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Was ist den Menschen die Betreuung ihrer Senioren wert? / Podiumsdiskussion beim Paritätischen

Ein düsteres Bild der stationären Altenpflege

Hameln (roh). Nein, in einem Pflegeheim leben, das wollen sie unter den aktuellen Umständen nicht: Die Teilnehmer einer vom „Paritätischen“ in Hameln organisierten Podiumsdiskussion zum Thema „Wie können wir den Beruf der Altenpflege aufwerten?“ bevorzugen für die letzte Lebensphase das familiäre Umfeld. Frank Zander, Leiter der Altenpflegeschule der Tönebön-Stiftung, gab unumwunden zu: „Wenn ich mir die Zustände in der Altenpflege im Moment anschaue, dann möchte ich am liebsten gar nicht alt werden.“

veröffentlicht am 26.05.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 20:21 Uhr

Die Betreuung alter pflegebedürftiger Menschen kann nicht mit de
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Mangel bei den Führungskräften

Einig waren sich die Gäste aus Politik, Bildung, Arbeitsverwaltung und der Altenpflegebranche in der Analyse des Ist-Zustandes. Die von Radio-Aktiv-Chef Karsten Holexa moderierte Diskussion zeichnete ein düsteres Bild der Altenpflege: überlastetes, am Rande der psychischen und physischen Leistungsfähigkeit agierendes Pflegepersonal, gedeckelte und geknebelte Personalbudgets, ein drohender Mangel an Führungskräften. Die Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller (SPD) sagte: „In Niedersachsen gibt es die preiswerteste Pflege“ – und die Politikerin stellte damit klar: „In keinem anderen Bundesland wird so wenig Geld für die Pflege alter Menschen ausgegeben wie hier.“ Die Altenpflege müsse dringend aufpoliert werden.

Heimleiter Ingo Peters fragte provokant: „Was ist Deutschland der alte Mensch wert?“ In einer „egoistischen Spaßgesellschaft“, in der Helfen als Schwäche ausgelegt werde, Jugendliche die Schule schwänzten und karitativ eingestellte Menschen ausgebeutet würden, sei es Zeit für ein Umdenken, forderten die Teilnehmer. Notfalls müsse man sich durch Demonstrationen Gehör verschaffen, etwa so, wie es die Erzieher gerade vormachten. Referent Georg Nicolay aus Hannover, Leiter der Gemeinschaft Deutsche Altenhilfe GmbH, legte Zahlen vor, die den Mangel an Führungskräften in der Altenhilfe untermauern: „In den nächsten Jahren geht rund ein Viertel der Führungskräfte in den Ruhestand“, berichtete er. Nicolay führte aus, dass lediglich 40 Prozent der derzeit beschäftigten Führungskräfte über eine „gesetzeskonforme Ausbildung“ verfügten. „Sowohl quantitativ als auch qualitativ müssen wir dringend handeln“, meint der Fachmann. In Wiesbaden und Frankfurt beispielsweise seien keine deutschsprachigen Pflegekräfte mehr zu bekommen. „Dort werden Dolmetscher eingesetzt, um die Kommunikation zwischen Bewohnern und dem internationalen Pflegepersonal zu gewährleisten“, schilderte Nicolay.

Matthias Witte von der Arbeitsagentur Hameln erklärte, dass in der Alten- und Gesundheitspflege im nördlichen Weserbergland derzeit 162 Arbeitsplätze zu besetzen seien – im Jahre 2005 seien es nur 36 offene Stellen gewesen. „Der Bedarf ist kontinuierlich gestiegen, wobei die Zahl der arbeitslos gemeldeten Altenpfleger stetig sinkt.“ Mittlerweile seien die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen worden, eine Umschulung zur Altenpflegerin oder zum Altenpfleger über die Agentur für Arbeit zu finanzieren. Jedoch: „Dieses Angebot gilt nur bis zum Jahr 2010. Was 2011 und danach folgt, das weiß noch keiner“, gab Lösekrug-Möller zu bedenken.

Georg Nicolay
  • Georg Nicolay
Lösekrug-M.
  • Lösekrug-M.

Aufmerksam hörten die Teilnehmer von Jan-Philipp Burska, der eine Ausbildung zur Altenpflegefachkraft absolviert, wie sich die Einstellung zum Beruf schon während der Ausbildung verändert: „Meine Motivation, diesen Beruf zu ergreifen, war vor allem, dass es so wenig Männer in der Altenpflege gibt. Zudem möchte ich Menschen, die Hilfe benötigen, zur Seite stehen. Aber in meiner praktischen Ausbildung erlebe ich jetzt schon, dass ein würdevolles Betreuen alter Menschen kaum möglich ist.“

Aufmerksamkeit und Gespräche

Nicolay betonte: „Ich habe keine Angst davor, später in einer Altenpflegeeinrichtung zu leben. Ich brauche aber keine 24-Stunden Pflege, sondern Zuwendung, Aufmerksamkeit, Gespräche mit den Haustechnikern, von mir aus auch einen Animateur.“ Ulrike Bäßler, Leiterin der Altenpflegeschule Emmerthal, ist überzeugt: „Mittel- bis langfristig muss sich der Stellenwert der Altenpflege in der Gesellschaft ändern, wir müssen die Qualität hochhalten, und nicht durch eine Aufweichung der Zugangsvoraussetzungen für diesen Berufszweig die falschen Signale setzen.“

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