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Wasserstand am Werder steigt und sinkt mitunter um 30 Zentimeter – wie kommen diese „Gezeiten“ zustande?

Ebbe und Flut an der Weser?

HAMELN. Manchmal ist es an der Weser ein bisschen wie an der See. Wenn die Möwen über dem Fluss kreisen und kreischen, ein etwas fischiger Geruch in der Luft liegt und wenn dann noch die Gezeiten einsetzen … Moment mal! Ebbe und Flut an der Weser? Ja, so ist es erst am Montag von der Redaktion beobachtet worden.

veröffentlicht am 16.05.2018 um 17:17 Uhr
aktualisiert am 17.05.2018 um 11:00 Uhr

Die Weser steigt und fällt – mit der Gravitation von Mond und Sonne hat das allerdings nichts zu tun. Foto: Wal
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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In den frühen Abendstunden, die Sonne stand noch recht hoch am Himmel, geriet plötzlich das Wasser an der westlichen, jenseits der Inselstraße gelegenen Ufermauer des Werders, in Bewegung. Von einem Boot als möglichem Verursacher war weit und breit nichts zu sehen. Der Wesergrund wurde aufgewühlt, sodass Schlammwolken durch das eben noch klare Gewässer quollen, und das Wasser zog sich vom Ufer zurück. Nicht meterweit, aber deutlich genug erkennbar. Ein großer Stein mit einer markanten Kerbe, der eben noch vollständig unter Wasser lag, lag nun weitestgehend frei. Der Fluss beruhigte sich wieder. Bis etwa eine halbe Stunde später das Wasser im Uferbereich erneut aufwallte, den Grund aufwirbelte und der Wasserstand wieder anstieg, sodass schließlich der Stein mit der markanten Kerbe nun wieder voll von Wasser umschlossen war.

Aber zugegeben: Wie nicht anders erwartet, werden diese „Gezeiten“ nicht von Mond und Sonne bewirkt. Die Ursache für das beobachtete Phänomen an der Weser ist künstlicher Natur. Und die befand sich in diesem Fall gleich im Rücken des Beobachters. Dort befindet sich die Alte Schleuse, in der die Stadtwerke schon vor vielen Jahren eine Wasserkraftanlage eingerichtet haben. Von eben da drangen an diesem Abend auch Betriebsgeräusche, während der Wasserspiegel erst sank und dann wieder anstieg. Tatsächlich ist das Eine untrennbar mit dem Anderen verbunden, wie Ralph Schwekendiek, Wasserbaumeister der Hamelner Außenstelle des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes, weiß.

Wenn kurzzeitig 8100 Kubikmeter fehlen, dann macht sich das am Werder bemerkbar

Ralph Schwekendiek, Wasserbaumeister beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt, hat die Erklärung für das „Ebbe und Flut“-Phänomen am Werder. Die Schleuse ist ein Teil dieser Erklärung. Foto: pk
  • Ralph Schwekendiek, Wasserbaumeister beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt, hat die Erklärung für das „Ebbe und Flut“-Phänomen am Werder. Die Schleuse ist ein Teil dieser Erklärung. Foto: pk

Demnach werden die Turbinen während der turnusmäßigen Reinigungsarbeiten in der Wasserkraftanlage abgeschaltet. Das heißt, in dieser Zeit fließt weniger bis gar kein Wasser mehr durch die Anlage. Unmittelbar nach dem Abschalten sinkt in dem unmittelbaren Bereich hinter der Wasserkraftanlage, also flussabwärts, folglich der Wasserspiegel der Weser – während sich vor der Anlage, also flussaufwärts, das Wasser, das nun nicht mehr abfließen kann, staut.

Es fließt gewissermaßen zurück und schließlich wieder über das untere und obere Wehr ab. In der Folge steigt der Pegel der Weser hinter der Wasserkraftanlage wieder an; so auch, wenn die Turbinen wieder eingeschaltet werden und die Anlage das Wasser wieder durchlässt. Dies erkläre, weshalb es am Montagabend, wie immer, wenn die Turbinen abgeschaltet werden, im Werderbereich zu „Ebbe und Flut“ kommt. Denn Schleusenarbeiten haben in dem besagten Zeitraum nicht stattgefunden.

Wenn aber geschleust wird, dann wirkt sich auch das auf den Pegelstand der Weser unterhalb des oberen Wehres aus, sagt Schwekendiek. Dabei gilt dasselbe Prinzip. In dem Moment, in dem ein Schiff, von flussaufwärts kommend, geschleust werden soll, muss die Schleusenkammer zunächst auf den Wasserstand gebracht werden, auf dem sich das Boot befindet. Dafür braucht es Wasser. Dies wird in relativ kurzer Zeit vom anderen Ende der Schleuse aus vom Fluss in die Kammer gepumpt. Dieses Wasser, eine Menge von 8100 Kubikmetern, fehlt dann dort und macht sich durch einen um fünf Zentimeter abfallenden Pegel bemerkbar – allerdings nur bei ohnehin niedrigem Wasserstand und wenn nur wenig Wasser über das obere Wehr fließt. Andernfalls fallen diese Schwankungen nicht auf. Damit das Schiff die Schleuse verlassen kann, wird das Wasser wieder abgelassen – und der Pegel steigt wieder auf sein vorheriges Niveau an.

Deutlich größere Schwankungen entstehen durch die Eingriffe bei den Wasserkraftanlagen, wie Schwekendiek ausführt. Dabei könne der Wasserstand innerhalb kurzer Zeit um mehr als 30 Zentimeter absinken, zum Beispiel, wenn bei einem Blitzeinschlag in der Weser vor Ort die Anlage automatisch und abrupt abgeschaltet wird.

Bei niedrigem Wasserstand kann dies zu unvorhergesehenen Problemen führen. Ralph Schwekendiek erinnert sich: „Vor Jahren war ein Dampfer, aus Minden kommend, mal einige Hundert Meter vor der Schleuse auf Grund gelaufen.“ Der Grund: Kurz zuvor waren die Turbinen notfallbedingt abgeschaltet worden. „Wir haben dann extra Wasser aus der Schleuse gelassen, um das Schiff zu unterstützen“, sagt Schwekendiek.

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