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Frauenarchiv sammelt Lebensgeschichten von Migrantinnen / Vikilu-Schülerinnen führen Interviews

Ein Kuss im Linienbus? In Korea ganz undenkbar

Hameln (git). Als die Koreanerin Hyuni Oberbeck 1972 als junge Frau von Daegu in Südkorea nach Berlin kam, dachte sie im Traum nicht daran, irgendwann einmal als eine der ersten Migrantinnen zum Aufbau des Hamelner Frauenarchivs beizutragen. „Damals wollte ich als Krankenschwester Auslandserfahrung sammeln und nur einige Jahre in Europa bleiben“, erinnert sie sich. Mit ihr sprachen zwei Schülerinnen des Viktoria-Luise-Gymnasiums. Die Fäden von „Frau zu Frau“ hatte Ingrid Scheunpflug gespannt. Die Vertreterin des Hamelnerin Frauenringes ist seit gut einem Jahr mit dem Zusammentragen von unterschiedlichsten Materialien zum Aufbau des Hamelner Frauenarchivs im Stadtarchiv aktiv.

veröffentlicht am 01.03.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 16:41 Uhr

Das Gespräch mit Hyuni Oberbeck (li.) fesselte Jasmin Kolzuniak
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„Die Zuwanderinnen wie Hyuni Oberbeck sind ein wichtiger Teil unserer Stadtgeschichte“, erklärte Ingrid Scheunpflug. Darum setzte sie auch an solchen Stellen für das Frauenarchiv an. Da es bei den jungen Zuwanderinnen natürlich noch keine historischen Unterlagen zu sichern gibt, ist es bei den Migrantinnen etwas anderes, das Ingrid Scheunpflug festhalten will. Es ist der aktuelle Augenblick, die selbsterzählte Lebensgeschichte, die die Frauen mit Hameln verknüpfen und die Chance im „Heute“ Fragen stellen zu können.

Scheunpflug hat sich für dieses „Fragen stellen“ Hilfe vom Viktoria-Luise-Gymnasigeholt. In der Lehrerin Dr. Sabine Kempf fand sie eine engagierte Mitstreiterin. Sechs Schülerinnen unterhielten sich bis gestern mit acht Gesprächspartnerinnen und auch -partnern, die in Hameln zugewandert sind. Drei Patinnen halfen bei Sprachschwierigkeiten.

Das erste Interview führten Lisa Cheng und Jasmin Kolzuniak aus Jahrgang elf mit Hyuni Oberbeck. Aufgeregt waren beide Seiten, aber im Gespräch fand man schnell zueinander. Olaf Piontek vom Stadtarchiv hatte den Schülerinnen einen Gesprächsleitfaden an die Hand gegeben. Aber Lisa und Jasmin tauchten sofort in Oberbecks fesselnde Erzählung ein, so dass spontane Fragen kein Problem waren. Die Liebe hat die Koreanerin am Ende nach Hameln geführt, erfuhren die Schülerinnen. Und dass Bäume in Deutschland das Eindrucksvollste waren, das Hyuni Oberbeck bei ihrer Ankunft in Berlin wahrnahm. Und auch, dass man sich in Korea nicht öffentlich im Bus küsst. „Die gute Mischung aus beiden Traditionen ist mir heute wichtig“, sagte Hyuni Oberbeck inzwischen als Mutter einer erwachsenen Tochter. „Warum kehren Sie nicht in Ihre Heimat zurück?“, fragten die Mädchen. „Bis zu meiner Heirat Anfang der 80er Jahre habe ich immer gedacht, es ist ein begrenzter Aufenthalt in Deutschland“, antwortete Oberbeck. Aber dann änderte sich alles: „Wir zogen endgültig nach Hameln und ich begann mich heimisch zu fühlen.“ Der alte Reisekoffer, der bis dahin immer griffbereit war, wurde entsorgt. „Meine Tochter Naby kam 1981 auf die Welt.“

Von da an galt es wieder, Neuland zu erforschen. Denn mit den Gepflogenheiten der hiesigen „Kinderkultur“, die von der Krabbelgruppe bis zur Schul-AG reicht, sei sie natürlich nicht vertraut gewesen, erinnert sich Oberbeck. „Diese Informationen gab es auch nicht im Deutschkurs, das musste ich mir erfragen.“

Seit zwei Jahren ist die gelernte Sozialpädagogin als Integrationsbeauftragte des Paritätischen in Hameln tätig. „Ich wollte immer die Gelegenheit haben, mein Wissen als Zuwanderin weiterzugeben“, sagte Oberbeck.

Die abschließende Frage aus ihrem Gesprächsleitfaden stellten die Mädchen nicht mehr. Die Antwort war nämlich nach den ersten zehn Gesprächsminuten klar. Die letzte Ruhe wünscht man sich da, wo man sich zu Hause fühlt. Und das ist für Hyuni Oberbeck seit 30 Jahren Hameln.



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