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Umdenken ist gefordert

Ein winziges Tier und Wetter machen dem Wald zu schaffen

HAMELN. Der Borkenkäfer gibt vielen Nadelbäumen in den umliegenden Wäldern gerade den Rest. Schon von Weitem sind die braunen Spitzen erkennbar, die Forstmitarbeiter kommen mit dem Fällen und Rausholen gar nicht hinterher – ein Stresstest nicht nur für den Wald.

veröffentlicht am 02.09.2018 um 16:13 Uhr

Hamelns Forstamtsleiter Ottmar Heise hat in diesen Wochen viel zu organisieren. Für diese Fläche unterhalb der Riepenburg hat er Eichen bestellt. Weil die Wälder in diesem Jahr in vielen Teilen Deutschlands gelitten haben, rechnet Heise fürs nächste
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Er gräbt seine Hand in den Waldboden und wird überrascht: feucht. Hier oben, am südlichen Riepen, wo die Fläche vergleichsweise eben ist, hält sich das bisschen Wasser, das in den vergangenen Monaten von oben kam, offenbar besser als vermutet. Ein guter Nährboden für die kleinen Hoffnungsträger, die begonnen haben, sich einige Meter neben dem Baumtrümmerfeld, das Orkan Friederike angerichtet hat, zu behaupten: Eiche, Vogelbeere, Ilex, Birke, Buche, auch eine Fichte schickt sich an zu wachsen. Ihre alten Artgenossen um sie herum dagegen sterben, einer nach dem anderen, in einem Ausmaß, dass Hamelns Forstamtleiter Ottmar Heise und seine Kollegen von einer „Katastrophe“ sprechen. Die Schuld trägt der Borkenkäfer, der als Winzling mit so viel Macht ausgestattet ist, dass er Wälder zu Fall bringt und Förster zur Verzweiflung.

Jeden Tag ist unten am Feldrand hörbar, was die Waldarbeiter oben im Riepen leisten. Die Motorsägen, das Knacken, das Krachen, wenn der Baum fällt. Am steilen Südhang Richtung Wangelist hat der Wald inzwischen ein Loch. Wo vor wenigen Tagen noch Fichten mit rötlich-braunen Spitzen standen, ist der Blick auf den nackten Boden jetzt frei.

Drei Waldarbeiter zählt Heise zu seinem Team. Als er anfing, 1983, seien es zwölf gewesen und drei Förster. „Das Doppelte, Dreifache wäre gut“, sagt Heise über die Mannstärke, die er gut gebrauchen könnte, jetzt, da den Wald ein Unglück nach dem nächsten ereilt: Orkan Friederike, klitschnasser Frühling, knochentrockener Sommer, Borkenkäfer. Der Orkan hat Freiflächen in den Wald geschlagen – die größte einzelne Freifläche im Hamelner Forstgebiet liegt eben hier, südlich der Riepenburg: Auf knapp einem Hektar ist fast nichts als totes Holz sichtbar. Der wasserreiche Frühling hat die Böden derart aufgeweicht, dass Friederikes Werk nicht schnell genug abtransportiert werden konnte. Dann der „Supergau“, wie Ottmar diesen Sommer nennt. Die Bäume sind „fängisch“, so sagen die Fachleute, wenn die Bäume ideale Bedingungen für den Borkenkäfer bieten, der latent ohnehin dort ist, wo Nadelbäume wachsen. „Dieses Jahr kommt alles Schlechte zusammen.“

Klein, schwarz, mächtig: Der Borkenkäfer lässt die Nadelbäume austrocknen. Das „Käferholz“, gespritzt und entrindet, bringt auf dem Markt weniger Erlös als unbefallenes Holz. Foto: BHA
  • Klein, schwarz, mächtig: Der Borkenkäfer lässt die Nadelbäume austrocknen. Das „Käferholz“, gespritzt und entrindet, bringt auf dem Markt weniger Erlös als unbefallenes Holz. Foto: BHA
Eine der tausenden Fichten, die im 1200 Hektar großen Hamelner Wald dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen ist. Rund um die Stämme der befallenen Bäume ist der Boden mit abgeworfenen olive-grünen Nadeln bedeckt. Foto: BHA
  • Eine der tausenden Fichten, die im 1200 Hektar großen Hamelner Wald dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen ist. Rund um die Stämme der befallenen Bäume ist der Boden mit abgeworfenen olive-grünen Nadeln bedeckt. Foto: BHA
Am steilen Südhang Richtung Wangelist hat der Wald inzwischen ein Loch. Wo vor wenigen Tagen noch Fichten mit rötlich-braunen Spitzen standen, ist der Blick auf den nackten Boden jetzt frei. Foto: bha
  • Am steilen Südhang Richtung Wangelist hat der Wald inzwischen ein Loch. Wo vor wenigen Tagen noch Fichten mit rötlich-braunen Spitzen standen, ist der Blick auf den nackten Boden jetzt frei. Foto: bha

Ein gesunder Baum, der ausreichend mit Wasser versorgt ist, harzt, wenn er angebohrt wird, erklärt Heise. „So sehr, dass der Käfer darin ersäuft.“ Doch alle Wetter haben die Bäume derart geschwächt, dass der Käfer leichtes Spiel hat, sich rasant vermehrt und hemmungslos ausbreitet. Ein Kollege von Heise habe mal gezählt: „40 Stück auf einer Fläche von 25 mal 25 Zentimetern!“ Die Menge erstaunt ihn noch immer. Was, wenn man ihn einfach machen ließe, den Käfer? So, dass die Natur das schon von alleine regelt, irgendwann?

Könnte man, „dann würde man das Nadelholz verlieren“, über kurz oder lang alles, was da ist. Dann kämen die nochzarten Pionierbaumarten, über die Heise sich an dieser Stelle freut, ganz groß raus; Nadelhölzer sind hier doch ohnehin nicht heimisch – ist das zynisch? Es wäre ein Riesenverlust für die Forstbesitzer und auch für die Kommunen, macht Heise klar. Die Fichte sei ein ertragstarker Baum, erklärt er und zeigt auf einen dünnen, langen Baum, den der Borkenkäfer bisher verschont hat: „So eine bringt pro Festmeter so viel wie eine 150-jährige Buche.“ Und von diesen 50 bis 60 Jahre alten Fichten ist der Riepen voll. Viele von ihnen liegen jetzt geschlagen am Wegesrand, mit Insektizid besprüht, teils auf Flächen, die ein Landwirt freundlicherweise bereitgestellt hat, „weil wir nicht mehr wussten, wohin damit“.

8000 Festmeter, also 8000 Kubikmeter feste Holzmasse, lässt Heise im Schnitt pro Jahr einschlagen und verkauft es. Allein 4000 davon hat in diesem Jahr schon Friederike übernommen. Wie viel darüber hinaus auf die Kappe des Käfers gehen wird, ist noch unklar. In Süddeutschland, wo „Lothar“ Weihnachten 1999 einen riesigen Schaden angerichtet hatte, seien im darauffolgenden Jahr noch einmal die doppelte Menge an Festmetern vom Borkenkäfer erledigt worden. „Damals hat man woanders den normalen Einschlag gestoppt“, auf Basis einer neu aufgelegten Verordnung zum „Forstschäden-Ausgleichsgesetz“.

Diesmal wird der Markt überschwemmt mit Holz, das gerade niemand nachfragt („die Industrie will jetzt Laubholz haben“, nachdem bereits nach Friederike keines mehr geschlagen wurde), die Preise sind laut Heise im Keller. Einen Schaden von 100 Millionen Euro schätzen die niedersächsischen Förster als realistisch ein und fordert einen Krisengipfel.

Fichte und Lärche funktionieren nicht mehr, wenn Stürme und Borkenkäfer über sie herziehen und -fallen und sie brechen können. Buche kann mit Hitze nicht umgehen, Heise setzt auf Eiche. Zehn Prozent des Hamelner Waldbestandes besteht aus dem robusten Baum, Heise wünschte „es wären 50 Prozent“. Jetzt kommen einige dazu. „1400 Eichen – der Auftrag geht heute raus“, sagt er. Keine Winzlinge mehr, sondern zwischen 1,20 und 1,50 Meter hoch. 3600 Euro kostet das teilweise Aufforsten dieser Brachfläche im Wald. 6000 Eichen könnten hier Wurzeln schlagen, doch Heise setzt auch auf Vorhandenes: „Wir werden alles übernehmen, was die Natur uns schenkt.“

„Wenn die Klimaforscher ein bisschen recht behalten“, sinniert Heise und denkt über Pflanzen nach, die mit den prophezeiten Folgen besser zurechtkommen. Elsbeere, Kirsche, Kiefer, Esskastanie, aber auch Weißtanne und Douglasie sind dann die erste Wahl – was den Wald letztlich vielfältiger machte, als er sich heute präsentiert. So viel zur Zukunft. In der Gegenwart bedeutet die Situation: Stress. Für die Bäume, die Forstbesitzer, die Waldarbeiter, die Förster. Da wird das, worüber sich jahrzehntelang Gedanken gemacht, was angepflanzt, gehegt und gepflegt wurde innerhalb eines erschreckend kurzen Zeitraums zerstört. Was entgegen der Planung Ungewolltes passiert, hat der Förster nicht mehr in der Hand. „Das ist psychologisch nicht ganz einfach.“



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