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Wie wir durch den Ausnahmezustand wieder normal werden

Die vierte Normalität

Es ist und bleibt erstaunlich, was gerade in unserem Land und in anderen Ländern passiert. Wir leben in einem Ausnahmezustand, so etwas hat noch keiner von uns – bis auf vielleicht die ältere Generation, die den Krieg noch miterleben musste – erlebt. Und in Ausnahmezuständen entwickeln wir als Mensch normalerweise Verhaltensweisen, die fern der gewohnten Realität sind.

veröffentlicht am 28.03.2020 um 08:00 Uhr

Jens-Thilo Nietsch

Autor

Volontär zur Autorenseite

Wir schaffen quasi zwangsweise eine neue Normalität, um in den neuen und ungewohnten Umständen eine gefühlte Sicherheit zu bekommen. Eine „Schein-Normalität“ könnte man das auch nennen. Was ich aber meine zu beobachten ist, dass es diese aktuelle Krisen-Normalität schon mal gab. Bevor Handys und soziale Medien Einzug hielten und schließlich Corona auf den Plan trat. Damals haben wir das nur anders genannt, ich glaube, das nannten wir Leben. Und dieses Leben und dessen Normalität entdecken wir gerade wieder, wir werden geradezu dazu gezwungen.

In Zeiten, in denen wir die Abende zuhause verbringen, stellen viele fest, das Handys und soziale Medien irgendwann nicht mehr reichen, die aufkommende Langeweile zu verdrängen, das Internet zu monoton wird. Und zack geht der Blick nach links und rechts, im Kopf stellt sich die Frage, was es denn sonst noch so gibt, was man tun oder erleben kann. Und genau an dieser Stelle stoßen wir auf alte Verhaltensweisen, auf alte Hobbys, auf alte Rituale.

„Ach, ich könnt ja mal wieder…“ und zack ist das Buch in der Hand, das man ja schon so lange anfangen wollte zu lesen. Jemandem fällt ein, dass es ja mal so was wie Puzzles gab und peng, wenig später ist der Küchentisch voll mit 300 kleinen Teilen, die zusammengesetzt werden wollen. Andere entdecken den Familienspaziergang wieder, der Abend oder Samstagnachmittag verläuft in der Natur, ganz ohne Fernsehen oder Handys. Und wieder andere entdecken, dass es in der unmittelbaren Nähe Menschen gibt. Früher nannten wir das Nachbarschaft. Von Balkon zu Balkon wird sich auf einmal wieder unterhalten, „det Neuste“ ausgetauscht oder sich einfach zugelächelt, wenn der Abend nicht in einer Bar oder Kneipe, sondern auf dem heimischen Balkon verbracht wird.

Und schau her, es wird wieder vermehrt gebastelt. Die Eltern mit den Kindern oder Erwachsene für sich allein, und sei es auch nur, um mit Klopapierrollen den neuesten Corona-Witz zu erfinden. Immerhin. Oder Gesellschaftsspiele fallen mir bei dieser Gelegenheit ein, auch sie werden wieder Trend. Manch anderer entfacht sogar neue Leidenschaften und entdeckt das Malen für sich, wird vielleicht sogar ein richtiger Künstler.

Kurzum, durch diese Zeit werden wir quasi gezwungen, uns wieder mit uns selbst zu beschäftigen. Durch einen Ausnahmezustand finden wir wieder zu einer Normalität, die es schon mal gab und die wir jetzt wieder erlernen. Brauchen wir also einen Ausnahmezustand, um wieder normal zu werden? Ich finde, die Frage ist berechtigt, kann aber verneint werden. Es gehört eben zu unserer Zeit, fortschrittlich zu sein, die neueste Technik zu verwenden, erreichbar zu sein, über welche Wege auch immer.

Aber ich finde, es tut gut, auch mal daran erinnert zu werden, wie wichtig es ist, auch mal zu entschleunigen (der Anlass dafür ist allerdings ein verdammt trauriger), mal auf Null gesetzt zu werden. Die leere Zeit mit Dingen zu füllen, die wir früher auch schon mal gemacht haben, die mal normal waren.

Schön wär’s doch, wenn diese Dinge „von früher“ Einzug hielten in die Zeit nach Corona. Wenn es dann wieder gilt, eine Normalität zu schaffen. Nach meiner Kindheit/Jugend, der Handy- und Social- Media-Zeit und der Corona-Krise wäre dies dann meine vierte Normalität. Möge es die Letzte sein.



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