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Neues Denkmal am Friedhof Wehl erinnert an die NS-Opfer des Zuchthauses Hameln

Die Vergessenen

HAMELN. Elf riesige Nägel ragen aus einem Steinkreis in den Himmel. Die meterlangen Nägel sind grau und aus Metall. Stellenweise hat schon Rost angesetzt. Eines Tages werden die überdimensionierten Nägel rostrot sein. Sie bilden ein imposantes Denkmal.

veröffentlicht am 31.10.2017 um 14:16 Uhr

Der Entwurf für das Denkmal für die NS-Opfer des Hamelner Zuchthauses geht auf Schülerin Svenja Broska vom Albert-Einstein-Gymnasium zurück. Foto: pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Es steht seit neuestem auf dem Friedhof Wehl und erinnert an die im Zuchthaus Hameln (heute befindet sich das Hotel Stadt Hameln in dem Gebäude) zu Tode gekommenen Opfer des Nationalsozialismus.

Paul Jost aus Rodenberg war Eisenbahner und bis 1933 Mitglied der SPD. 1943 verurteilte ihn das Sondergericht Hannover wegen „Verbrechen gegen die Rundfunkverordnung“ zu zwei Jahren Zuchthaus. Drei Wochen nach der Befreiung durch US-Truppen starb er am 28. April 1945 im Lazarett des Zuchthauses Hameln. Willem Eggink war Student und im niederländischen Widerstand aktiv. 1944 verurteilte ihn ein Gericht der deutschen Besatzungsmacht zu sieben Jahren Zuchthaus. Anfang November 1944 wurde er nach Holzen in das Außenlager des Hamelner Zuchthauses zu einem mörderischen Arbeitseinsatz in einem unterirdischen Stollen gebracht. Die erlittenen Strapazen ließen ihn bald erkranken, sodass er als „nicht außenarbeitsfähig“ nach Hameln verlegt wurde. Eggink starb am 1. April 1945 in dem Hamelner Gefängnis. Er wurde am 20. August 1951 in seine niederländische Heimat umgebettet.

Es sind Schicksale wie diese und die Gräberfelder, in denen sie endeten, die der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom rekonstruiert hat. Das von ihm initiierte Denkmal soll nun an die Menschen hinter diesen Schicksalen erinnern. 181 kamen im Hamelner Zuchthaus ums Leben.

Willem Eggink (1920-45) Foto: pr
  • Willem Eggink (1920-45) Foto: pr
Paul Jost (1892-1945) Foto: pr
  • Paul Jost (1892-1945) Foto: pr

Während des Nationalsozialismus gab es insgesamt 10 000 Insassen in der Haftanstalt. Die meisten waren politische Gegner der Nationalsozialisten, insbesondere Sozialdemokraten und Kommunisten. Homosexuelle und Häftlinge jüdischen Glaubens bildeten kleinere Minderheiten. Ab 1943 kamen 2000 Ausländer dazu, Widerstandskämpfer aus den Niederlanden und anderen Ländern. „Das Zuchthaus war extrem überfüllt“, sagt Gelderblom. „Es herrschten KZ-ähnliche Zustände.“

Als die Anzahl der Toten überhandnahm, wurde am Rande des Friedhofs Wehl das Gräberfeld C 1, das sogenannte „Verbrecherfeld“, angelegt. Bis Juni 1945 wurden dort 181 Menschen bestattet, viele davon übereinander in einzelnen Gräbern, ohne Sarg.

Nach dem Krieg wurde das Feld weitgehend sich selbst überlassen. Etwa 40 Leichname wurden umgebettet, vor allem die der Ausländer. 1976 wurde das Gräberfeld wegen Ablaufs der Ruhezeit eingeebnet. Der rechtliche Status des Feldes als „Kriegsgräberfeld“ blieb dabei unbeachtet. Im Zuge der späteren Anerkennung als Kriegsgräberfeld erhält die Stadt vom niedersächsischen Innenministerium jährlich 3000 Euro für Pflegemaßnahmen der Stätte.

Auf Initiative von Bernhard Gelderblom wurde 2005 unter anderem am Gräberfeld C 1 gemeinsam mit Schülern des Albert-Einstein-Gymnasiums eine Geschichts- und Erinnerungstafel installiert. Ein Jahr später richteten Jugendliche im Rahmen eines internationalen Jugend-Work-Camps des Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge das Feld als Rasenfläche wieder her. Im selben Jahr wurde in der Nähe des Hotels Stadt Hameln eine Tafel für die Zuchthaustoten angebracht. In der Folge kamen viele Angehörige der Toten nach Hameln zu Besuch.

2014 entwarfen die Schüler eines Kunst-Leistungskurses des Albert-Einstein-Gymnasiums ein Denkmal für die Zuchthausopfer. Für die Umsetzung des Denkmals bildete sich um Gelderblom 2015 eine Arbeitsgruppe unter anderem mit Vertretern der Stadtverwaltung.

Während das Denkmal bereits vor kurzem aufgestellt wurde, fehlt es jetzt noch an dem Gräberfeld, das aus 181 im Boden eingelassenen Namenstafeln bestehen soll. Zudem werden noch vier Info-Tafeln am Wegesrand aufgestellt. Doch dazu wird es erst im Frühjahr kommen. Dann soll auch eine offizielle Einweihungsfeier stattfinden.

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