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Alfons im Hamelner Theater / Kult- Interviews vermisst

Eingeengter Reporter eingebürgert

HAMELN. Halt, fehlt da nicht was? Seine Trainingsjacke hat er an, den zerfledderten Notizblock unterm Arm und den charmanten Akzent „natürlisch“in der Sprache. Doch wo ist das flauschige Monstrum? Nein, sein großes Puschelmikrofon hat Alfons bewusst hinter der Bühne gelassen. Darauf verzichtete der charmante Franzose.

veröffentlicht am 04.02.2018 um 16:55 Uhr
aktualisiert am 04.02.2018 um 17:50 Uhr

Alfons nimmt als Franzose und Deutscher seine Landsleute auf die Schippe. Foto: fn
Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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Entschuldigung Deutsch-Franzose. Schließlich wurde der charmante Kultreporter im November eingebürgert. Und davon will der Wahl-Hamburger den Hamelnern im Theater erzählen. Kein Mikro also, auch keine aberwitzigen Interviews, die Alfons in seinen anderen Programmen gern einspielt. Dafür bringt er die Pianistin und Sängerin Julia Schilinski mit auf die Bühne. Gekonnt vorgetragene Musikeinlagen, auch im Duett („Penny Lane“) gaben ihm Recht. Auf Lacher muss sein Publikum dennoch nicht verzichten. Stoff für einen lustigen Abend bieten die Gegensätze seiner Landsleute allemal.

Die Geschichte seiner Einbürgerung erzählt er humorvoll, wie ihn seine Fans kennen. Deutscher und Franzose, geht das überhaupt zusammen? Klar gebe es Unterschiede, weiß der Kabarettist („Die Deutschen sind organisiert, fleißig und effizient. Der Franzose ist normal.“) Und während sich die Deutschen in Europa über Gurkennormen aufregen würden, ärgern sich die Franzosen über Euro-Normen bei Kondomen. Seit es die gebe, fühlten sich Franzosen stark eingeengt, weiß Alfons.

Als er von Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz einen Brief mit der Einladung, Deutscher zu werden, erhielt, schaute sich Alfons das Schreiben genau an. Schließlich habe mit Gutenberg ein Deutscher den Buchdruck erfunden – und auch das Kleingedruckte, wie er warnt. Der an den Kühlschrank gepinnte Brief wurde bei einem Küchenbrand ein Raub der Flammen. Eigentlich nur ein kleines Missgeschick, das zunächst eine schnelle Einbürgerung zunichte machte.

Doch dann wird Emmanuel Peterfalvi, der Mann, der hinter Alfons, der Figur steckt , melancholisch. Er erzählt von seiner Familie, von Vorfällen, die das französch-deutsche Verhältnis stark belasten. Wie von seinem Urgroßvater, der in Auschwitz vergast wurde. Und seiner Oma, die die Internierung nur durch eine beherzte Flucht überlebte.

Überhaupt die Großmutter, von Alfons liebevoll „Grand-mère“ genannt. Alfons ruft Kindheitserinnerungen auf, spricht von einer lebenslustigen, mutigen Frau, die auch ihr Markenzeichen hatte: Eine kleine Plastikfliege mit Magnet, mit der sie nahezu jeden habe reinlegen und zum Lachen bringen konnte, selbst François Mitterrand, erzählt Alfons

Trotz ihres KZ-Schicksals habe sie die Deutschen nicht gehasst, sei sogar später mit dem früheren KZ-Aufseher Karl-Heinz eine Freundschaft eingegangen, lässt der in Paris aufgewachsene Peterfalvi die Hamelner wissen. Und sie hat Alfons die Entscheidung, Deutscher zu werden, mit einem Vermächtnis leicht gemacht. „Jeder kann entscheiden, auf was er seine innere Taschenlampe“ richtet“, habe sie in Form eines Briefs im Familientresor hinterlassen. Alfonss warf das Licht auf die Deutschen. Verglichen mit einem Fußballspiel, absolvierte Alfons eine hochklassige Partie mit allerlei technischen Kabinettstückchen. Was fehlte, waren die Tore. Und das sind bei dem Kultreporter immer noch seine Interviews. Beim nächsten Gastspiel dürfen wieder einige fallen, Alfons.

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