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Sigrun Hegenbarth-Eimer aus Hameln erinnert sich an den Tag des Mauerfalls

Ein Anflug von Anarchie

veröffentlicht am 29.10.2014 um 09:52 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:30 Uhr

"Über den Checkpoint Charlie gingen wir Tage später zum ersten Mal in den Westen": der berühmte Kontrollpunkt im November 1989.

Ich wuchs in Ostberlin auf und war zum Zeitpunkt des Mauerfalls gerade 13 Jahre alt geworden. Vom Fenster meines Kinderzimmers in der 13. Etage aus blickte ich direkt auf den Mauerstreifen, der hundert Meter vom Haus entfernt war.
Vom Fall der Berliner Mauer erfuhr ich morgens durch meine Eltern, die es im Radio gehört hatten. In der Schule fehlten einige Kinder, die morgens oder noch nachts mit ihren Eltern zu einem Ausflug in den Westteil der Stadt aufgebrochen waren. Ich erinnere mich an hitzige Diskussionen unter den Erwachsenen darüber, wie lange die Mauer wohl offen bleiben würde, ob man die Angebote der spontan für die DDR-Bürger eingerichteten Suppenküchen und von Supermärkten verteilten Lebensmittel tatsächlich annehmen sollte oder ob das nicht peinlich wäre oder zumindest bedürftiger wirkte, als wir tatsächlich waren.
In den folgenden Tagen kam der Informationsaustausch darüber hinzu, an welchem Grenzübergang das Warten wie lange gedauert und wo man wie lange auf die Auszahlung des „Begrüßungsgeldes“ gewartet habe. Namen von Supermarktketten fielen – bei Aldi beispielsweise könne man sich aus den Kartons bedienen, dafür sei es billiger als anderswo. Klassenkameraden präsentierten ihre neuen Schätze: Skateboards, Walkmen, Turnschuhe, Stonewashed-Jeans.
Bis hierher unterscheidet sich meine Erfahrung nicht von den bekannten und vielfach nachzulesenden Zeitzeugenberichten. Allerdings finde ich im Nachhinein zwei Dinge bemerkenswert: Zum einen war ich selbst erst fünf oder sechs Tage nach dem Mauerfall im Westteil Berlins. Meine Eltern hatten sich, statt wie die meisten anderen einfach mit ihrem Personalausweis zum nächsten Grenzübergang zu gehen, nämlich zunächst die Genehmigung bei den zuständigen Behörden geholt, so, wie Schabowski es erklärt hatte, beziehungsweise so, wie sie ihn verstanden hatten. Dafür musste man Zeit einplanen, und die hatten sie nicht. Damit sind wir beim zweiten bemerkenswerten Umstand, der mir erst Jahre später bewusst geworden ist: Am Morgen nach der Maueröffnung waren nicht nur einige Schüler nicht in der Schule, sondern viele Menschen nicht zur Arbeit erschienen. Die Staatsmacht sah sich mit dem Problem konfrontiert, das öffentliche Leben an neuralgischen Punkten aufrechtzuerhalten. So wurden meine Eltern als staatsnah beschäftigte und vom Sozialismus überzeugte Menschen am Wochenende nach dem Mauerfall in die Charité, das große Krankenhaus in Berlin-Mitte, bestellt, um dort in der Küche Geschirr zu spülen. Dort waren übrigens nicht alle Rettungswagen verfügbar, weil einige Mitarbeiter sie für ihren Ausflug über die Grenze brauchten. Eine ganz kurze Zeit lang herrschte ein Anflug von Anarchie.
Über den Checkpoint Charlie, der unweit unseres Hauses lag, gingen wir also einige Tage später zum ersten Mal in den Westen – ein Stück nach Kreuzberg hinein und dann den gleichen Weg zurück. Ich war verunsichert: Diese graue, verdreckte, graffitiverschmierte Gegend im Schatten der Mauer entsprach nicht gerade meinen Erwartungen.



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