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„Ein Zeichen setzen – für die Frauen“

Ein Jahr danach: Buch über den Schleifmordversuch an Kader K.

Das Verbrechen sorgte im November 2016 international für Entsetzen: Die damals 28-jährige Kader K., Hamelnerin mit kurdischen Wurzeln, wird von ihrem Ex-Mann Nurettin B. mit einem Messer und einer Axt schwer verletzt. Dann bindet er sie an sein Auto, in dem der gemeinsame kleine Sohn sitzt – er will die junge Frau zu Tode schleifen. Das Opfer überlebt die Attacken wie durch ein Wunder. Dewezet-Chefreporter Ulrich Behmann hat den Fall begleitet. Nun veröffentlicht er ein Buch darüber: den Kriminalroman „Novemberwut“. Das Buch entstand auf Wunsch von Kader K., der auch Einnahmen aus dem Verkauf des Buches und der Filmrechte zugutekommen. Wir haben mit dem Autor und der Hauptperson gesprochen.

veröffentlicht am 02.11.2017 um 18:25 Uhr

Ein vertrautes Verhältnis verbindet Kader K. und Dewezet-Chefreporter Ulrich Behmann. Foto: fn
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Kader, wie geht es Ihnen?

Kader K.: Nicht so gut. Es hat Narben hinterlassen – auch seelisch. Ich habe immer noch Kopfschmerzen. Auch der Nacken und der Rücken tun weh. Es ist auch so, dass ich immer wieder schlapp werde, wenn ich etwas mache. Wenn ich mehr als drei Stunden unterwegs bin, fange ich an zu zittern und werde kraftlos. Und ich habe Schlafstörungen und Albträume. Wenn ich alleine bin, denke ich viel zu oft daran, was mir passiert ist.

Das Verbrechen liegt nun fast ein Jahr zurück. Warum jetzt dieses Buch?

Kader K.: Es tat mir gut, darüber zu sprechen – um das zu verarbeiten, was mir angetan wurde. Ich habe wirklich viel Vertrauen zu Herrn Behmann. Die Gespräche mit ihm haben mir geholfen.

Wollen Sie mit dem Buch etwas bewirken?

Kader K.: Ich habe das auch für viele Frauen getan, die nicht mehr wissen, was sie gegen Gewalt tun sollen. Ich denke, man muss ein Zeichen setzen – für die Frauen, damit sie wissen, dass sie nicht alleine sind. Damit sie erfahren, wo man Hilfe bekommen kann, wie sie das alte Leben hinter sich lassen können. Damit sie keine Angst haben, zur Polizei oder zum Jugendamt zu gehen.

Und warum wolltest du dieses Buch schreiben, Ulrich?

Ulrich Behmann: Ich habe den Fall ja von Anfang bis zum Ende verfolgt. Ich war rasch am Tatort, und ich war vom Prozessbeginn bis zur Urteilsverkündung im Schwurgerichtssaal dabei. Während der Verhandlung Ende Mai habe ich in der Gerichtskantine gesessen und gerade einen Online-Bericht geschrieben. Da kam Kader mit ihren Anwälten zu mir. Sie hat mich gefragt, ob ich bereit wäre, über sie, über ihre Lebensgeschichte und speziell über das Verbrechen, gut recherchiert in einem Buch zu berichten. Auf der einen Seite war ich sehr überrascht, auf der anderen Seite fühlte ich mich auch geehrt, dass Kader zu mir so viel Vertrauen hatte. Das hat mich schon gerührt.

Wie entstand dann „Novemberwut“?

Ulrich Behmann: Ich habe darüber nachgedacht, wie man etwas schreiben kann, dass eines Kriminalreporters würdig ist. Also gut recherchiert, authentisch, sehr nah dran an der Wirklichkeit. Denn dieser Fall braucht keine Fiktion. Dieser Fall ist schon in der Realität so grausam, so furchtbar, dass er keine Zutaten der Spannungserhöhung braucht. Es ist ein Fall, der in dieser Art in Deutschland einmalig war und der weltweit für Abscheu und Entsetzen gesorgt hat. Sogar US-Fernsehsender haben berichtet, auch die London Times und der New Zealand Herald. Da braucht es nicht etwas, das wir noch dazu dichten, aber es brauchte ein Korsett, einen roten Faden. Ich habe diese Form der Krimidoku gewählt. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe nicht geahnt, wie viel Arbeit das machen würde. Nicht nur ein Buch zu schreiben, sondern auch die Vorrecherche dafür zu erledigen. Es waren Hunderte von Seiten von Polizei, Staatsanwaltschaft und Ärzten, die gewälzt, die aber auch erst mal verstanden werden mussten. Und es waren viele, viele Stunden an Gesprächen mit Kader – die anstrengend waren, die aber auch mir etwas gegeben haben. Ich habe großen Wert darauf gelegt, dass es authentisch bleibt.

Warum machte es für dich trotzdem Sinn, einen Krimi daraus zu machen, kein Sachbuch?

Ulrich Behmann: Sachbücher haben ja immer den Ruch, langweilig zu sein. Zudem ist diese Geschichte sehr facettenreich. Wir schildern die Gedanken des Täters, die Gedanken des Opfers. Wir schildern Dinge aus dem Leben der beiden. Wir zeigen, wie sich so eine Geschichte zuspitzt, wie sie auf der Straße, aber auch bei den Ermittlungsbehörden verstanden wird. Wir zeigen, wie die Polizei ermittelt. Und das alles bei einem Fall, bei dem der Leser glaubt, das Ende zu kennen. Ich wollte nicht eine Sammlung der Dewezet-Berichte zum Sachbuch machen, sondern es so verpacken, wie es aus meiner Sicht nötig war, diesen Fall – der ja aus sich heraus schon spannend ist – zu schildern und den Leser zu fesseln. Und ganz wichtig: Viele Dinge in diesem Buch sind der Öffentlichkeit noch nicht bekannt. Man erfährt eine ganze Menge aus dem Leben der Menschen und was dort schiefgelaufen sein mag.

In Prozenten: Wie viel ist Fiktion?

Ulrich Behmann: Ich kann das nicht in Prozenten sagen. Zum Beispiel, was die Ermittlungsarbeit der Polizei betrifft: Es dauert im wirklichen Leben nicht nur – wie im „Tatort“ – 90 Minuten, bis so ein Fall gelöst ist. Und es gibt auch nicht den einen Helden, der den Fall löst. Das ist immer ein Teamwork von vielen Menschen. Die heimische Polizei führt jedes Jahr 130 Todesermittlungen durch. Es gibt also viele Fälle, die gleichzeitig laufen müssen. Zudem müssen neben Mord und Totschlag auch noch zum Beispiel ein Scheunenbrand oder ein Fall von Kinderpornografie von diesem Kommissariat bearbeitet werden. Ich glaube schon, dass sich etwa der Leiter des Fachkommissariats, die Kriminaltechnikerin oder der Sprecher der Polizeiinspektion in diesem Buch wiedererkennen werden. Aber ich habe – und das ist Fiktion – eine andere Figur eingebaut: Die Hauptkommissarin Herma van Dyck, die aus Ostfriesland nach Hameln versetzt wird und eine andere ganz andere Sicht mitbringt, die noch Dinge entdecken will und muss, die alte, ähnlich gelagerte Fälle erst noch erkunden muss.

Kader, was hielten denn Ihre Familie, Ihre Freunde von der Idee, ein Buch schreiben zu lassen?

Kader K.: Sie finden das gut. Sie haben die Hoffnung, dass die Gesetze sich ändern für wehrlose Frauen und Kinder, die Unterstützung vom Staat bräuchten. Der Staat darf nicht sagen: Lassen Sie mal – wir warten, bis ein Messer in Ihrer Brust steckt. Wenn ich tot bin, ist es zu spät. Ich hoffe, dass sich durch das Buch hier in Deutschland etwas ändert. Viele Gesetze sind zu lasch. Mein Ex-Mann sitzt zwar im Gefängnis, aber er bereut das nicht. Das habe ich schon daran gesehen, wie er im Gerichtssaal gesessen hat. Sein Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung haben das verraten. Ich kenne ihn ja gut. Vielleicht sitzt er nun im Gefängnis und denkt: „Wann komme ich endlich raus? Dann hole ich nach, was ich nicht geschafft habe, dann töte ich sie.“ Aber egal, was passiert: Am Ende siegt immer das Gute. Das habe ich ihm immer wieder gesagt: „Ich werde gewinnen, weil ich recht habe.“ Meine Hoffnung waren die deutschen Gesetze.

Interview: Frank Henke

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