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Als die Wehrmacht dem Feind nur verbrannte Erde hinterlassen wollte

Die Zerstörung der Werdermühle

Den Direktor der Wesermühlen-AG, Ernst Moritz Salm, der das Unternehmen seit 1910 erfolgreich geführt hatte, jagte der Mühlenbetreiber Kurt Kampffmeyer 1933 aus seinem Amt – weil er Jude war. Das Ehepaar Salm ging nach München, bevor ihm die Flucht nach Brasilien gelang. Anlässlich des Todes von Ernst Moritz Salm im Alter von 82 Jahren erschien in der Dewezet 1960 ein Nachruf.

veröffentlicht am 08.02.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 20:21 Uhr

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Autor:

Bernhard Gelderblom
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„Salm war einer der intelligentesten, rührigsten, großzügigsten, hilfsbereitesten, kurz: bedeutendsten Männer, die das Leben in unserer Stadt vor der Hitlerzeit auszeichneten. In Fachkreisen war er eine Prominenz von weit überregionaler Bedeutung. In der Stadt hat er keine öffentlichen Ämter erstrebt, aber sein Rat stand wohl mit hinter fast allem, was die Bürgerschaft in jenen Jahrzehnten Positives geleistet hat. Was ihm an Unrecht widerfuhr (Entfernung aus dem Beruf, Konzentrationslager), ist umso betrüblicher, als es einen Juden traf, der Deutschland leidenschaftlich bis ans Ende geliebt hat. (…) Wir danken ihm für die Liebe, die er uns und unserer Stadt trotz allem bewahrt.“

Kurz vor Kriegsende bereiteten Hamelner Volkssturm und Wehrmacht die Sprengung wichtiger Straße, Brücken und Fabriken vor. Der sogenannte „Nero“-Befehl, dem Feind nur „verbrannte Erde“ zu hinterlassen, ging auf Hitler zurück.

Ein auf den 1. April 1945 datiertes Protokoll hält das Ergebnis einer Besprechung zwischen Wehrmacht und Volkssturm fest. Beide hatten das Zerstörungswerk untereinander aufgeteilt und leisteten sich gegenseitig logistische Hilfe.

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Zur Sprengung durch die Wehrmacht waren alle wichtigen Straßen- und Eisenbahnbrücken in und um Hameln, und zum Beispiel auch die Steilwand am Ohrberg vorgesehen. Im Protokoll heißt es: „Für diese Sprengungen sind Vorbereitungen zum größten Teil schon durchgeführt beziehungsweise in Vorbereitung.“ Der Volkssturm hatte große Mengen Sprengstoff, Sprengkapseln und Zündschnüre aus Steinbrüchen erfasst und teilweise bereits eingelagert.

Am Schluss des Protokolls wurden 14 zur Sprengung durch den Volkssturm vorgesehene Betriebe aufgezählt. Dazu gehörten Rüstungsfabriken wie Kaminski, Körting, die Domag (heute Volvo) und Concordia. Genannt wurden aber auch Werke, die der Versorgung der Bevölkerung dienten, wie die Energieversorger Wesertal und Stadtwerke sowie die Wesermühle. Und nur bei den Stadtwerken findet sich in Klammern der Hinweis: „Wohl noch zu überlegen – mehr Nachteil wie Vorteil.“

Wären diese Zerstörungen sämtlich durchgesetzt worden, Hameln wäre zurück in die Steinzeit gesprengt worden. Auf Jahre hin wäre die Zivilbevölkerung bitterer Not ausgesetzt gewesen.

Wie weit es in Hameln fanatischen Parteiführern und Wehrmachtsoffizieren gelang, den „Nero“-Befehl durchzusetzen, ist nicht mehr zu ermitteln. Gesichert ist die Sprengung der Weserbrücken durch die Wehrmacht. Die Firma Concordia wurde durch eine gezielte Sprengung der Elektrozentrale empfindlich getroffen.

In anderen Fällen verhinderten Belegschaftsangehörige das Zerstörungswerk, vor allem Mitglieder der 1933 zerschlagenen Arbeiterparteien, die sich nach der Entlassung aus Zuchthäusern und KZs ihre Opposition zum Regime bewahrt hatten und ihre Arbeitsplätze sichern wollten.

Es gibt Hinweise, dass auch die Werdermühle Opfer des „Nero“-Befehls wurde und nicht, wie zumeist zu lesen ist, der US-Artillerie zum Opfer fiel. Neben ihrer Erwähnung im oben zitierten Protokoll ist es der Bericht des Realschullehrers Johann Viebrock über die Tage des Kriegsendes in Hameln. Er schreibt: „Die Wesermühle war schon am frühen Vormittage des 6. April von unserer Seite aus in Brand gesetzt und gesprengt worden. Sie brannte und qualmte gewaltig.“

Nach Sprengung und Beseitigung der Trümmer gaben die Kampffmeyer-Mühlen den Standort auf, nutzten aber weiter die Wasserkraft, um mit dem Strom „die größte deutsche Mühle“ zu betreiben, die 1949 am Hamelner Hafen eingeweiht werden konnte.

1998 ging das Turbinenhaus auf dem Werder in den Besitz der Stadtwerke über. Nach der Modernisierung der Turbine an der Fischpforte und dem Einbau zweier Turbinen in die alte Schleuse hatte man zunächst auch für den Standort Werdermühle eine Neuanlage geplant. Aus Rentabilitätsgründen beschlossen die Stadtwerke jedoch, die Wasserkraft an dieser Stelle nicht länger zu nutzen.

Gegenwärtig sind Rückbaumaßnahmen im Gange. Der oberweserseitige Zulauf ist bereits geschlossen; der unterweserseitige Ablauf wird 2016 folgen. Nach dem Abbau der Turbinen soll das unansehnliche Turbinenhaus abgerissen und der Standort für eine neue Nutzung vorbereitet werden. Dann werden die letzten Spuren eines jahrhundertealten Mühlenstandorts verschwunden sein.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de

Links: Die Werdermühle geschmückt mit den Fahnen der „Bewegung“ – vermutlich anlässlich des 1933-1937 stattfindenden Reichserntedankfestes

Unten: Die Werdermühle nach ihrer Zerstörung im April 1945 von der Klütseite aus gesehen

(Quelle: StA Hameln)



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