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Nachfrage nach „Pille danach“ steigt / Mädchen unzureichend aufgeklärt

„Ein Hormonhammer“

Hameln. Pro familia preist sie im Namen der Selbstbestimmung der Frauen, Gynäkologen warnen vor ihren gesundheitlichen Auswirkungen – die „Pille danach“ ist umstritten. Der Bundesrat will nun, dass man sie rezeptfrei bekommt – wie fast überall in Europa. Die Bundesregierung muss aber noch zustimmen.

veröffentlicht am 15.11.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 16:41 Uhr

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Autor:

VON ANDREA TIEDEMANN
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„Ein Hormonhammer“, sagt Dr. Thomas Noesselt, Chefarzt der Gynäkologie im Sana-Klinikum. Mit einer normalen Pille sei die „Pille danach“ nicht zu vergleichen – Blutungsstörungen und Übelkeit seien mögliche Nebenwirkungen. Die Pläne des Bundesrats sieht Noesselt skeptisch: „Ich befürchte, dass die Pille danach dann als übliche Empfängnisverhütung benutzt wird.“ Er beobachte, dass immer häufiger junge Frauen danach fragten, ins Klinikum kämen sie allerdings meist nur am Wochenende, wo sie dann als Notfall behandelt würden.

Als Gründe führten die Teenager häufig ein geplatztes Kondom an – eine Ausrede aus Scham, vermutet Noesselt. „Meist hat es eher mit Gedankenlosigkeit und Promiskuität zu tun.“ Mit 15 Jahren hätte rund die Hälfte seiner Patientinnen bereits wechselnde Geschlechtspartner. Die regelmäßige kontrollierte Pilleneinnahme sei besser, als hinterher die „Pille danach“ zu schlucken. Statt den Zugang zum Präparat zu vereinfachen, brauche man mehr Aufklärung, so Noesselt.

Deutschlandweit wurden im vergangenen Jahr 4126 Minderjährige Mutter, 563 von ihnen waren sogar jünger als 15. Die Zahl minderjähriger Mütter nimmt allerdings seit Jahren ab. Seit 2002 hat sie sich fast halbiert. Um zu verhindern, dass junge Frauen unfreiwillig schwanger werden, ist Christiane Emmel von der Caritas in Hamelner Schulen unterwegs. Bei den 15-Jährigen laufe man zum Teil schon offene Türen ein. Der Wissensstand sei aber sehr unterschiedlich. „Über den biologischen Bereich und den Ablauf des Zyklus wissen sie häufig schon aus dem Unterricht Bescheid“, sagt Emmel. Doch wenn es ums Zwischenmenschliche geht, hake es. Die Mädchen fragten sich meist, ob sie „alles mit dem Jungen“ machen müssten, damit er sie möge. Nein zu sagen und die Grenzen der eigenen Sexualität festzulegen – das sei im Prinzip der erste Teil der Verhütung. Ob ein Mädchen auf die Real- oder auf eine Förderschule geht, merke man auch an dem Bildungsstand im Sexualbereich. „Das liegt aber nicht an der Schulform, sondern am sozialen Umfeld“, sagt Emmel. Laut Noesselt spielt sowohl der Bildungsstand als auch das Vorbild eine Rolle, wenn es um Verhütung geht. Ist die eigene Mutter selber früh schwanger geworden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch das Kind wieder früh Mutter wird.

Caritas-Geschäftsführerin Dr. Anna Schmitz-Lück findet es zum Teil erschreckend, wie wenig aufgeklärt die Mädchen sind. „Die machen sich häufig keine Gedanken darüber, wie ihr Leben ablaufen soll.“ Ein Baby, das bedeute für manche schlicht die Möglichkeit, aus dem Elternhaus herauszukommen. „Eine eigene Wohnung und etwas zum Kuscheln haben“ – die Vorstellungen von Mutterschaft seien zum Teil sehr naiv. Zur Pille danach dürfe die Caritas selber nicht beraten – der Umgang damit ist in der katholischen Kirche noch immer umstritten. Soweit die Pille lediglich den Eisprung verhindert und nicht die Einnistung eines befruchteten Eis, soll die Pille danach erlaubt sein. Dies hatte die Bischofskonferenz im Frühjahr entschieden.

Laut Pro familia erübrige sich mit der geplanten Regelung ein „Spießrutenlaufen auf der Suche nach einem überflüssigen Rezept“. Noesselt hingegen sieht den Pillenkauf ohne Arztkontakt mit anderen Augen. „Nicht alles, was einfach ist, ist auch gut.“



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