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Anzahl der Taten „sprunghaft angestiegen“ / Zivilstreifen in Wohngebieten unterwegs

Einbrecher im Visier der Sonderfahnder

Hameln. Die Anzahl der Wohnungseinbrüche im Zuständigkeitsgebiet der Polizeidirektion Göttingen ist sprunghaft angestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr sind es rund 20 Prozent mehr. Banden aus Osteuropa und „alte Bekannte“sind oft die Täter. Die Polizei will in Wohngebieten nun verstärkt mit Zivilstreifen unterwegs sein.

veröffentlicht am 15.12.2015 um 18:06 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 15:07 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Morgens halb zehn in Hameln. Im Schritttempo rollt ein blauer Opel durch das Klütviertel. Die Insassen, zwei Männer, suchen nach einer günstigen Gelegenheit für einen Einbruch. Steht irgendwo ein Fenster auf Kipp oder ein Garagentor offen? Sieht ein Haus unbewohnt aus? Malte Gerull und Kevin Mitchell wissen, wie Diebe ticken. Die Kommissare schauen sich Gebäude genau an – sie gucken quasi durch die Brille eines Einbrechers.

Wir sind unterwegs mit Z-Wagen „Süntel 47-11“. Z – das steht für Zivil. Der Auftrag der Fahnder lautet: Bürger warnen, Einbrecher schnappen. Die Präventionsstreife im Sektor 4, zu dem das Klütviertel und die Ortschaften Klein Berkel und Halvestorf gehören, soll das subjektive Sicherheitsgefühl der Anwohner verbessern und Kriminelle abschrecken. Malte Gerull ist einer von vier Gebietspaten. Die Stadt ist in Planquadrate aufgeteilt worden. Jede Dienstschicht hat die Verantwortung für einen Bereich übernommen. Die Spezialaktion gehört zur sogenannten Herbstoffensive der heimischen Polizei, die Kriminellen den Kampf angesagt hat. In diesem Jahr sind die Ermittler der Inspektion Hameln/Holzminden schon zu 278 Wohnungseinbrüchen gerufen worden. Das sind sechs Taten mehr als im vergangenen Jahr.

Polizeipräsident Uwe Lührig schlägt Alarm: Die Anzahl der Wohnungseinbrüche im Zuständigkeitsgebiet der Polizeidirektion Göttingen ist sprunghaft angestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr sind es rund 20 Prozent mehr. In den letzten Wochen seien stetig steigende Fallzahlen zu verzeichnen – so verhält sich das auch in den Landkreisen Hameln-Pyrmont und Holzminden. Das sei eine alarmierende Tendenz, meint der Präsident und kündigt „deutlich verstärkte Kontrollen“ an. Man nehme die Lage sehr ernst, heißt es. Die Inspektion Hameln/Holzminden hat ihre Offensive bereits vor Wochen gestartet und kann bereits erste Erfolge vorweisen: Im Monat November wurden innerhalb weniger Tage nach Einbrüchen in Hameln acht mutmaßliche Täter geschnappt. Die jüngste Verdächtige ist erst 15, der älteste 25. Zudem haben Fahnder zwei wegen Eigentums- und Drogendelikten in Erscheinung getretene Männer (24, 44) aus dem Landkreis Minden-Lübbecke, die durch die Hamelner Nordstadt fuhren, gestoppt und überprüft. Möglich, dass dadurch Einbrüche verhindert wurden.

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Hauseigentümer Jian Zeng informiert die Kommissare Malte Gerull und Kevin Mitchell.

Banden aus Osteuropa und „alte Bekannte“

verüben Einbrüche

Menschen, die Opfer von Einbrechern geworden sind, gehen unterschiedlich mit den Geschehnissen um. Meist bleibt nach einer Tat ein unsicheres und ungutes Gefühl zurück, denn die eigenen vier Wände sollten eigentlich einen geschützten Rückzugsraum bieten. Wohnungseinbrüche werden von der Bevölkerung stets als bedrohlich wahrgenommen und beeinträchtigen ganz erheblich das Sicherheitsgefühl. Das weiß auch Kriminalhauptkommissar Frank Beißner, der beim Zentralen Kriminaldienst in Hameln das für schweren Diebstahl und Raub zuständige 2. Fachkommissariat leitet. „Gerade in den ersten Tagen nach der Tat sind viele Opfer traumatisiert. Einige sagen dann: ,Ich kann hier nicht mehr wohnen. Ich ziehe weg‘.“

Polizeipräsident Lührig sagt deshalb: „Wir sind als Polizei den Menschen in unserer Region besonders verpflichtet und möchten sie vor dieser Kriminalität schützen.“ Zahlreiche Präventionsmaßnahmen, der „Tag des Einbruchschutzes“ im Oktober und auch individuelle Beratungen könnten die Taten allerdings nicht vollständig verhindern. Deshalb werde die Direktion verstärkt Kontrollen durchführen. Hinweise aus der Bevölkerung seien enorm wichtig. In vielen Fällen stünden organisierte reisende Tätergruppen aus Osteuropa mit den Taten in Verbindung – so eine Erkenntnis der Polizeidirektion. In Hameln-Pyrmont sind überörtliche und ortsansässige Täter gleichermaßen auf Geld und Schmuck aus. In der Solarsiedlung war jüngst eine Bande aus Südosteuropa aktiv. Andernorts wurden „alte Bekannte“ erwischt. „Entlang der Bundesstraßen 1, 83 und 442 tauchen immer wieder reisende Täter auf“, sagt Beißner. „Sie verüben meist mehrere Taten und verschwinden dann so schnell, wie sie gekommen sind.“

Seit Juli gibt es in Hameln eine Ermittlungsgruppe, die versucht, Einbrechern auf die Spur zu kommen. Jede Tat liefert den Fahndern weitere Erkenntnisse. Ausländische Tätergruppen nutzen häufig sogenannte Residenzwohnungen von Bekannten als Anlaufadressen.

Es sei der Polizei ein Bedürfnis, professionellen Banden mit Professionalität zu begegnen, meint Lührig.

Den Kommissaren Malte Gerull und Kevin Mitchell fallen am Papengösenanger drei Männer und eine Frau auf. Die Polizisten fragen sich, ob die Gruppe ins Wohnviertel passt und was sie dort macht. Gerull fährt Z-Wagen „Süntel 47-11“ rechts ran, die Beamten steigen aus. Personenkontrolle. Die Beamten in Zivil weisen sich aus. Sie sind freundlich, wirken etwas angespannt. Die Polizisten wissen schließlich nicht, wen sie vor sich haben. Sind es Kriminelle oder unbescholtene Bürger? Diesmal ist alles okay. Die jungen Leute wohnen zwar nicht in der Straße, haben aber einen Grund, sich dort aufzuhalten.

Zahlreiche zusätzliche Zivilstreifenwagen sind heute unterwegs. Um ausreichend Personal zu haben, hat die Inspektion zusätzliche Beamte bei der Bereitschaftspolizei Hannover angefordert.

Am Blumenweg stoppen Gerull und Mitchell erneut. Ein schmuckes Eigenheim lädt zum Einsteigen ein. Garagentor geöffnet, Auto weg, im Dachgeschoss steht ein Fenster auf Kipp. „Ein Fassadenkletterer wäre hier nach 30 Sekunden im Haus“, sagt Mitchell. „Zwischen Garage und Haus befindet sich ein Torbogen – ideal für Einbrecher“, findet Gerull. Auf Klingeln und Klopfen öffnet niemand. Kommissar Gerull füllt ein Informationsblatt aus, steckt es in den Briefkasten. „Wir wollen Hausbesitzer und Mieter sensibilisieren“, erzählt Gerull. Ein paar Häuser weiter sind alle Rollläden heruntergelassen. „Das ist gut so“, meint Kommissar Mitchell. „Nicht, dass da niemand reinkäme, aber das macht Krach, bedeutet viel Arbeit für den Täter. Und das schreckt ab.“

Auf Kipp stehende Fenster sind für Einbrecher offene Fenster. Ruckzuck seien Täter im Haus. „Gelegenheit macht Diebe“, sagt Polizist Gerull.

An der Ratiborer Straße steht ein Fenster sperrangelweit auf. Das könnte in manchen Kreisen als Einladung verstanden werden. Die Beamten klingeln. Aus dem Keller kommt Geschäftsmann Jian Zeng. Der Ingenieur sagt, seine Tochter sei in der Wohnung. Sie lüfte nur. Er findet es „sehr gut“, dass die Polizei aufpasst. „Das macht unsere Wohngegend noch sicherer“, meint der 52-Jährige.

Die Kommissare steigen wieder in ihren Z-Wagen. Ihre Streife ist noch lange nicht zu Ende.



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