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Die Historiker Bernhard Gelderblom und Mario Keller-Holt arbeiten an einem neuen großen Projekt

Ein Gedenkbuch für die Opfer

Hameln. An einem neuen großen Projekt arbeiten derzeit Bernhard Gelderblom und sein Historiker-Kollege Mario Keller-Holt vom „Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln“: Sie wollen ein digitales Gedenkbuch der Opfer des NS-Regimes erstellen, die in Hameln und seiner Umgebung ums Leben kamen. Erfasst werden sollen dabei drei Hauptgruppen: die Menschen jüdischen Glaubens, die ausländischen zivilen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen sowie die deutschen und ausländischen Gefangenen des Zuchthauses Hameln. Es sind nach Darstellung von Gelderblom die „zahlenmäßig mit weitem Abstand größten NS-Opfergruppen in Hameln-Pyrmont“.

veröffentlicht am 06.04.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 04.11.2016 um 07:41 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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Als wichtigste Zielgruppe des Gedenkbuches betrachtet der Hamelner Historiker die Angehörigen der Opfer. Dies zeigten die zahlreichen Kontakte mit ausländischen und deutschen Angehörigen von Opfern. Um den früheren Leidensort und die Gräber der Verstorbenen aufzusuchen, nähmen sie häufig eine weite Anreise in Kauf. Die Dewezet berichtete mehrfach über die Besuche derartiger Angehöriger in Hameln oder anderen Stationen des Leidens und Sterbens. Gelderblom: „Es ist für diese Menschen von enormer Bedeutung, Kenntnis von den Umständen und der Vorgeschichte des Todes, aber auch vom Todes- und Begräbnisort ihrer Angehörigen zu erlangen.“ Das Gedenkbuch werde sich aber auch an die Menschen im Raum Hameln-Pyrmont wenden, „um sie für das Thema zu sensibilisieren und ihr historisches Wissen sowie ihr Mitgefühl und Solidarität mit den Opfern zu stärken“. Insbesondere Schulen werde das Gedenkbuch eine wertvolle Quelle bieten. Adressaten seien aber auch die zahlreichen in- und ausländischen Institutionen und Einzelpersonen, die zur NS-Opfergeschichte forschen.

Die digitale Präsentation werde auf der Website des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln erfolgen. Diese Form der Verbreitung sei hinsichtlich der Erreichbarkeit und des Zuganges klar im Vorteil im Vergleich zu einer Buchpublikation. Vor allem ließen sich bei dieser Form der Veröffentlichung Korrekturen und Aktualisierungen wesentlich leichter verwirklichen. „Aber wir werden bei der ersten Präsentation des Gedenkbuches der Öffentlichkeit auch eine begrenzte Zahl von gedruckten Exemplaren übergeben“, betonte Gelderblom.

Menschen jüdischen Glaubens, die in dem Projekt erfasst werden sollen, seien in der Regel hier geboren, lebten in der Region oder nahmen als Zugezogene hier ihren Wohnsitz. Die meisten von ihnen starben nach der Deportation in Konzentrationslagern oder Gettos. Gelderblom und Keller-Holt beziffern die Größe dieser Gruppe auf etwa 230 Opfer.

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  • Der ukrainische Zwangsarbeiter Petro Lasartschuk †
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Die NS-Opfer, die zeitweise im Zuchthaus in Hameln inhaftiert waren, umfasst nach diesen Angaben rund 700 Tote. 430 von ihnen kamen in Hameln oder den Außenlagern der Haftanstalt, beispielsweise dem bei Escherhausen, ums Leben. 40 Menschen starben nachweisbar auf den Todesmärschen gegen Ende des Krieges, 200 überlebten die Verschleppung in eines der Konzentrationslager nicht, 24 wurden zur Hinrichtung in andere Haftanstalten verlegt.

Eine große Gruppe stellen auch die etwa 660 Opfer unter den zivilen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern dar. Mehr als ein Drittel waren dabei Kinder und Säuglinge, darunter allein 107 Kleinkinder, die im „Ausweichkrankenhaus“ der Kinderheilanstalt Hannover in Nienstedt am Deister zu Tode kamen. Der Friedhof, auf dem sie die letzte Ruhe fanden, wurde in den 1960er Jahren aufgelassen – heute finden sich kaum noch Spuren von ihm.

Innerhalb der einzelnen Opfergruppen sollen die Personenartikel alphabetisch zusammengefasst werden, um vor allem den Angehörigen das Auffinden ihrer Verstorbenen zu erleichtern. Doch ist auch geplant, alle in dem Gedenkbuch aufgeführten Personen alphabetisch aufzulisten. „Durch das Anklicken eines Namens wird sich dann der entsprechende Artikel über das Opfer öffnen“, erläutert Gelderblom die technische Herangehensweise. Die Artikel sollen nach Möglichkeit das familiäre Umfeld der Opfer darstellen, ihre Herkunft und den jeweiligen Beruf, die Verfolgungsmaßnahmen benennen, denen sie ausgesetzt waren und abschließend die Umstände ihres Todes schildern. Doch seien die für jede einzelne Person zur Verfügung stehenden Informationen vom Umfang her sehr unterschiedlich, betont Gelderblom. So wüssten er und sein Kollege Keller-Holt über ein früh verstorbenes Kind einer Zwangsarbeiterin natürlich wesentlich weniger als im Vergleich mit einem Zuchthausgefangenen, der ein langes Verfolgungsschicksal erlitten habe.

Als Beispiele nennt Gelderblom die folgenden Opfer:

Gustav Behrendt, am 25. Juli 1880 in Hameln geboren, am 31. März 1942 über Hannover-Ahlem ins Getto Warschau deportiert; er gilt als verschollen.

Martin Achenbach, am 9. Juni 1899 im Kreis Fritzlar geboren, nach „Kriegssonderstrafrecht“ zu einer Zuchthausstrafe verurteilt, am 20. Dezember 1944 im Zuchthaus in Hameln gestorben und auf dem Friedhof Wehl bestattet.

Daniel Jacquart französischer ziviler Zwangsarbeiter, geboren am 17. März 1906 in Roubaix, in Hameln als Lokomotiv-Heizer zwangsverpflichtet und am 29. März 1945 im Krankenhaus Hameln an den Folgen eines Luftangriffs auf das Bahnhofsviertel gestorben; er wurde auf dem Friedhof Wehl bestattet.

Marian Bolko, Kind einer ledigen russischen Zwangsarbeiterin, am 1. März 1945 in Nienstedt geboren, wo die Mutter auf einem Bauernhof im Arbeitseinsatz war. Der kleine Junge starb im Alter von Wochen im „Ausweichkrankenhaus“ an „Lebensschwäche“ und wurde auf dem Waldfriedhof von Nienstedt beerdigt. Die ältere Schwester des Jungen, Christina, war bereits ein Jahr zuvor, am 8. Januar 1944, in Nienstedt gestorben.

Gelderblom und Keller-Holt gehen davon aus, dass insbesondere die Versorgung der Kinder von Zwangsarbeiterinnen äußerst mangelhaft war und viele dieser Opfer bei richtiger medizinischer Behandlung hätten überleben können. Auch deshalb zählten sie zu den Opfern des NS-Regimes.

Ein Bild gibt es beispielsweise von dem aus der Nähe von Brügge stammenden Belgier Ortarius De Pauw, der wegen Herstellung und Verbreitung deutschfeindlichen Propagandamaterials verurteilt worden war und über die Strafanstalten Brüssel, Aachen, Rheinbach am 17. September 1944 nach Hameln gelangt, er starb am 14. oder 15. April 1945 auf dem Todesmarsch nach Liebenwerda. Auch von dem ukrainischen Zwangsarbeiter Petro Lasartschuk liegt Gelderblom eine Aufnahme vor. Lasartschuk wurde am 15. Februar 1912 im galizischen Kreis Czortko geboren und musste ab Juli 1944 auf einem Bauernhof in Klein Berkel arbeiten und starb am 8. März 1945 im Krankenhaus in Hameln an Tuberkulose und Durchfall. Sein Grab findet sich auf dem Friedhof Wehl, sein Name und die Lebensdaten sind auf einer der vom Kriegsgräbervolksbund in den 1950er Jahren geschaffenen Grabstelen dokumentiert.

Finanziert wird das auf 15 000 Euro veranschlagte Projekt des Gedenkbuches zur Hälfte von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, den Rest teilen sich in unterschiedlicher Höhe der Landkreis Hameln-Pyrmont, die Stadt Hameln, die Stadtwerke Hameln und letztlich der Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln e.V..

Kinder pflegen den Kinderfriedhof von Nienstedt am Deister, auf dem 107 Nachkommen von Zwangsarbeitern beerdigt wurden. Der Friedhof wurde in den 1960er Jahren aufgelassen. Heute findet sich kaum noch eine Spur von ihm.Archiv Gelderblom



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