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Günter Styra hört in Tündern auf / Nachfolgersuche erfolglos / Immer weniger Pharmazeuten im Land

Eine Apotheke schließt – und ist nicht allein

Tündern. „… fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“ Kaum einem ist der Satz aus der Werbung unbekannt. Doch was, wenn es „meinen“ Apotheker bald nicht mehr gibt? Der, zu dem ich seit Jahren gehe und der mein Vertrauen genießt? In Tündern tut sich in der kommenden Woche genau diese Lücke auf: Die Eichen-Apotheke schließt, Günter Styra hört auf. Damit spiegelt sich in Tündern wider, was in ganz Niedersachsen passiert.

veröffentlicht am 12.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 20:21 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Ab Freitag stehen die knapp 3000 Tünderaner ohne Apotheke da. Wer dann Medikamente benötigt, muss sie in Hameln oder Emmerthal besorgen, einige der jungen Kunden weichen vielleicht aufs Internet aus. Für die Älteren in der Bevölkerung stirbt ein Stückchen Dorf und Dorfgeschichte, die Styra und seine Familie seit 28 Jahren mitprägen. Der kleine Wandteppich mit der tündernschen Windmühle hinter dem Tresen kündet von der Verbundenheit der Styras mit dem Ort. Styra bleibt. Nur die Apotheke geht. Gerne hätte er noch weitergemacht, sagt er. Wenn er noch jünger wäre. Doch er ist 66, arbeitet bereits ein Jahr länger, als er wollte und findet, dass jetzt die Familie dran ist: Die zwei Kinder, die vier Enkel, die Frau Sophia. Bei ihr überwiegt die Freude auf die Zeit danach, aber es „ist ein bisschen traurig“, dass sie schließen.

Seit einiger Zeit werden die Drogerieartikel, die Styra immer nur in überschaubarer Anzahl vorrätig hatte, abverkauft, die Regale leeren sich, Schubladen werden leichter. Nächste Woche holen Großhändler die übrig gebliebenen Medikamente ab, bevor Styra diesen Abschnitt seines Lebens hinter sich lässt und abschließt. Die Ladeneinrichtung aus hellem Holz ist noch immer dieselbe, die der damals junge Styra einbauen ließ – 300 000 D-Mark habe er investiert. „Viel Geld. Ich war damals arm.“ Das gerollte r in „war“ und „arm“ verrät jedem, der es nicht weiß, dass Styra nicht aus Tündern stammt.

„Oberschlesien“, „in Breslau studiert“, „Spätaussiedler“ – die dörflichen Strukturen, die er in Tündern vorfindet, sind ihm vertraut und seinem Heimatdorf sehr ähnlich, sagt Styra. Sein Diplom wurde damals in Deutschland anerkannt, den dritten Abschnitt der Approbation musste er in Münster nachmachen, damit er sich als Apotheker selbstständig machen konnte. „Ich wollte mich beweisen“, erzählt er über seinen damaligen Ehrgeiz. So sehr er sich für die Selbstständigkeit ins Zeug gelegt hat, so groß war auch sein Engagement, seine etablierte Apotheke in gute Hände zu geben.

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  • Abschiedsbrief an der Fensterscheibe.

Es wollte nicht gelingen. Zwar hat es die Tochter ihrem Vater gleichgetan, wurde Apothekerin, doch sie möchte Berlin nicht gegen Tündern tauschen. Der Sohn ging einen anderen Weg, und ein Nachfolger von außerhalb der Familie hat sich auch nach über einem Jahr dauernder Suche nicht gefunden. „Ich habe mit Kollegen aus Hameln gesprochen, mein Steuerberater betreut Apotheker deutschlandweit“, Großhandelsvertreter wussten über die bevorstehende Vakanz Bescheid – nichts. Interessenten habe es gegeben, doch letztlich sprangen sie ab. Warum?

„Vielleicht fehlt ihnen der Mut, vielleicht fehlen junge Leute“, sucht Styra nach Erklärungen. Seine Apotheke sei gesund, betont er, sein Sortiment auf den Bedarf des Kundenstamms abgestimmt. Es gehe ihm gut, spricht Styra aus, was längst nicht mehr jeder Apotheker von sich sagen würde. Mit dem Problem der fehlenden Nachfolge findet Styra sich auf einem Markt wieder, auf dem tendenziell mehr Apotheken schließen als eröffnen. So verschwanden im vergangenen Jahr 39 Apotheken aus Niedersachsen, während 21 neu eröffnet wurden. Insgesamt gibt es jetzt 2068 Apotheken innerhalb der Landesgrenzen. Besonders schwierig ist die Situation im Harz und an der ostfriesischen Küste.

Anja Hugenberg von der Apothekerkammer Niedersachsen beschreibt die Lage: „Für junge Leute ist es nicht mehr sehr attraktiv, sich mit einer öffentlichen Apotheke selbstständig zu machen – die Verdienstmöglichkeiten sind stark gesunken, während Kosten und Bürokratie deutlich gewachsen sind.“ Vor allem das Amnog, das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz, das seit Anfang 2011 gilt, lässt Apotheker aufstöhnen: Zu viel Bürokratie, zu hohe finanzielle Belastungen, heißt es. „Gerade für kleine Einzelapotheken hat sich die Ertragslage insgesamt deutlich verschlechtert“, so Hugenberg. Auch, weil Ärzte abwandern, wo doch Apotheker 80 Prozent ihrer Einnahmen mit rezeptpflichtigen Medikamenten erzielen. In Tündern ist zwar ein Arzt vor Ort; doch das hat offenbar auch nicht geholfen.

Zusammen mit dem Ehepaar Styra und dem gesamten Dorf sind zwei Angestellte von der Schließung betroffen. Sie werden sich jetzt einen neuen Job suchen müssen, so wie die Tünderaner eine andere Apotheke. „Es tut mir sehr leid“, sagt Günter Styra. Er habe seine Arbeit immer gerne gemacht. „Ich gehe mit Wehmut.“



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