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Schön eng: Der Modellladen Pfisterer in der Emmernstraße / Dewezet-Serie über Nischengeschäfte

Eine ziemlich kleine Welt auch für Große

Hameln. Das Paradies misst 28 Quadratmeter. Das ist nicht viel, aber gefühlt ist es sogar noch deutlich weniger. Denn dort im Erdgeschoss eines über 400 Jahre alten Fachwerkhauses in der Emmernstraße 5 stapeln sich so viele bunte Schachteln und Schächtelchen, stehen so viele Schätze und Schätzchen, dass für den Besucher kaum Platz bleibt. Ebenso wenig wie für Renate und Klaus Pfisterer auf der anderen Seite des überbordenden U-förmigen Verkaufstresens.

veröffentlicht am 03.07.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 14:41 Uhr

Alles im Griff: Klaus Pfisterer präsentiert eine Modellbahn-Lok.
Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Seit fast 27 Jahren leben, na ja, arbeiten die Eheleute in diesem wunderbaren Chaos. Klaus Pfisterer (60) hatte damals sein Modellbauhobby zum Hauptberuf gemacht, seine Frau Renate (56), die gelernte Apothekenhelferin und zweifache Mutter, war in den Verkauf mit eingestiegen. Zuvor war Klaus 20 Jahre als Elektroinstallateur angestellt gewesen; ab 1978 hatte er bereits nach Feierabend und samstags im Hinterhaus, das nur über eine steile Außenstiege zu erreichen ist, einen An- und Verkauf sowie Reparaturen von Modelleisenbahnen betrieben.

„Handgelötet – und handbemalt“

Das in Hameln einzigartige Lädchen erzählt von dem kleinen Glück, das Menschen widerfährt, wenn sie Abstand vom Alltag gewinnen. Dieses Gefühl lässt schon am Schaufenster nicht nur Kinderaugen leuchten: Viel öfter sind es die von Erwachsenen, die ein bisschen Kind geblieben sind. „Unsere Kunden sind zwischen 6 und 90 Jahren alt“, sagt Klaus Pfisterer. Sie kommen sogar gezielt aus Dortmund oder Cuxhaven, um sich in dem Hamelner Geschäft das Herz zu wärmen. Da leisten sich gestandene Männer eine fein gestaltete Dampflokomotive für ihre Modellbahn oder einen altertümlichen Mercedes mit Ledersitzen und anderen Finessen im Maßstab 1:18 für das Flurregal.

Frauen erfreuen sich an dem blechernen Kettenkarussell mit Spieluhr und Püppchen, den Motorrad fahrenden Teddy oder am historischen Blechreklameschild für „Persil“. Bäuerinnen überraschen ihren Mann zum Geburtstag mit einem Miniaturtrecker. Bei vielen Zahnärzten steht am Empfang die Blech-Praxis, in der ein Dentist einen Patienten versorgt – etwas grobschlächtig, weil per Uhrwerk angetrieben. „Dieses Spielzeug nach alten Vorbildern wird vom Inhaber einer kleinen deutschen Firma handgelötet und handbemalt“, schildert Klaus Pfisterer. So erklären sich die Preise von 170 Euro für die Praxis bis über 1000 Euro für den Dampfer „Titanic“.

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Auch für eine Märklin-, Roco- oder Fleischmann-Lok werden leicht 200 Euro fällig. „Wir führen keine Billigfabrikate“, bestätigt der Geschäftsmann. Aber er ist überzeugt, dass „ein paar Euro mehr oft billiger kommen“. Etwa wenn der Discounter eine Modellbahn-Startpackung für 99 Euro auf den Markt wirft, danach aber entweder der Spielspaß schnell verloren geht oder die Folgekosten explodieren. „Ich empfehle, anfangs etwas mehr Geld zu investieren. Dann hat der Kunde eine ausbaufähige Anlage“ – mit der heute üblichen Digitalisierung, die es ermöglicht, auf einem Gleis beliebig viele Züge unabhängig voneinander zu steuern.

Solchen Expertenrat und die Fachsimpelei schätzen die Kunden so sehr, dass es leicht zum Stau auf der sechs Quadratmeter kleinen Verkehrsfläche in dem Geschäft kommen kann. Und nicht immer geht es bei den Gesprächen um Haftreifen, Geländeflocken oder Soundmodule. „Manchmal sind wir auch Seelsorger“, erzählt Renate Pfisterer. „Schließlich kennen wir viele Kunden schon seit Jahrzehnten.“ Da werde wie beim Frisör über die Familie oder über Krankheiten gesprochen. Für intensive fachliche Beratungen bietet Klaus Pfisterer die Zeit nach 18 Uhr an: „Dann schließen wir ab und haben die nötige Ruhe.“ So wie bei dem Herren mit Rollator, der im hohen Alter mit dem Modellbahnhobby beginnen wollte. Schon zwei Tage später benötigte er die ersten Erweiterungsteile. Inzwischen hat der Senior ein Zimmer freigeräumt und lässt dort von einem jüngeren Nachbarn eine Landschaft modellieren und mit Häusern, Bäumen, Tieren, Menschen, Straßen bestücken. Die große Welt als kleine Welt. „Der alte Herr ist seitdem richtig aufgeblüht“, freut sich Pfisterer.

Rund 250 Stammkunden hat sein Laden. Aber auch viele Touristen schauen herein. Häufiger Satz ist dann: „Was ich suche, haben sie ja wahrscheinlich nicht …“ Das lässt die Pfisterers schmunzeln, denn sie wissen: Ihr Geschäft ist klein – aber im Hinterhaus gibt es noch das 120 Quadratmeter große Lager, das ebenfalls vollgestopft ist mit Waren aus der Modellwelt. „Zu 70 Prozent haben wir das Gesuchte vorrätig“, sagt Klaus Pfisterer stolz. Bei den Sammlerautos seien auch echte Raritäten darunter.

Hoher Besuch in Miniaturformat

In dem Gewimmel den Überblick zu behalten, ist eine Leistung, zumal ohne Computer. Nicht einmal eine elektronische Kasse gibt es in diesem Laden. Per Internetfiliale den Umsatz erweitern, eine größere Verkaufsfläche in Hameln mieten, Mitarbeiter einstellen? Renate und Klaus Pfisterer winken ab: „Uns genügt das so. Hier haben wir alles im Griff.“

Rechtzeitig hat das Ehepaar auf die sinkende Zahl von Sammlerexperten unter den Modelleisenbahnern reagiert und in den vergangenen zehn Jahren verstärkt die Autos, das Nostalgie-Spielzeug und die Blechschilder ins Sortiment genommen. „Was wir verkaufen, hängt stark davon ab, was wir zeigen“, berichten sie. Deshalb sind sie stets um ein interessantes Schaufenster bemüht. „Wir haben eine Garage allein für das Deko-Material angemietet“, erklärt Klaus Pfisterer. Hilfreich sei gewesen, dass ein Onkel das Ausbesserungswerk der Bundesbahn in Karlsruhe leitete. Alte Signale und andere Bahnutensilien wurden einst auf dem Dachgepäckträger einer „Ente“ nach Hameln geschafft. Manchmal stöbert der Ladenbesitzer auf Autoschrottplätzen nach Teilen, die seine Minifahrzeugpräsentation verschönern, mal schafft Stroh das Umfeld für landwirtschaftliche Modelle.

In diesen Tagen wird hoher Besuch in der Emmernstraße 5 erwartet: US-Präsident Barack Obama erhält nebst Gattin Michelle einen Ehrenplatz im Verkaufsraum. Die knapp zwei Zentimeter kleinen Figürchen kann sich für gut 4 Euro jedermann nach Hause holen. Der „König“ bleibt für Renate und Klaus Pfisterer aber ihr Kunde. „Wir schwatzen nie etwas auf.“ Schließlich sei zum Beispiel die Entscheidung für ein bestimmtes Modellbahnsystem eine Wahl fürs Leben. Auch Renate und Klaus Pfisterer haben damals, als der Mietvertrag für das Vorgängergeschäft in dem Haus auslief, richtig entschieden. Ob sie aber, wenn das Rentenalter erreicht ist, einen Nachfolger finden? Vielleicht endet dann die wunderbare Reise durch diese kleine Welt.

Miniaturwelt:

Renate Pfisterer kümmert sich insbesondere um Blechspielzeug – wie beispielsweise das kleine Kettenkarussel mit Spieluhr.



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