weather-image
24°

Unglaubliches war in Deutschland geschehen: Plötzlich war die Grenze in beiden Richtungen offen

Eine höchst aufregende Zeit für die Redaktion

Feuerwerke an einem ganz normalen Mittwoch? Aber ganz normal war dieser Mittwoch vor 20 Jahren nicht. Es war der Tag der deutschen Einheit, der Tag, an dem die Volkskammer der DDR den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland beschlossen hatte und am Abend ein großes Jubelfest am Brandenburger Tor gefeiert wurde. Und es war der Abschluss einer höchst aufregenden Zeit auch für die Redaktion der Dewezet, in der in Deutschland Unglaubliches geschehen war – aus den beiden gegnerischen Frontstaaten an der Nahtstelle der beiden hochgerüstetsten Militärblöcke war wieder ein einig Deutschland geworden.

veröffentlicht am 01.10.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 21:41 Uhr

Hamelns damaliger Oberbürgermeister Dr. Walter-Dieter Kock (li.)

Autor:

Wolfhard F. Truchseß
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Unvergesslich nicht nur für alle, die damals in der Dewezet-Redaktion arbeiteten, war der Auftakt zu den Geschehnissen: der Abend des 9. November 1989, der Tag des sensationellen Mauerfalls, der Anfang vom Ende des SED-Regimes in Ost-Berlin. Als die Eilmeldungen der Agenturen damals die Ticker heiß laufen ließen, war die Freude riesig groß – vor dem Fernsehapparat in der Politikredaktion versammelten sich die Redakteure und konnten kaum fassen, welchen Taumel an Glückseligkeit der Menschen an den Grenzübergängen in Berlin sie in den nächsten Stunden am Fernsehschirm erleben sollten.

Es war der Auftakt zu einer Zeit, in der sich in den darauffolgenden Wochen die Ereignisse überschlugen und die Eilmeldungen im Rekordtempo aufeinanderfolgten. War die Zeitung normalerweise am Nachmittag um 15 Uhr für den nächsten Tag durchgeplant, wurde sie während dieser dramatischen Phase spätestens um 17 Uhr zum zweiten Mal durchstrukturiert, um gegen 19 Uhr die Planung erneut zu aktualisieren. Zeit, um Atem zu holen, gab es damals nicht und auch kaum Zeit, um hin und wieder zu reflektieren, was sich da Großes mit dem sich unweigerlich abzeichnenden Ende und der Auflösung der Machtstrukturen in der DDR abspielte.

Schnell war nicht nur der Westen Berlins von Trabbis überschwemmt, sondern auch viele niedersächsische Städte erlebten eine Invasion der Zweitakter mit ihren bläulichen, merkwürdig riechenden Auspufffahnen – die Grenze war offen, in die eine wie die andere Richtung.

2 Bilder

Was vor Wochen noch undenkbar schien, wurde jetzt in die Tat umgesetzt: Nach einem Stadtfest Anfang Januar in Quedlinburg wurden in Hameln schnell entschlossen Sonderseiten über diesen Tag der Freude produziert und die Zeitung am nächsten Tag auf dem Marktplatz der altehrwürdigen Fachwerkstadt zu Tausenden verkauft. Die sonst so grimmigen Grenzer hatten am neuen Übergang bei Vienenburg die Dewezet-Fahrzeuge freundlich durchgewinkt – westliche Journalisten waren plötzlich gern gesehen.

So, wie sich die Verhandlungen zwischen Bonn, Moskau, Washington, London und Paris in der Folgezeit im Ringen um die Einheit Deutschlands überschlagen sollten, nahm auch das Tempo im Kleinen nicht ab: Kaum waren den Dewezet-Verkäufern die ersten Ausgaben in Quedlinburg aus den Händen gerissen worden, entschloss sich der Verlag, in der Stadt am Ostharz eine eigene Lokalzeitung herauszugeben – es wurde die erste Lokalausgabe eines westdeutschen Verlages in der DDR. Ein Redaktionsbüro war schneller gefunden als befürchtet, zunächst im Nebenraum des Quedlinburger Reisebüros, Wochen später in einem eilig angemieteten und für die Arbeit von Redaktion und Geschäftsstelle in Rekordtempo hergerichteten Haus im Zentrum. Sensationell war im Reisebüro, dass dort im Redaktionsbüro für den Notfall sogar ein funktionierender Fernschreiber zur Verfügung stand, der die quälend lang dauernden telefonischen Handvermittlungen überflüssig machte, wenn zu später Stunde noch etwas aktuell an die Redaktion in Hameln durchgegeben werden musste. Denn gedruckt wurde die „Quedlinburger Zeitung“ natürlich im Westen – in einer Zeit noch ohne Internet und E-Mail, ohne Handy und Blackburry eine aufwendige Prozedur.

An den Runden Tischen in Quedlinburg und Thale waren die Dewezet-Mitarbeiter damals gern gesehene Berichterstatter, die dem Einheitsbrei der damals noch bestehenden SED-Bezirkszeitung massiv Konkurrenz machten und in den Wochen bis zur Volkskammerwahl im März Einblick in viele Aktenschränke nehmen durften. Die Mitarbeiter in den Verwaltungen von Stadt und Kreis nahmen sich in diesen Wochen einer fast grenzenlosen Freiheit genau diese und gaben fast jede Information, die abgefragt wurde.

Schnell wurde aber auch in Quedlinburg und den Industriestandorten der Umgebung deutlich, dass die Wirtschaftsbetriebe der DDR nicht konkurrenzfähig waren und ohne den Schutz des Eisernen Vorhangs einer trüben Zukunft entgegensahen. Was im Rahmen der Planwirtschaft die DDR auf dem Papier noch zur zehntgrößten Volkswirtschaft der Welt gemacht hatte, erwies sich nach der Einführung der Westmark Mitte 1990 als Luftnummer ohne Marktwert. Schlagartig nahm die Arbeitslosigkeit zu, blieben Ostwaren in den Regalen liegen, während die westdeutsche Konsumgüterindustrie den Osten eroberte. Was zu DDR-Zeiten gegen Devisen auch in Quedlinburg oder Silberhütte im Harz für die westdeutsche Industrie produziert worden war, erwies sich plötzlich als zu teuer und unverkäuflich, denn die Lohnstückkosten standen urplötzlich in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zur niedrigen Produktivität der Betriebe. „Das hat uns das Genick gebrochen“, berichtete damals ein Betriebsleiter in Quedlinburg. „Aber wir wurden auch über den Tisch gezogen. Ein westdeutsches Unternehmen unserer Branche, das sich als Berater angeboten hatte, nutzte den Blick in unsere Unterlagen, uns auch noch die letzten Kunden abspenstig zu machen.“ Hinter den Toren der maroden Betriebe wurde es immer stiller.

Eines aber war den Menschen in Hameln wie in Quedlinburg nach Helmut Kohls überraschend formuliertem Zehn-Punkte-Plan für die Einheit Deutschlands schnell klar: Auch die neu gewählte Volkskammer würde nur ein Übergangsparlament sein. Michail Gorbatschow, so hofften die Menschen, würde es in Moskau schon richten. Ohne den im Westen bewunderten Kreml-Chef und seine immer wieder überraschenden Zugeständnisse wäre der 3. Oktober wohl kaum zum Tag der Einheit geworden.

Die Handwerker legen letzte Hand an für Geschäftsstelle und Redaktion der Quedlinburger Zeitung.

Vertriebsleiter Harry Schulz (†) mit Redaktionsmitgliedern beim ersten Quedlinburger Stadtfest im Januar 1990 – dort wurde damals die Dewezet verteilt.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?