weather-image

Ex-Junkie klärt auf / Hoch konzentrierte Auszubildende / Pädagogen halten Nacharbeit für wichtig

Eine ungewöhnliche Form von Suchtprävention

Hameln (roh). „Sag nein zu den anderen, sag ja zu dir.“ Das war eine der Botschaften, die Wolfgang Kiehl den 35 Auszubildenden der FAA Bildungsgesellschaft mbH, Nord (FAA), den fünf Ausbildern und drei Pädagogen der FAA sowie den beiden Mitarbeiterinnen des Job-Centers zurief. Der 45-jährige Ex-Junkie reist mit seinem Suchtmobil durch Deutschland und berichtet auf sehr persönliche, mitunter fassungslos machende Weise über sich, sein Leben und ganz speziell seinen Weg in die Abhängigkeit, seine Drogenzeit und seinen Ausstieg. Pädagogin Hildegard Wüstefeld: „Herr Kiehl war bereits letztes Jahr bei uns, und der Eindruck, den sein Vortrag bei den Ausbildern und Pädagogen, aber auch bei den Auszubildenden hinterlassen hat, war so groß, dass wir ihn noch einmal eingeladen haben.“

veröffentlicht am 16.03.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.11.2016 um 07:21 Uhr

270_008_4076535_hm302_1703.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Manchmal fesselnd, manmchal abstoßend

In in der Tat sind die Erzählungen des Ex-Junkies spannend, manchmal fesselnd und zuweilen auch abstoßend, zum Beispiel, wenn er erklärt, dass die Einstiche der Nadeln die Adern zerstören. Kiehl zeigt auf verschiedene Körperstellen und rechnet dem Publikum vor, wie viel Einstiche in welchem Körperteil möglich sind: „300 an der Innenseite dieses Armes und 300 an der anderen Seite, 200 hier, 200 da.“ Er berichtet von blutenden Rollvenen und Drogenabhängigen, deren größte Sorge es ist, eine Vene für einen „Schuss“ zu finden. Ihm kommt es darauf an, ein realistisches Bild über die Folgen von Drogenabhängigkeit zu zeigen, und er gerät selbst außer Fassung, wenn er seine Erfahrungen über die Zeit in der Untersuchungshaft berichtet: „Untersuchungshaft - das ist für einen Junkie die Hölle und hat nichts mit dem zu tun, was in Fernsehserien gezeigt wird.“ Auf drastische Weise schildert Kiehl die Muskelschmerzen und Magenkrämpfe, die sich über sechs Tage immer mehr steigern, läuft dabei gekrümmt und mit schmerzverzerrtem Gesicht durch den Raum.

Mit 16 habe er „seine“ Clique gefunden, sagt Kiehl, der zuvor von seinem Vater zu einer Klempnerlehre gezwungen worden war. „Saufen und rauchen kannte ich schon, aber dann ging es mit dem Kiffen los.“ Es folgten LSD, Speed und Kokain. Zum Schluss dann eben Heroin. Fünf Gramm benötigte er am Ende seiner achtjährigen Drogenzeit – immer wieder kommentiert er bei der Schilderung seiner Erfahrungen Gerüchte wie zum Beispiel, dass das Spritzen von Heroin angeblich einen „besseren Kick“ gebe, als wenn man es rauchte: „Das Rauchen eines halben Gramms Heroin dauert 20 bis 25 Minuten, das Spritzen keine drei. Und wenn man am Tag 300 Euro für Drogen beschaffen muss, dann spielt Zeit eine große Rolle, und deswegen ist Spritzen einfach ökonomischer.“

Wenn er in der Presse lese, dass wieder jemand an Heroin gestorben sei, dann sei seine Meinung: „Die Menschen sind an Dreck gestorben. Neben den fünf Prozent Heroin, die sich tatsächlich in dem Pulver befinden, gibt es da auch noch Schuhputzmittel, Reinigungspulver und Hunderte von anderen Stoffen.“

Manche möchten besonders „cool“ sein

Der Vortrag zeigt Wirkung. Ein Auszubildender verlässt den Raum, ein anderer schließt die Augen, einige bemühen sich, besonders „cool“ zu wirken. FAA-Pädagogin Wüstefeld: „In der Gruppe wird nicht viel preisgegeben, deswegen ist die Nacharbeit eines solchen Vortrages für uns selbstverständlich.“ Aus den Reihen der Mitarbeiter heißt es: „Die Primärprävention ist für uns wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Wir wollen dieses Thema nicht tabuisieren.“ Die meisten Jugendlichen indes kennen zwar jemanden, der Drogenprobleme hat, darüber zu sprechen fällt ihnen aber schwer. Ein Auszubildender sagt: „Ich war selbst kurz davor, abzustürzen, aber durch die Unterstützung meiner Freunde und der Familie habe ich die Kurve gekriegt.“ Und genau das ist eines der Ziele Kiehls: „In den ersten zwei Jahren sieht man dem Heroinabhängigen seine Sucht nicht auf den ersten Blick an. Umso wichtiger ist ein aufmerksames Umfeld, das sich nicht scheut, das Thema anzusprechen, denn so wird eine Ko-Abhängigkeit verhindert.“

Ein teilweise schmerzhafter Rückblick auf eine lange Drogenkarriere: Wolfgang Kiehl (re.) mit Auszubildenden der FAA.

Foto: roh



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt