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Alte Fotos zeigen ländliches Leben um Pyrmonter Kurzentrum: Dorfschmiede Meinberg in Holzhausen

Ein einzigartiges Dokument

Pyrmont hat als hochbedeutender Kurort, als „medical valley“, ein internationales Ansehen von europäischem Rang. Gerade im 18. und 19. Jahrhundert trifft sich hier in der Sommersaison ein Kurgastpublikum aus allen Teilen Europas. Das Fürstentum Waldeck-Pyrmont mit dem Regierungszentrum im heute hessischen Arolsen tut alles, um es den anspruchsvollen Kurgästen in jeder Hinsicht recht zu machen. Das gilt für die Pflege und den Ausbau der Heilquellen ebenso wie für die Anlage des Naturraums „Alleensystem“ wie für die Förderung von Hotel-, Pensionsgebäuden oder der Einrichtungen, die zum vielseitigen Freizeitangebot dienten. Der Kurort erfüllt auf diese Weise in jeder Hinsicht die Ansprüche eines überwiegend großstädtischen Publikums, das sich in der barocken Struktur eines urbanen Ortes heimisch fühlt. Dieses künstliche Gebilde von Hauptallee, Brunnenstraße und Schlossgelände ist allerdings umgeben von zwei historisch entwickelten Dörfern, die ganz in der Struktur von Dorfanlagen im Weserbergland das dörfliche Leben in der Herrschaft Pyrmont widerspiegeln. Die Dörfer Holzhausen und Oesdorf rahmen das Kurzentrum mit den Heilquellen in westlicher und östlicher Richtung. In diesen Dörfern wohnen die Menschen, die als Landwirte, Handwerker oder Personal in den Logierhäusern den Kurort „versorgen“.

veröffentlicht am 21.12.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 00:41 Uhr

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Autor:

von Dr. Dieter Alfter
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Natürlich spielt dieses Thema der Arbeitswelt in der Historie von Bad Pyrmont keine herausragende Rolle, aber wie in einem Mosaik können doch aus dörflicher Sicht einige Themen zusammengeführt werden. Ein Thema sind die dörflichen Handwerksbetriebe, hier zuerst einmal die Holzhäuser Schmiedewerkstätten. Schmiede, Stellmacher und Sattler lebten in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander. Es gab in Holzhausen im 19. Jahrhundert noch drei Schmiedemeister in der Hauptstraße und an zwei Plätzen in der Straße „Am Bruche“. Die Schmiedemeister Henze, Klug und Meinberg kooperierten eng mit den Stellmachern und Sattlermeistern. Die Schmiedemeister sorgten für den Hufbeschlag der Pferde, sie waren zuständig für die Endfertigung der landwirtschaftlichen Fuhrwerke, aber auch für die Reparatur von Reisekutschen, von Achsen und Rädern. Dies alles spielt im Jahre 1911 keine herausragende Bedeutung mehr – Eisenbahn und Automobil sind längst auf dem Vormarsch – aber der junge Fotograf Ernst Hermann (1875-1956) ist als Berufsfotograf in Bad Pyrmont auch auf der Suche nach Heimatbildern seiner neuen Lebenswelt.

Wer ist Ernst Hermann? Der Fotograf lebte ab 1909 während der Kursaison, ab 1914 ständig in Bad Pyrmont. In Selters geboren, machte er eine kaufmännische Lehre in Herborn, wanderte in die USA nach Pennsylvania aus und kehrte im Jahr 1900 nach Deutschland zurück, um in Frankfurt ein Tabakwarengeschäft „Auf der Zeil“ zu betreiben. Hier, in der hessischen Großstadt, entdeckte Hermann seine Leidenschaft für die zeitgenössische Kunst, auch für die Fotografie, und gründete 1909 im vornehmen, gerade erst gegründeten Kurhotel ein Ladengeschäft für Fotografie und Souvenirartikel. Im Winter übrigens betrieb er ein Geschäft in Davos, im Frühjahr in Rimini. Das gesamte Leben dieses Kunstfotografen wurde 1987 in einer Ausstellung im Schloss und in einer Publikation aufgearbeitet, weil damals der gesamte Nachlass mit den Fotoapparaten, den Objektiven, den Fotoalben, den Autochromeplatten und vieles andere mehr dem Pyrmonter Museum gestiftet wurde. Bemerkenswert sind 130 Autochromeplatten, mit denen Ernst Hermann Farbfotografien anfertigen konnte. In dieser Anfangsphase von Farbfotos entstand im Jahre 1911 auch eine Serie von Bildern, die das ländliche Leben um das Kurzen-trum herum vorstellte. Die Schmiede Meinberg gehört zu diesen einzigartigen Dokumenten. Das Licht liegt wundervoll auf den Ziegeldächern von Schmiede und Wohnhaus, der Obstbaum vor der Schmiede beginnt zu blühen. Der Schmiedemeister Meinberg und sein Geselle agieren vor dem Vorbau der Schmiede und sind ganz offensichtlich beschäftigt mit der Produktion von Holzrädern für landwirtschaftliche Fahrzeuge. Und das zu einer Zeit, wo diese Art von Fahrzeugen mehr und mehr verdrängt wurde. Wer heute eine Schmiede dieser Art entdecken will, kann dies hier im Landkreis Hameln-Pyrmont im Museum für Landtechnik und Landarbeit Börry oder im Handwerkermuseum Bakede erleben. Der Schmied Meinberg hatte sich zu dieser Zeit auf die Stellmacherei, wohl auch auf die Hufschmiede konzentriert.

So ist es nur logisch, dass nach dem Abriss der Schmiedegebäude ein Gebäudekomplex an der Straße „Am Bruche 44“, Ecke Hohenbornerstraße, entstand, das dem Auto gewidmet ist. Zunächst ist es der Sohn von Schmiedemeister Meinberg, der hier eine Kfz-Werkstatt gründet, die Günther Hohmann übernimmt. Und was die Holzhäuser Familie Meinberg betrifft, so ist deren weitere Familiengeschichte zumindest in Bad Pyrmont jedem bekannt. Die Firma „Meinberg Funkuhren“ zählt zu den innovativsten und erfolgreichsten Pyrmonter Unternehmen, ist einer der wichtigsten Arbeitgeber der Stadt. War der Großvater noch „Dorfschmied“, gründeten Werner und Günter Meinberg im Jahr 1979 ein modernes Industrieunternehmen: vom Handwerk zum Hightech-Betrieb.

Historische Fotos: zeitreise.dewezet.de

Das historische Foto von Ernst Hermann stammt aus dem Jahr 1911. Die Schmiede stand am Bruche 44, Ecke Hohenborner Straße – heute befindet sich dort eine Kfz-Werkstatt.

Archiv/kf



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