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Abfeiern mit DJ-Weltstar Westbam in der Sumpfe / „Party an einem mythischen Ort“

DJ Westbam kommt: „Endlich darf ich in Hameln spielen“

Am Samstag, 30. September, ist es soweit: Westbam kommt mit seiner „The Risky Sets Tour“ in die Sumpfblume. Maximilian Lenz, wie der gebürtige Münsteraner eigentlich heißt, gilt als einer der wichtigsten DJs Deutschlands, wenn es um elektronische Musik geht. Er hat in der 1980er aus dem Underground-Phänomen eine Massenkultur gemacht. Außerdem ist Westbam Autor. In seinem Buch „Die Macht der Nacht“ wirft er einen kurzweiligen Blick auf die letzte 30 Jahre seines DJ-Lebens. Auf Hameln, die Stadt, in der ein magischer Typ die Massen mit einer Flöte betört hat, freut er sich schon besonders …

veröffentlicht am 21.09.2017 um 17:05 Uhr

Ob er jemals darauf verzichten kann, als Dj zu arbeiten? „Ich weiß es nicht“, sagt Maximilian Lenz alias Westbam. Foto: oleg babenko
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Fangen wir mal am anderen Ende an: Sie sind nicht nur DJ, sondern auch Buchautor, und zwar sogar ein ziemlich erfolgreicher. Ihr Buch „Macht der Nacht“ ist ein bisschen wie eine Reise tief in die Vergangenheit der elektronischen Musik.
Ja ja, was natürlich auch ein bisschen eine Zumutung dieses Buches ist für die Leute, die von mir erwartet haben, dass es von den wirkungsmächtigen 90er Jahren handelt. Ich habe versucht, alles, was in die elektronische Kultur einmündet, also auch die Hippiezeit und die Punkrock-Attitude und was sonst so eine Rolle spielt, mitzunehmen.


Für mich hat elektronische Musik 1989 mit Psychic TV im Berliner Metropol angefangen, das war so eine Acid-House-Geschichte ...
1989 war das Metropol schon nicht mehr so dolle, ich bin da 1985 weg. 1985 hatte ich die ersten House-Platten da schon gespielt, aber ich kannte die Namen nicht. Das waren halt irgendwelche Importplatten. 1986 wurde mir das bewusst, das gab es eine englische Compilation, da stand „House“ drauf. 1987 habe ich Macht der Nacht gemacht, aber als eigene Szene ging es eigentlich erst 1988 weiter, als das so eine englische Mode wurde.


Gab es für Dich so eine Art Schlüssel-Moment, der alle anderen überstrahlt, in dem Du gedacht hast: Wow, was ist das denn?
Der größte Moment war dieser Metropol-Moment, 1982, als ich als Teenager da reingestolpert bin. Das gab es nur in der Schwulen-Welt. Das war genau diese Zeit, kurz bevor man das Wort Aids kannte und wo das wirklich so ne Mischung aus Sodom und Gomorrha und totaler Abfahrt und Geschrei war. Und das muss man so mal sagen, denn heute ist es selbstverständlich, dass die Leute auf einen Beat tanzen, aber damals gab es das nur in dieser Welt und eigentlich auch nur in Berlin und in Berlin nur in diesem einen Laden. Ich bin da so als heterosexueller Teenager rein und dachte: Toll – einfach diese Energie. Bei den Heteros war das noch jahrelang so, dass die sich eher verarscht gefühlt haben, wenn der Beat gemixt war.

Foto: oleg babenko
  • Foto: oleg babenko


Du bist seit über drei Jahrzehnten dabei. Gibt es etwas, worauf du verzichten könntest?
Auf das Reisen. Nicht das Ankommen wohlgemerkt, ich bin gern an verschiedensten Orten. Reisen ist mit unheimlich viel Routine und Langeweile verbunden. Wobei, selbst da muss ich eins sagen: Seitdem auch ich in der digitalen Welt angekommen bin, ich mein Laptop dabei hab und man seine Musik, sein Studio mit sich rumschleppen kann, ist es mit dem Reisen besser geworden. Dann setze ich meine Kopfhörer auf und bin wie in meinem Studio. Dann nervt es mich schon einen Zacken weniger.
Worauf wirst Du nie verzichten?
Die ganz große Frage wäre: Kann ich auf das DJ-ing verzichten? Das weiß ich nicht genau. Ich hab es die letzten 30 Jahre gemacht. Nur die letzten drei Wochen während meines Sommerurlaubs nicht. Das kann ich sagen, in den 30 Jahren ist das wirklich die Maximalzeit, in der ich nicht ge-djait habe.

Techno 90er: Welt bekehren, Techno Nuller: sich vor der Welt verschließen

Westbam, DJ und Autor


Wo warst Du denn im Urlaub?
Das ist nicht so spektakulär. Ich bin im Grunde meines Herzens – das klingt so schrecklich Peter-Maffay-mäßig – Landbesitzer auf Mallorca. Und ich habe durchaus einen grünen Daumen, die minerale und florale Welt liegt mir sehr am Herzen. Auch die ist ein Zusammenspiel, für mich ist ja DJ-ing immer ein Sozialkunstwerk, ein Zusammenspiel des DJs mit den Leuten, mit dem Raum und all den komplexen sozialen Dingen, die da so mitschwingen. Das kann man auch auf Pflanzen übertragen: In meinem Garten habe ich eine Weinpflanze und eine Jasminpflanze, und es ist interessant, wie die sich jetzt offensichtlich gegenseitig das Wasser abgraben wollen.


Was heißt das in Bezug auf das, was Du machst?
Ob man sich nun für Pflanzen interessiert oder für Leute im Club: Ich erkenne bei mir wieder, dass einfach bestimmte Interessen da sind: Wie leben die zusammen? Wie funktioniert das? Leben die in Frieden? Ist das eine gemeinsame Energie? Ist das eine Konkurrenzsituation? Bei den Pflanzen ist mir wirklich diese Gnadenlosigkeit aufgefallen, dieser knallharte Konkurrenzkampf. Ich bin ja mehr Hippie und versuche, mit der Musik die Menschen in einen wunderbaren Zustand zu bringen. So als Hippie vermutet man bei den Pflanzen natürlich auch erst mal: Das ist friedlich und natürlich und so. Aber ne, diese Vorstellungen von Frieden und Harmonie, die sind doch wohl sehr kulturell bedingt. Es ist wohl mehr der Kulturraum, in dem Frieden sein kann, in der Natur ist Mord und Totschlag.


Tot ist auch die Massenkultur der ravenden Gesellschaft mit Mayday und Loveparade in den 90ern. In den Nuller Jahren kam das elektronische Cocooning: Grüppchenbildung in angesagten Clubs, alles eine Nummer kleiner, technischer und – gefühlt – zerfaserter. Wo befinden wir uns jetzt?
Vor zwei Wochen habe ich zum Beispiel auf dem Lollapalooza-Festival gespielt und plötzlich drehten alle Leute durch, in dieser Situation war genau das, was im besten Fall auch Loveparade war. Auch wenn es nicht diese Wirkungsmacht hat.


Aber es gab im Laufe der Jahrzehnte viel Veränderung bei elektronischer Musik: von lauter Massenkultur bis besinnlich ...
Nach den 90ern gab es in den Nuller Jahren diese andauernde Rückbesinnung auf das, was so ein bisschen das Biedermeier der Technomusik war, die Rückbesinnung auf den kleinen Kreis, sozusagen sich vor der Welt schützen. Techno 90er: Welt bekehren. Techno Nuller: sich vor der Welt verschließen, im Berghain am besten. Die Musik nicht zu laut machen und ihr ihre Bedeutung dadurch geben, dass man sagt, ne, die ist im Hintergrund. Und diese Hintergrundphilosophie dann aufzuladen. Dann gab es diese große weiche amerikanische Bewegung, diese EDM-Sache, die lief eigentlich schon wieder in Richtung Massenkultur. Gesellschaftlich fallen mir jetzt da keine guten Gründe ein bei den Amis. In Europa nach dem Mauerfall war das ja aufgeladen mit so einer Euphorie, einem Zukunftsglauben.

Ich kann mich weder für das Rückzugsmodell, was tendenziell auch noch da ist, noch für dieses weiche amerikanische Modell, was für mich ein zweifelhaftes Echo auf die europäische Technokultur ist, begeistern.


Du bist ein Weltstar, hast Techno zur Massenkultur gemacht und in den 90ern Millionen auf die Straße gelockt. Was reizt dich an Hameln?
Erstens war ich noch nie in Hameln und zweitens ist dieses zwielichtige Bild des Rattenfängers wunderbar. Das ist eine Geschichte, die sich eingebrannt hat. Eine Weltgeschichte, die – wenn auch auf zweifelhafte Art – davon handelt, wie ein Mensch mit Musik die Jugend betören kann. Im Fall des Rattenfängers ist das ja durchaus kritisch zu beurteilen und trotzdem völlig interessant. Jetzt komme ich endlich mal an diesen mythischen Ort. Ich kenne keine andere Geschichte über die
Power von Musik aus den alten europäischen Sagen und Märchen, die so eine magische Wirkung hat: Keine Band, ein Typ – mehr so wie ein DJ – der die Leute mit seiner Flöte dermaßen in den Bann zieht. Eine faszinierende Geschichte – und endlich darf ich in Hameln spielen.


Info: Für die Party am 30. September gibt es noch Restkarten an der Abendkasse.

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