftspolizisten dar. Er, Kaspar, habe es dem Beamten allerdings gestattet, die Facebook-Seite für sein Anliegen zu benutzen.

Landrat Bartels würde die Reaktion des Polizeibeamten am liebsten gar nicht kommentieren. Im Gespräch mit der Dewezet sagte er: „Wer so wenig Kritik verträgt, handelt in erstaunlicher Weise unreif – und hat nur eines im Sinn: Er will mir persönlich schaden.“ Die Auffassung, dass einzelne Beamte die Situation in der Linsingen-Kaserne „grob verzerrend“ dargestellt haben, werde auch vom nordrhein-westfälischen Innenministerium und von führenden Vertretern der Polizei Niedersachsen geteilt.

„Verhältnisse genügen nicht den Ansprüchen“

Bartels hatte bereits am späten Samstagabend Reinigungsmängel eingeräumt. Nur zirka 20 von mehr als 400 Zimmern hätten jedoch Verunreinigungen aufgewiesen. Personelle Konsequenzen schloss der Landrat im Moment aus. DRK-Vorstand Martin Skorupski hatte am Sonntag die Verantwortung für die mangelhafte Reinigung übernommen.

Landespolizeidirektor Lindenau erklärte, die niedersächsische Polizei „fährt aktuell einen der personalintensivsten Einsätze in der Geschichte des Landes“. Der amerikanische Präsident sei die wohl meistgefährdete Person der Welt. Man habe 4000 Polizisten unterbringen müssen – und das zur Messezeit. „Deshalb mussten wir auch auf Betten im Heide-Park in Soltau oder in der Kaserne in Hameln zurückgreifen. Leider haben einige Kolleginnen und Kollegen in Hameln dabei Verhältnisse vorgefunden, die nicht unseren Ansprüchen genügen.“

Landkreis und DRK haben am Montag Interessierte eingeladen, sich selbst ein Bild von den inzwischen gereinigten Zimmern zu machen. Termine können unter 05151/8789980 vereinbart werden.

INFO: Wer musste was reinigen – und hat es nicht gemacht?

Wer hat es denn nun versäumt, zu putzen – die Flüchtlinge, die in der Linsingen-Kaserne untergebracht waren? Die Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK)? Oder der Landkreis Hameln-Pyrmont, in dessen Auftrag das DRK die Erstaufnahmeeinrichtung betreibt? Diese Frage beschäftigt seit Samstagvormittag vor allem unsere bei Facebook aktiven Leser. Die offizielle Abmachung, so heißt es vonseiten des Landkreises, lautet: „Die Schutzsuchenden in der Linsingen-Kaserne waren und sind für die Reinigung ihrer Zimmer selbst verantwortlich.“ Dafür gebe es in jedem Wohnblock eine Waschmaschine und zusätzlich einen Waschsalon. Staubsauger und Putzmittel seien in jedem Wohnblock über Sozialarbeiter zu beziehen, „und natürlich gibt es für die Bewohner auch neue Bettwäsche“, sagt Landkreis-Sprecherin Sandra Lummitsch. Beim Auszug müssen die Zimmer besenrein verlassen werden – das würde den Bewohnern auch so gesagt, wenn ihnen mitgeteilt wird, dass sie in eine Wohnung umziehen können. Ein ehemaliger Bewohner, Humam Alfalahi aus dem Irak, der von September bis Ende Dezember in der Kaserne untergebracht war, bestätigt all das. Ein anderer Bewohner allerdings, Ashraf Jarmakany aus Syrien, hat die Kaserne am 3. März verlassen. Er berichtet, dass den Bewohnern zum Reinigen ihrer Schlafräume nur ein Staubsauger zur Verfügung gestellt worden sei, mehr nicht – und es in der gesamten Kaserne nur sehr wenige Staubsauger gebe, sodass viele der Bewohner stundenlang haben warten müssen. Viele seien daher ausgezogen, ohne ihre Zimmer zu saugen. Der Landkreis räumt zudem ein: „Da die Zimmer bis vor Kurzem aber nicht verschließbar waren, kann man im Nachgang nicht sagen, ob einige Zimmer durch andere Flüchtlinge wieder genutzt wurden.“ Inwieweit die Formulierung „besenrein“ grobe Flecken an Wänden und auf Teppichen umfasst, bleibt allerdings offen. Nach Auszug der Bewohner – und das scheint der Knackpunkt zu sein – „wird die gesamte Bettwäsche inklusive Kopfkissen und Einziehdecke durch eine externe Reinigung gewaschen und uns in Paketen wieder zur Verfügung gestellt“, heißt es vonseiten des Landkreises. Genau das scheint nun zumindest in einigen Fällen versäumt worden zu sein.ww



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