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325 Jahre alter Kiepehof musste einer Fahrzeughalle weichen – die selbst nur 40 Jahre dort stand

Ein Abriss, den viele bedauern

Hameln. Eins der vornehmsten Häuser der Stadt wird abgerissen: Es war eine Schreckensmeldung, die die Dewezet im März vor genau 50 Jahren verbreitete, aber sie entsprach der Wahrheit – „Der Kiepehof soll nach einem Beschluß des Hamelner Rates abgerissen werden, damit die Feuerwache am Ostertorwall erweitert werden kann“, lautete die Bildunterschrift unter einem Foto des Gebäudes. Die Feuerwache benötigte eine Fahrzeughalle. Mehrere Ratsherren hatten damals große Bedenken geäußert, dass das Bild der Stadt weiter angenagt werde. Die Feuerwehr konnte den Kiepehof, der damals baulich stark vernachlässigt gewesen sei, nicht gebrauchen – eine Erhaltung hätte zu viel Geld gekostet. Also blieb nur der Abriss eines kulturell und baugeschichtlich bedeutsamen Hauses. Denn wie der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom schon einmal berichtet hat, hatte der aus Hameln stammende Kanzler des Fürstentums Calenberg, Justus von Kiepe, 1646 in seiner Geburtsstadt ein großes, unmittelbar an die Stadtmauer grenzendes Grundstück gekauft. Dort baute er ein Haus, das seinem hohen Rang am Hannoverschen Hofe entsprach: den nach ihm benannten Kiepehof. „Am Vorbild ländlicher Adelsbauten orientiert, wies der repräsentative Bau einen großen Garten auf. Die Fassade beeindruckte durch zahlreiche große Fenster. Die beiden Wohngeschosse hatten Deckenhöhen bis 4,50 Meter und einen großzügigen Festsaal“, fasst Gelderblom zusammen.

veröffentlicht am 26.03.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 17:41 Uhr

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Auch nach dem Tod seines Erbauers blieb der Kiepehof für lange Zeit das vornehmste Wohnhaus der Stadt; hochrangige Persönlichkeiten residierten dort als Gäste. Im Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 logierten hier zum Beispiel der französische Gouverneur Duc de Souvré sowie der Herzog Ferdinand von Braunschweig. Nach über 150 Jahren, so hatte Gelderblom rausgefunden, wechselte der Kiepehof seinen Besitzer, der das Gebäude 1850 „tiefgreifend veränderte“. Denn mittlerweile war der Kiepehof zu einem königlichen Kornmagazin geworden. „Um die Kapazität als Speicher zu erhöhen, wurden die beiden hohen Wohnetagen zu drei niedrigeren Geschossen umgebaut. Die großflächigen Fenster mauerte man zu und brach stattdessen Lüftungsöffnungen in die Fassade. Den hohen Speicherboden des Dachraums durchlüfteten zusätzlich durchgehende Schleppluken“, schreibt Gelderblom. Irgendwann wurde der Kiepehof dann nicht mehr als Getreidespeicher genutzt und ging in den Besitz der Stadt über – und die wollte das Gebäude als Wagenschuppen für die angrenzende Feuerwache benutzen. Doch Hamelns Stadtbaurat Schäfer und die Denkmalschutzbehörde wiesen auf „den außerordentlich hohen architektonischen Wert“ des Gebäudes hin. Nach dem Krieg wollte der Baurat die ursprüngliche Geschossteilung im Gebäude dann wiederherstellen lassen, ebenso sollte ein Saal für Ratssitzungen und kulturelle Zwecke eingerichtet werden. „Tatsächlich aber zog ins erste Obergeschoss eine Elektro-Großhandlung ein, während die Feuerwehr das Erdgeschoss nutzte“, wie Gelderblom beschreibt. Und dann kam das Jahr 1960, in dem der Rat der Stadt erstmals diskutierte, den Kiepehof abzureißen und an seine Stelle einen Neubau für die Feuerwehr zu setzen. Schon damals habe das Gebäude äußerlich baufällig gewirkt, obwohl die Tragfähigkeit gesichert war. Nachdem der Abriss am 16. März 1964 endgültig beschlossen wurde, dauerte es noch sechs Jahre bis zum Abriss: Und dann kamen die Proteste aus Reihen der Bürger. „Wie ideal könnte man den Kiepehof in Verbindung mit dem ‚Alten Markt‘ zu einem städtischen Zentrum machen! … . Für die Feuerwehr müsse auf Dauer ohnehin ein neuer Standort gefunden werden. Jetzt solle man nicht weiter in ein Provisorium investieren und dafür den Kiepehof opfern“, heißt es in einem offenen Brief, der am 24. Dezember 1970 in der Dewezet veröffentlicht wurde. Doch aller Protest half nichts. Die Redaktion selbst blickte während des Abrisses im Mai 1971 dann in einem sogenannten Nachruf auf den Kiepehof zurück: „Wir sind im Kampf um Deine Existenz unterlegen. … Wieviel Geld werden unsere Kinder für die Sanierung Deines Stadtviertels ausgeben müssen? Wieviel müssen sie dafür zahlen, daß Du heute durch einen bedauernswerten Ideenmangel abgerissen wirst. … Für die Feuerwehr warst Du untauglich, deshalb mußtest Du sterben. Dein Nachfolger wird eine Baracke sein. Ist das das Vorbild kommender Altstadtsanierung? … Heute trauern einige um Dich – morgen werden viele Deinen Abriß bedauern.“

Der Kiepehof wich somit, wie Gelderblom meint, einer „architektonisch dürftigen Fahrzeughalle“. Die nun auch nicht mehr dort steht, da die Feuerwache mittlerweile an die Ruthenstraße umgezogen ist und die HWG auf dem leer stehenden Gelände im vergangenen Jahr das Quartier „Alte Feuerwache“ eröffnete, in dem neben 30 Wohnungen auch Geschäftsräume untergebracht sind – aber eben keine Fahrzeughallen. „Vierzig Jahre (1971-2011), die seit dem Abriss vergangen sind, haben genügt, den Kiepehof vergessen zu machen. Während der Kiepehof 325 Jahre an seinem Platze stand, erreichte der Fahrzeugschuppen der Feuerwehr, dem er weichen musste, ein Alter von 40 Jahren“, fasst Gelderblom zusammen.kk

Am Freitag, 20. März 1964, berichtete die Dewezet, dass der Kiepehof abgerissen werden soll. Das sorgte für Unmut bei einigen Ratsherren und später auch in Reihen der Bevölkerung.

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  • Die anstelle des Kiepehofes 1971 errichtete Fahrzeughalle der Feuerwehr kurz vor dem Abriss im Jahr 2011. bg
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