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In Hameln lebende Hellenen sehen Deutschland als Favorit und wollen die Politik vom Sport trennen

„Ein Sieg täte der griechischen Volksseele gut“

Hameln (HW). Griechenland liegt am Boden, die Volksseele kocht und der Nationalstolz leidet. In dem hoch verschuldeten Staat stöhnen viele Hellenen über Europas „Spardiktat“, sehen die Bundesrepublik als Hauptschuldige und wittern bereits eine drohende „Fremdherrschaft“ aus Deutschland. Und am kommenden Freitag stehen sich ab 20.45 Uhr beide Nationalmannschaften im Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft gegenüber. Eine Partie, die angesichts des aktuellen politischen Hintergrundes mehr ist als nur ein Fußballspiel. Bei den in Hameln lebenden Griechen wird der Anpfiff dieser Begegnung schon jetzt mit großer Spannung erwartet. Ein Sieg über das DFB-Team, und das Selbstbewusstsein der Griechen wird innerhalb von Minuten wieder steigen und die finanziellen Sorgen um das Land zumindest zeitweise in den Hintergrund rücken.

veröffentlicht am 20.06.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 03:41 Uhr

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„Ich rechne mit einem 1:0 für Griechenland“, sagt Argiriou Pantelis voller Selbstbewusstsein. Der Inhaber des Imbisses „Santorin“ an der Baustraße hält jedoch nichts davon, dass im Vorfeld dieses Spiels Sport und Politik vermischt werden. „Seit die Paarung feststeht, werde ich immer wieder darauf angesprochen. Aber ich lasse mich nur auf das Spiel ein, denn ich hoffe, dass der Ausgang der Wahl am vergangenen Sonntag nun zu einem politischen Ende der Krise führt“, sagt der gebürtige Bad Pyrmonter, der jedoch im Besitz der griechischen Staatsbürgerschaft ist. Wenngleich der 45-Jährige einräumt, dass Griechenland in der Vergangenheit viele Fehler gemacht habe, sieht er das Land seiner Vorväter nicht als Alleinschuldigen der aktuellen Krise. „Auch Spanien und Italien haben dazu beigetragen“, meint er und zeigt dabei auch Verständnis für die Stimmung seiner Landsleute. „Der Druck Europas auf die Griechen ist zu groß“, erklärt Pantelis. Statt die Renten zu kürzen, müsse ein gerechtes Steuersystem eingeführt werden. „Dass in einer solchen Situation in Griechenland dann noch die Militärkosten steigen, geht gar nicht“, erklärt der Imbissbetreiber, der es aber als „übertrieben“ bezeichnet, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel das Spiel im Stadion nicht live verfolgen will: „Es ist und bleibt ein Fußballspiel.“ Aber so ganz insgeheim hofft er, dass seine Hellenen die Sensation von 2004 wiederholen können. Vor acht Jahren wurden die Griechen unter dem deutschen Trainer Otto „Rehakles“ Rehagel zur Überraschung aller Experten Europameister.

Auch Kosta Koletsou ist strikt dagegen, dass „Sport und Politik miteinander verbunden werden“. In seinem Restaurant „Akropolis – Deutsches Haus“ am Berliner Platz werde deshalb mit seinen Gästen auch nur über das eine oder das andere Thema gesprochen. „Ich habe viele Stammgäste und wir haben miteinander ein gutes Verhältnis“, betont der Gastronom, der Freitag dem Löw-Team die Daumen drücken wird. „Griechenland ist zwar meine Heimat, aber ich lebe seit 1964 in Deutschland“, begründet er und lässt noch wissen, dass seine Lieblingsmannschaft ebenfalls nicht aus Griechenland kommt, sondern Hannover 96 ist.

„Deutschland ist Favorit, aber ein Spiel dauert nun mal mindestens 90 Minuten“, weiß Michael Giannakos, Betreiber des Restaurants „Athen“ am Campingplatz. Er lehnt zwar ab, für diese Binsenweisheit einen Obolus ins Phrasenschwein zu zahlen, schiebt aber hinterher: „Ein Sieg über Deutschland täte der griechischen Volksseele gut, denn die Situation zu Hause ist nicht so einfach.“ Doch das soll am Freitag für die Dauer des EM-Viertelfinales in den Hintergrund rücken. „Wir hoffen auf gutes Wetter und wollen dann in unserer Beachbar das Spiel im Fernsehen anschauen – wir Griechen und die Deutschen gemeinsam“, kündigt Michael Giannakos an.

Deutsch-griechische Freundschaft im Fährhaus am Campingplatz: Michael Giannakos, Kirsten Salomon und Elke Janssen. Fotos: Dana

Auch Despena Maragos sieht das DFB-Team in der Favoritenrolle. „Wenn Deutschland spielt, ist es bei uns immer etwas ruhiger“, weiß die Inhaberin des Restaurants „El Greco“ in Afferde. Klar sei das Spiel am Freitagabend derzeit beherrschendes Thema – ebenso wie die Politik in ihrer Heimat. „Aber wir unterhalten uns darüber stets getrennt, mengen das nicht zusammen. Doch wir reden untereinander ganz offen. Wir sind schon so lange hier; unsere Gäste sind wie gute Freunde“, erklärt Maragos und bestätigt wie alle ihre in Hameln lebenden Landleute das gute Verhältnis zu den Einheimischen. Mit „dummen Sprüchen“ seien sie bislang nicht konfrontiert worden – weder in Sachen Politik, noch im Vorfeld des anstehenden sportlichen Kräftemessens.



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