weather-image
23°

Maler, Surfer und Naturliebhaber schätzen Dänemarks ersten Nationalpark Thy, hoch oben im Norden Jütlands

Ein Land zwischen den Meeren, das mit dem Wind lebt

Thy. Starr blickt Kresten Hansen auf das grüne Wasser des Limfjords. Sturmzerfetzte Wolkenberge spiegeln sich blaugrau auf der Wasseroberfläche. „In zwei Stunden wird die Sonne rauskommen“, sagt er. Dann würden auch die Segler im Hafen von Løgstør auf den Sund hinaus fahren. Kresten kennt den Fjord, der die Nordsee bei Thy mit dem Kattegat verbindet, wie seine Westentasche. Seit mehr als 60 Jahren lebt er an seinem Ufer. Bis vor zehn Jahren war er Fischer, wie sein Vater und Urgroßvater. Jetzt fährt er für das Limfjordmuseum Touristen aus.

veröffentlicht am 11.12.2009 um 14:21 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 23:41 Uhr

Der alte Mann und das Meer: Kresten Hansen lebt seit mehr als 60
Tomas Krause

Autor

Tomas Krause Onlineredakteur zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Das freundliche „Du“, mit dem er sich an seine Fahrgäste wendet, ist kaum zu hören. Der Zweitakter der Nora Venø dröhnt und verschluckt die Worte. Unter den Schlägen der Kolben zittert das alte Holzboot. Es riecht nach Diesel. Aus dem Auspuffrohr am Kabinenhäuschen steigt Dampf auf. Neben dem einzigen dänischen Weinberg im zehn Kilometer entfernten Ranum und dem Limfjordmuseum ist der 1861 erbaute, vier Kilometer lange Frederik VII-Kanal die Attraktion in Løgstør. Ein Rad- und Fußweg führt vorbei an ehemaligen Zollstationen, den „Kanalhäusern“, bis zur ältesten Drehbrücke Dänemarks. Auf der Fahrt spricht Kresten von den Veränderungen, die die Fischerei in den vergangenen 100 Jahren erlebte. Davon, wie 500 Deutsche den Kanal von Hand gruben, wie der Warenhandel florierte, und von den Wikingern, die schon um das Jahr 1000 in der nahen Aggersborg siedelten, um vor der Fahrt gen Westen ihre Flotte im Limfjord zu sammeln.

Dann hat der Kutter sein Ziel erreicht. Das frühere Haus des Kanalvogts steht auf einem grünen Hügel. Kresten hat Recht behalten, der Wind hat die Wolken vertrieben – die Sonne scheint. „Der Wind ist hier oben die Lebensader“, sagt der 68-Jährige und schiebt seine Kapitänsmütze zurecht. „Er prägt die Natur und die Menschen. Wind hast du hier zu jeder Tages- und Nachtzeit und zu allen Jahreszeiten.“ Auch deshalb ist der Norden Jütlands ein Paradies für Segler und Surfer.

Der kleine Fischerort Klitmøller liegt auf der Halbinsel Thy, direkt an der Nordsee. In Surferkreisen ist der Ort als „Kaltes Hawaii“ bekannt. „Bessere Bedingungen findest du nirgends“, sagt Rasmus Fejerskov. Der 23-Jährige hat das Potenzial von Klitmøller früh erkannt und seinen Surf-Shop „West Wind“ eröffnet. „Im Sommer ist das hier wie ein großes Hippiefest“, schwärmt er. Dann kämen 50 000 Surfer, vor allem aus Norwegen, Schweden und England, und würden wochenlang eine Riesen-Party feiern. Zwölf Meter hohe Wellen und die höchste Windgarantie in Nordeuropa lockten „Pros“ und Anfänger gleichermaßen. Und obwohl Rasmus durch seinen Job die verrücktesten Typen kennengelernt hat, begegnet er immer wieder weiteren: „Neulich kam ein alter Mann zu mir, um ein Board zu kaufen. Ich fragte ihn, ob es für seinen Enkel sei. Er wollte es aber für sich. Der Mann war 85 Jahre alt, und hatte schon alle Küsten der Welt befahren.“

3 Bilder

So weit ist Rasmus noch nicht gekommen. Aber immer wenn er Zeit hat, stellt er sich selbst aufs Board. Der neuste Trend sei „Stand-up-Surfing“. Dabei steht man auf dem Brett und bewegt sich mit einem Paddel fort. Am liebsten aber macht Rasmus Kite-Surfing. An manchen Tagen seien bis zu 15 000 Kite-Surfer im Wasser. Die Küste sei dann voller bunter Drachen und lässiger Typen, die bis spät in die Nacht auf den Wellen reiten.

Doch die Halbinsel Thy hat auch ein ganz anderes Gesicht – ein ruhiges mit langen, menschenleeren Stränden, sanften Dünen, ausgedehnten Heidelandschaften, Seen und lichten Wäldern. Keiner weiß das besser als Ib Nord. Er ist Ranger in Thy, Dänemarks erstem Nationalpark. Der Park erstreckt sich in einem bis zu zwölf Kilometer breiten Gürtel an der Nordseeküste, entlang der Landzunge Agger Tange im Süden bis nach Hanstholmen im Norden. Er sei ein Paradies für alle, die Ruhe suchen, wandern oder reiten wollen, meint Ib. Der stämmige Däne hat eine Lieblings-Wanderstrecke, die er Touristen gerne zeigt. Die Bøgsted Rende schlängelt sich als Küstenweg durch einen Wald mit windschiefen Bäumen. Lange Moose hängen von den niedrigen Ästen herab – Pilze, Blaubeerbüsche und Findlinge säumen den Bachlauf. Zum Strand hin öffnet sich das Tal, der Bach verliert sich in der Nordsee. Zwischendurch macht Ib mit den Gruppen ein Picknick. Vor allem, um allen eine Flasche Thisted Thy anzubieten. Die Spezialität aus dem Nationalpark sei das beste Bier in Skandinavien, behauptet Ib. Überhaupt verwenden die Dänen gerne den Superlativ.

Da gibt es die kleinste Dorfkirche der Welt in Verstervig, den ältesten „Kro“ (ein königliches Gasthaus) Dänemarks bei Oddesund Nord oder das reinste Wasser Nordjütlands im Rebild Bakker, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet Dänemarks. Auf die Wanderdüne Råbjerg Mile trifft die höchste Steigerungsform tatsächlich zu. „Wer einmal auf der gewaltigen Düne steht, glaubt in der Wüste zu sein“, sagt Annette Dochweiler. Die Fremdenführerin kommt aus Süddeutschland und hat sich vor 15 Jahren für ein Leben zwischen Nord- und Ostsee entschieden. Mit breitem Singsang erzählt sie von ihrer Liebe zu dem Land und dem Licht: „Das ist einzigartig – hell, blau und klar. Das liegt an den zwei Meeren die sich hier oben treffen“. Deshalb seien auch viele Maler hier gewesen, sagt sie.

Wie ein Berg erhebt sich die 40 Meter hohe Wanderdüne im sonst flachen Küstengebiet. Oft besteigt Annette die Düne. Von dort habe man den besten Blick: „Schaut man zur einen Seite, sieht man die Nordsee. Dreht man sich um, ist die Ostsee zum Greifen nah.“ Die Landzunge ist hier nur 3,5 Kilometer breit. „Irgendwann wird die Düne ganz im Kattegat verschwinden“, erklärt sie. Denn jedes Jahr treibt der Wind den Sand um 15 bis 30 Meter weiter.

Auf ihrem Weg habe die Råbjerg Mile schon jede Menge Unheil angerichtet. „Ganze Dörfer, Ferienhäuser und Kirchen liegen unter ihr begraben“, erzählt Annette. Besonders berühmt ist die Geschichte der St.-Laurentii-Kirche. Die damals größte Kirche wird heute nur „die Versandete“ genannt. „Über Jahrhunderte haben die Gemeindemitglieder um ihre Kirche gekämpft und sie immer wieder freigeschaufelt. Aber die Düne war nicht zu stoppen“. 1795 gaben sie den Kampf auf. Nur noch die Kirchturmspitze schaut heute aus dem Sand.

„Und wer schon mal hier oben ist“, sagt Annette, „der muss nach Skagen und auf den Grenen.“ Das ist die äußerste Spitze Dänemarks. Der Ort sei magisch, meint sie. Dunkelblau stößt die Nordsee auf das grünliche Wasser der Ostsee. „Einen schöneren Platz für Verliebte gibt es nicht auf der Welt.“

Informationen über den Nationalpark Thy, Restaurants und Aktivitäten unter: www.visitdenmark.com

Der alte Mann und das Meer: Kresten Hansen lebt seit mehr als 60 Jahren am Limfjord. Er kennt das raue Leben im Norden. Wenn der Wind am Skagerrak tobt und an den Fassaden der Häuser zerrt, fühlt er sich richtig wohl.

Fotos: tk



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?