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Dirk Piper stellt Leichenteile und grauenhafte Tatort-Fotos zur Schau / Bizarrer Streit hinter den Kulissen

„Ein bisschen schocken muss ich ja schon“

Hameln. Als Ernst W. (51) den Handzettel mit anatomischen Zeichnungen von Leonardo da Vinci auf der Ladentheke beim Bäcker entdeckte, war er interessiert und fing an zu lesen. „Da stand etwas von Tatort, Rechtsmedizin, Forensik und von TV-Serien wie ,Bones‘ oder ,CSI‘ “, sagt der Hamelner. „Ich habe den Zettel dann umgedreht und war zutiefst erschrocken und schockiert.“ Mit dem Foto eines Plastinats von einem halben menschlichen Kopf und einer aufgeschnittenen Katze macht Dirk Piper für seine Ausstellung „Art of Bodies – Die Welt der Körper“, die heute um 14 Uhr in Klein Berkel eröffnet werden soll, Werbung. Für Ernst W. verstößt das Zurschaustellen von Toten gegen ethische Werte. Er meint: „So etwas gehört verboten.“

veröffentlicht am 19.05.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 21:21 Uhr

Dirk Piper zeigt nach eigenen Angaben 400 Exponate, darunter die

Autor:

Ulrich Behmann
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Caroline B. (44) sieht das anders. Sie wird wohl hingehen, um sich zu gruseln. Die Hamelnerin, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, „weil dann alle wissen, wie ich ticke“, ist vom Tod fasziniert. „Man bekommt etwas zu sehen, was sonst tabu ist“, meint die Mutter eines Kindes, die gern Kriminalromane liest.

Dirk Piper ist nach Hameln gekommen, um in einer Ausstellungshalle an der Werkstraße 3 b zum allerersten Mal zirka 400 Exponate zu zeigen. Scheibenplastinate von Tieren, aber auch Plastinate von menschlichen Organen will der gelernte Betriebsschlosser, Hypnosetherapeut und Vorsitzende des Deutschen Instituts für alternative Therapie in Hamm bis zum 15. Juni zur Schau stellen. Der 45-Jährige hofft auf viele zahlende Kunden und ist bereits dabei, die nächste Ausstellung für St. Peter-Ording („die haben da im Sommer 50 000 Tagesgäste“) vorzubereiten. Offenbar winkt ein lukratives Geschäft. Deshalb will der Plastinator Hameln fünf Tage früher verlassen als geplant.

Dirk Piper hat nach eigenen Angaben bereits 36 Menschen, „meist Deutsche, aber auch Russen und Chinesen“, plastiniert. Noch steht keines dieser „Ausstellungsstücke“ in Hameln. Die seien alle ausgeliehen, sagt Piper und beteuert: „Ich bin dabei, ein Humanplastinat zu besorgen. Es wird entweder aus Johannesburg oder aus Las Vegas eingeflogen.“ Auch das präparierte Pferd ist noch nicht an seinem Platz. „Auf der Fahrt von München nach Hameln ist ein Wirbel abgebrochen. Das muss erst repariert werden.“

Ein plastiniertes Herz. Es soll von einem Menschen stammen, der
  • Ein plastiniertes Herz. Es soll von einem Menschen stammen, der seinen Körper der Wissenschaft gespendet hat. Aber wusste er auch, dass seine Organe zur Schau gestellt werden?

Von Hagens nennt Piper einen „Trittbrettfahrer“

Auf den Gründer der „Körperwelten“ und „Erfinder der Plastinationstechnik“ (Landgericht Berlin) Gunther von Hagens ist Dirk Piper nicht gut zu sprechen. „Der verklagt mich immer. Wenn ich Herrn von Hagens sehe, dann nur vor Gericht.“ Der wohl bekannteste Plastinator aus Guben sei neidisch und „fürchterlich sauer“ auf ihn, denn: „Ich spiele in einer ganz anderen Liga. Die Scheibenplastinate, die ich hier zeige, die kann der nicht. Darauf habe ich ein Patent.“

Gunter von Hagens bezeichnet Dirk Piper „als einen billigen Trittbrettfahrer“, der anatomische Dauerpräparate „von sehr schlechter Qualität“ zeigt. Auch, so von Hagens, plastiniere Dirk Piper nicht selbst. „Er hat die Sachen überall zusammengekauft.“

Menschliche Organe und Körper, behauptet von Hagens, „hat Herr Piper von meinem ehemaligen Schüler Sui Hongjin aus China bekommen“. Seit 2006 habe die chinesische Regierung aber den Handel mit menschlichen Körpern verboten. Freiwillig stellten Chinesen ihre Körper nicht zur Verfügung. „Das ist nicht mit deren Todeskultur in Einklang zu bringen“, sagt von Hagens. Ein bizarrer Streit tobt da offenbar hinter den Kulissen.

Dirk Piper erzählt, er sei weltweit unterwegs, plastiniere Körperspender an Universitäten in Dalian (China), St. Petersburg (Russland) und New York (USA). Und er legt Wert auf die Feststellung: „Wir haben nichts mit von Hagens und den Körperwelten zu tun. Ich will ihn nicht kopieren, sondern etwas völlig anderes zeigen.“

Frische Organe lagern im Gefrierschrank

Dirk Piper, der die Ausstellung als Event versteht, will aber auch noch etwas anderes: Er möchte Aufsehen erregen und sagt selbst: „Ein bisschen schocken muss ich ja schon.“ Deshalb hat er einen Mordtatort nachgestellt und eine Puppe in Latex-Wäsche an einem Strick aufgehängt. Deshalb stehen bei ihm Embryos in Acryl in der Vitrine, und deshalb zeigt er in einem abgetrennten Bereich Besuchern ab 16 furchtbare und grausame Tatortfotos von schwer entstellten Leichen. Die Bilder, sagt er, stammten von der Polizei und der Rechtsmedizin. Alles habe seine Ordnung.

Woher er die angeblich echten Tatwerkzeuge (blutverschmierte Messer, Scheren, Hämmer und eine Spitzhacke) hat, möchte er nicht verraten. Alles sei aber legal, betont er. Piper will in Klein Berkel vorführen, wie eine Organentnahme vonstatten geht. Dafür hat er auf einem Tisch unter grünen OP-Tüchern etwas abgedeckt, was aussieht wie ein Mensch. In einem Gefrierschrank lagert er Organe von Verstorbenen. „Die sind jetzt tiefgefroren und fixiert. Ich taue sie bei Bedarf auf und benutze sie dann für meine Vorführungen. Besucher können sie auch gern in die Hand nehmen“, sagt der Mann, deren Eltern eigenen Angaben zufolge ein Bestattungsunternehmen besaßen.

Ist das Kunst oder Kommerz? Geht es um die Befriedigung der Sensationslust? Ist das makaber und geschmacklos? Oder handelt es sich – wie Initiator Piper sagt – um eine Aufklärungskampagne? Daran werden sich wohl die Geister scheiden. Piper behauptet, er wolle auf diese Art für die Organspende werben. Einen passenden Spenderausweis mit dem Logo „Art of Bodies“ hält er für interessierte Ausstellungsbesucher bereit.



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