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Mal gefürchtet, mal geliebt: Unser Wald / Dewezet startet Themenserie

Ein Wald voller Überraschungen

Sprichwörtlich sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und fürwahr, der Wald ist mehr als die Summe seiner Bäume. In ihm treffen sich Sehnsüchte und Ängste, romantische Schwärmereien und handfeste Wirtschaftsinteressen. Er ist real und fiktiv zugleich, täglicher Job und Projektion von Wildnis und Heimat. Er prägt nicht nur Landschaften, sondern das Denken der Menschen, die seit jeher in enger Beziehung zum Wald leben.

veröffentlicht am 02.05.2015 um 10:40 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 16:21 Uhr

Gehen Sie mit uns in den Wald! Nicht nur in den Blätterwald unserer Zeitung: Im Rahmen der Serie bieten wir auch eine Reihe von Veranstaltungen zum Thema an (siehe Info-Box unten). Dana
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Sprichwörtlich sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und fürwahr, der Wald ist mehr als die Summe seiner Bäume. In ihm treffen sich Sehnsüchte und Ängste, romantische Schwärmereien und handfeste Wirtschaftsinteressen. Er ist real und fiktiv zugleich, täglicher Job und Projektion von Wildnis und Heimat. Er prägt nicht nur Landschaften, sondern das Denken der Menschen, die seit jeher in enger Beziehung zum Wald leben. Mal fürchteten sie ihn als unheimlichen Ort, mal liebten sie ihn als Inbegriff einer heilen, alltagsentrückten Welt. Diesem höchst widersprüchlichen Phänomen will die Dewezet in einer Themenserie auf die Spur kommen. Folgen Sie uns in den Wald!
 Grundlegend stellt sich die Frage: Wann ist ein Wald überhaupt ein Wald? Natürlich ist die Antwort in Deutschland gesetzlich geregelt. Im Sinne des Bundeswaldgesetzes ist „jede mit Forstpflanzen bestockte Grundfläche“ ein Wald, sofern es sich – etwas vereinfachend – nicht um eine Baumplantage oder -schule, Parkanlage oder landwirtschaftlich genutzte Fläche handelt. Die Vereinten Nationen definieren Wald als mindestens 0,5 Hektar große Fläche, die wenigstens zu zehn Prozent von Baumkronen überschirmt sein muss (beim „geschlossenen Wald“ 60 Prozent). Aber Bäume allein machen noch keinen Wald. Ökologisch gesehen handelt es sich um eine komplexe Lebensgemeinschaft von Pflanzen und Tieren, die in geschlossenen Kreisläufen funktioniert. Wald erzeugt sogar sein eigenes Klima: An heißen Tagen ist es kühler, in kalten Nächten wärmer als in der Umgebung.
 Doch wer aus solchen Definitionen ableitet, es gäbe „den Wald“, befindet sich – um im Bild zu bleiben – auf dem Holzweg. Insgesamt ist Deutschland zu einem Drittel, Niedersachsen zu einem Viertel seiner Fläche bewaldet. Doch Wald ist nicht gleich Wald. Es gibt diverse Besitzstände (fast die Hälfte der Fläche ist in privaten Händen) und vor allem unterschiedliche Waldarten. Die im Weserbergland verbreiteten Mischwälder unterscheiden sich von Nadelwäldern, Bergwälder von Auenwäldern, und der alles dominierende Wirtschaftswald ist etwas anderes als der seiner natürlichen Entwicklung überlassene Naturwald oder der gänzlich unberührte Urwald, den es in Deutschland in Reinform nicht mehr gibt.
 Was auch daran liegt, dass immer mehr Menschen die Ruhe des Waldes suchen, die deshalb umso schwieriger zu finden ist. Lust auf den Wald hatten die Menschen aber keineswegs immer. Als Naherholungsziel etablierte sich der Wald erst im 19. Jahrhundert, nachdem sich sein Image fundamental gewandelt hatte: Aus dem dunklen, furchteinflößenden Ort, in dem schauderhafte Gestalten hausen, erwuchs eine idyllische Gegenwelt zur entstehenden Industriegesellschaft, die den stressgeplagten Stadtbewohnern Stille und Abgeschiedenheit versprach.
 An diesem Bild einer heilen, unverfälschten Natur hat sich in seinen Grundzügen bis heute nichts geändert, außer dass der Sonntagsspaziergänger inzwischen von Trekking-Enthusiasten, Crossläufern und Mountainbikern überholt wird. Der Wald, der sich angesichts des „Waldsterbens“ vor 30 Jahren erstaunlicher Gesundheit erfreut, entwickelt sich zusehends zum Freizeit- und Erlebnispark, das traditionelle Waldgasthaus weicht dem Baumhotel mit integriertem Klettergarten und Baumwipfelpfad. Als Goethe im Winter 1777 den Harzer Brocken bestieg, trugen sich über das gesamte Jahr gerade mal 421 Besucher ins Brockenbuch ein. Heute liegt die Zahl bei rund einer Million im Jahr. Der Wald ist längst kein einsamer Ort mehr.
 Etwas allerdings ist geblieben von der alten Unheimlichkeit. Allein in den Wald zu gehen, gilt manchem Großstädter immer noch als Wagnis. Und in unseren Märchen lebt das Bild eines Waldes fort, in dem Hexen und Räuber ihr Unwesen treiben, während die Helden aus dem Dunkel herausfinden müssen. Ohne vom „bösen Wolf“ verspeist zu werden – noch so ein altes Bild, das in den dauererregten Debatten um die Rückkehr des Wolfes gerade eine Renaissance erlebt.
 Auch politisch ist der Wald kein unberührtes Terrain. Im 19. Jahrhundert avancierte er nicht nur zum Inbegriff heiler Natur, sondern auch zum nationalen Symbol der Deutschen. Die junge Nationalbewegung verschrieb sich dem Wald als Ort, an dem die Nation im Mythos der „Hermannsschlacht“ geboren wurde. Im Kaiserreich wurden nationale Denkmäler bevorzugt im Wald errichtet, Orden und Hoheitszeichen schmückte das „Eichenlaub“, das Blatt des deutschesten aller Bäume. Der Wald stand für einen ursprünglichen, kraftvollen Nationalcharakter, der im Gegensatz zu den Franzosen oder Engländern noch nicht den Bequemlichkeiten der Zivilisation anheimgefallen war.
 Wer den Wald auf eine bloße Ansammlung von Bäumen reduziert, springt also viel zu kurz. Der Wald hat viel mehr zu bieten. In unserer heute beginnenden Serie gehen wir auf Entdeckungsreise: Die Natur, die Menschen, der Wirtschaftsfaktor, die Geheimnisse – all das kommt zur Sprache. Seien sie gespannt! Der Wald steckt voller Überraschungen.

Von: Frank Werner



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