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Brückenprüfung in Hameln ist ein gefährlicher Job / Ergebnis zufriedenstellend

Ein Laufsteg der ganz anderen Art

Von Ernst-August Wolf

veröffentlicht am 20.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 12:41 Uhr

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Hameln. Langsam, fast schleichend, bewegt sich der knapp 20 Meter lange Laufsteg des Krans vorwärts. Standfest müssen sie sein, die Männer der niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr, die auf ihm stehen und mit langstieligen Hämmern die Unterseite des Brückenbetons abklopfen. „Wir führen gerade eine akustische Prüfung der Brückenstege durch“, sagt Bücken-prüfingenieur Karl-Heinz Husemann. Trotz der geringen Geschwindigkeit, mit der der Spezialkran zwischen den Pfeilern hin und her fährt, schwankt der Steg beachtlich. „Augen auf“ heißt die Devise, denn immerhin war die gestrige Prüfung der Hochstraße am Brückenkopf Bestandteil der Hauptprüfung, die alle sechs Jahre erfolgen muss. Zwischen den Hauptprüfungen findet im Abstand von drei Jahren eine einfache Prüfung statt.

Eile ist vor allem geboten, weil der Spezialkran den Prüfern nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht. „Wir können es uns nicht leisten, den Kran einen halben oder sogar einen ganzen Tag ungenutzt stehen zu lassen“, erklärt der Fachmann; deswegen prüfe man längere Brücken wie die Hochstraße in Hameln erst von unten, reise dann zur nächsten Brücke weiter und komme noch einmal nach Hameln zurück, um den oberen Teil der Brücke unter die Lupe zu nehmen und die Hauptprüfung abzuschließen.

Unterdessen ist der Kran bei den ersten beiden Tragpfeilern angekommen. „Das Brückenoberteil ist auf beweglichen Lagern aufgelegt, die sich auf den Pfeilern befinden. So kann sich das Brückenoberteil frei bewegen“, erklärt Brückentechniker Jürgen Heins. Seit 25 Jahren macht er den Job, und so eine Brücke wie die Hochstraße in Hameln gefällt dem 54-Jährigen. „Das ist hier ein ganz entspanntes Arbeiten“, sagt er. Kein Vergleich zu den Brücken auf den Autobahnen. Warnschilder, Begrenzungspylone, ja sogar ganze Messwagen hat Heins da schon durch die Luft fliegen sehen. „Manchmal“, sagt er, „haben wir einen sehr gefährlichen Job.“

Für die akustische Prüfung reicht den Experten ein simpler Hamme
  • Für die akustische Prüfung reicht den Experten ein simpler Hammer.

Während Heinz mit einem Messgerät die Temperatur der Brücke misst, kontrolliert Husemann den Gleitspalt des Lagers. „Unter einem Millimeter sollte der Zwischenraum nicht liegen, sonst müssten wir handeln.“ Die Temperatur der Brücke gebe darüber Aufschluss, um wie viel Zentimeter sie sich ausdehnt oder zusammenzieht, wenn die Lufttemperatur sich ändert, fügt Heins an. An einem Pfeiler entdeckt er eine Markierung, die er bei der letzten Prüfung im Jahre 2004 angebracht hat. „Eins Komma fünf Millimeter. Gleich geblieben“, stellt er sichtlich zufrieden fest.

1975 wurde die Hochstraße zwischen Thiewallbrücke und Pyrmonter Straße gebaut und hat seitdem zahlreiche Prüfungen über sich ergehen lassen müssen. Mit insgesamt 210 Metern Länge und einer Breite von 17,50 Metern gehört sie zu den größeren Brücken Niedersachsens, und solche prüft die Behörde vorwiegend selbst. Auffälligkeiten werden penibel dokumentiert. Fotos, Messungen und Schweregrad eines Mangels fließen in den Prüfbericht ein. „Jeder einzelne Mangel wird hinsichtlich Standsicherheit, Verkehrssicherheit und Dauerhaftigkeit benotet“, erklärt Husemann. Von null (kein Handlungsbedarf) bis vier (akuter Handlungsbedarf) reicht die Benotungsskala. So könne zum Beispiel ein verbogenes Geländer bei der Standsicherheit eine Eins, bei der Verkehrssicherheit hingegen eine Zwei und bei der Dauerhaftigkeit eine Null erzielen. Fehlt ein Teil des Geländers komplett, wird Husemann bei der Verkehrssicherheit unter Umständen sogar eine Vier vergeben, und das bedeutet dann, dass sofort etwas passieren muss. „Wir haben schon Brücken während der Prüfung sperren müssen“, erinnert er sich. Einen ganz besonderen Platz bei der Prüfung der Brückenunterseite haben die Mitarbeiter der Spezialfirma, die den Kran bedienen.

Während Kai-Uwe Fischer oben das Fahrzeug fährt, an dem über einen Turm der Laufsteg befestigt ist, hat es sich Günther Schiffner in einem Bereich im Turm des Gerätes „gemütlich“ gemacht. Von dort aus kann er den Steg bedienen, ihn höher oder tiefer fahren. Über Funk hält er Kontakt mit seinem Kollegen. „Wir sind ein eingespieltes Team“, sagt Schiffner, und die Männer von der Landesbehörde nicken. Man kennt sich seit Jahren, reist quasi gemeinsam quer durch Niedersachsen und ist nur selten zu Hause.

Eine Brücke bei fließendem Verkehr zu untersuchen, könne eine sehr heikle Sache sein, betonen die Prüfer. Der brisanteste Bereich bei der Hochstraße ist der, wo sie die Verbindung zwischen Münsterbrücke und Klütstraße überquert. „Die Straßenmeisterei sorgt für Warnschilder und Begrenzungsmarkierungen, aber für diese besondere Stelle haben wir die Polizei angefordert, um den Verkehr zu regeln“, erklärt Husemann. Noch vor dem Feierabendverkehr gab die Polizei die Straße wieder frei. Die Hochstraße zählt nach Auskunft der Stadt zu einer der meistfrequentierten Straßen im Stadtgebiet; er verweist auf die 2007 vorgenommene Verkehrszählung, bei der man 21 500 Fahrzeuge pro Tag registriert habe.

Husemann erinnerte sich noch an die letzte Hauptprüfung. „Damals haben wir festgestellt, dass die Fallrohre für das Regenwasser verstopft waren. Durch den Wasserrückstau bestand auf der Fahrbahn die Gefahr von Aquaplaning. Dieser Mangel wurde in der Zwischenzeit beseitigt und wird dazu führen, dass die Brücke dieses Mal eine wesentlich bessere Gesamtnote erzielen wird.“ 2004 hatten Husemann und sein Team die Note 2,7 errechnet.

Michael Warm, technischer Angestellter: „Die Gesamtnote setzt sich aus allen Einzelmängeln zusammen.“ Selbst der neue Ostteil der Münsterbrücke habe 2008 nur mit 2,0 abgeschnitten und die Thiewallbrücke 2005 mit der Note 2,4. Wann der aktuelle Prüfbericht vorliegt, kann Husemann derzeit noch nicht sagen, denn zunächst werden die Unterseiten weiterer Brücken in Niedersachsen untersucht. „Aber wenn es erforderlich wird, können wir auch hier einen Prüfbericht ausdrucken. Unser mobiles Büro ist komplett ausgestattet.“ Mit dem Zustand der Brückenunterseite sind die Prüfer jedenfalls vollauf zufrieden.

Arbeitsplatz auf schwankendem Grund in luftiger Höhe: Brückenprüfer nehmen die Unterseite der Hochstraße in Hameln unter die Lupe.

Fotos: Dana

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