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Ursula März hat ein Buch übers Dating geschrieben – oder wie sie es nennt: über die Liebeswahl. Ein Interview.

Die Rückkehr der arrangierten Liebe

Hameln. Im Fernsehen sucht „Der Bachelor“ die Frau fürs Leben, Online-Plattformen versprechen den perfekten Partner ein paar Klicks entfernt. Niemand schreibt uns heute vor, welches Geschlecht, welche Hautfarbe oder Religion unser Partner haben sollte – und das macht uns ratlos, sagt Autorin Ursula März. Bevor sie am Donnerstag in Hameln liest, erklärt sie im Interview, warum Online-Dating eine Wiederkehr der arrangierten Liebe ist.

veröffentlicht am 02.02.2016 um 14:47 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:36 Uhr

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Wiebke Kanz

Autor

Wiebke  Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite
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Frau März, am Donnerstagabend werden Sie in der Buchhandlung von Blum nicht nur aus Ihrem Roman „Für eine Nacht oder fürs ganze Leben“ lesen, sondern schlagen auch einen Bogen vom 19. Jahrhundert bis zum Online-Dating.

Eigentlich ist der Bogen, den ich schlagen möchte, gar nicht so groß. Es handelt sich eher um ein paar kleine Linien, die sich durch die Literaturgeschichte ziehen. Ich werde drei oder vier Episoden aus meinem Roman vorstellen und versuche dann, in Romanen des frühen 20. und vor allem des 19. Jahrhunderts – dieses Jahrhundert ist für alles, was mit Ehe und Liebe und Liebeswahl zu tun hat, ganz besonders spannend – Vorbilder zu finden. Es geht nicht in erster Line um Dating, sondern ich würde eher sagen, es geht um Konzepte der Liebeswahl, die vor 200 Jahren natürlich noch ganz anders waren als heute. Deswegen ist einer der Romane, auf die ich eingehe, Jane Austens „Stolz und Vorurteil“. Darin wird von einer englischen Adelsfamilie erzählt, von fünf Töchtern, die unter die Haube gebracht werden müssen. Ehe und die Liebe – wenn man überhaupt von Liebe sprechen kann – werden arrangiert. Wer ist der nächste standesgemäße Junggeselle? Hat er Geld? Sind seine Eltern moralisch intakt? Bei Jane Austen sieht man in Reinform das Modell des Arrangierens, man könnte auch sagen: des Verkuppelns. Dagegen hebt sich unser heutiges Konzept der romantischen Liebe, wo nur das Herz spricht und nicht die Gesellschaft oder die Familie mitverhandelt, ganz stark ab.

Sie sagen, dass sich sie Partnerwahl im 19. Jahrhundert stark unterschied von der Partnerwahl, wie wir sie heute kennen. Allerdings gibt es heute Online-Plattformen, auf denen man seinen Partner ganz gezielt nach soziokulturellen Eigenschaften auswählen kann. Geht das nicht auch in Richtung Arrangement?

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  • Der Partner ist nur einen Klick entfernt – das versprechen Online-Plattformen. fotolia

Ja, eigentlich ist genau das Thema meines Buches. Dem Schreiben ging die Verwunderung darüber voraus, dass heute im Grunde das Arrangieren wiederkehrt – wahrscheinlich aus einer gewissen Ratlosigkeit heraus. Das, was einmal die Eltern waren – bei Jane Austen oder Theodor Fontane – ist heute in gewisser Weise der Algorithmus. Dieser macht bei Online-Dating-Plattformen die Partnervorschläge. Es geht mir aber nicht nur ums Online-Dating und Singlebörsen, sondern es gibt eine ganze Reihe anderer, völlig neuer Liebesmärkte und Veranstaltungen der Partnerwahl: Speeddatings, Singleparties, Kuppel-Shows im Fernsehen, auch die gehören in diesen Kontext. Vor 30 Jahren war es undenkbar, dass sich Menschen auf diese Weise kennenlernen. Heute ist es gang und gäbe. Die Hälfte aller bundesdeutschen Singles sind irgendwo online angemeldet.

Woher kommt denn diese Ratlosigkeit?

Ich glaube, dafür gibt es verschiedene Gründe. Erst mal spiegelt sich die Ratlosigkeit in der Tatsache, dass es noch niemals in der Geschichte der Menschheit so viele Singles gab wie heute. Das ist wahrscheinlich nicht nur ein schlechtes Zeichen, man kann daraus auch schließen, dass die Menschen auch allein sein dürfen und von der Gesellschaft nicht mehr gezwungen werden, sich zu liieren und einen Ehemann oder eine Ehefrau zu finden. Das ist auch ein Zeichen der Freiheit. Trotzdem ist es seltsam, dass wir heute in der Liebeswahl so frei sind wie nie zuvor. Wir können ethnische, religiöse, kulturelle, sprachliche, geografische Grenzen, auch Generationengrenzen überspringen, wenn wir uns verlieben und jemanden als Partner haben wollen. Diese Freiheit scheint es schwierig zu machen, den passenden Partner zu finden. Wenn es keine Normen gibt, dann sagt uns auch niemand, wo wir suchen sollen. Wir sind allein auf unsere Gefühle angewiesen. Ich glaube, das überfordert uns.

Wenn wir aber selbst gar nicht wissen, wen wir wählen, wo wir suchen sollen, wer zu uns passt, wie soll ein Computerprogramm das bestimmen können?

Ich bin keine Soziologin, auch ich habe nur allgemein menschliche Erfahrungen. Ich habe viele Paare kennengelernt, die sehr glücklich sind und die sich im Netz getroffen haben. Der Algorithmus schlägt einem Partner vor, die man kontaktieren kann, jeder kann aber natürlich auch selber in der Singlebörse unter den Profilen suchen. Letztendlich ist es glaube ich so, dass die Menschen am meisten Erfolg haben, die sich im Netz nicht allzu viel anders verhalten als in der Realität. Diejenigen, die zum Beispiel nicht ununterbrochen rumsuchen, sondern, wenn sie ein Profil von einem Mann oder einer Frau lesen, irgendwie auch ihrem Instinkt vertrauen. Irgendeiner Bemerkung, irgendeiner Formulierung, die sie ganz unerklärlich anspricht. Da dran zu bleiben, diesem Instinkt zu folgen, ist, glaube ich, Erfolg versprechend. Den Instinkt, das Unerklärliche, das kann der Algorithmus nicht ersetzen.

Kennen Sie Tinder?

Ich habe davon gehört. Das ist eine App fürs Handy, oder?

Genau. Im Grunde reduziert sie das ganze Dating-Spiel aufs Wesentliche: Man sieht ein Foto und entscheidet mit einem Fingerwischen nach rechts oder nach links, ob einem das Foto und die Person auf dem Foto gefallen. Das bricht das, was Sie so schön altmodisch als „Liebeswahl“ bezeichnen, runter auf optische Reize. Ist das der nächste Schritt in der Dating-Evolution – oder eher ein Rückschritt?

Ich weiß nicht, ob es ein Rückschritt ist. Wenn ich Sie richtig verstehe, würden Sie sagen, das hat alles etwas sehr Entfremdendes. Andererseits stellt sich die Frage, ob unser bisheriges Flirtverhalten so anders gesteuert ist. Ich habe beim Schreiben des Buches gemerkt, dass ich Singlebörsen, Singleparties und Co. anfangs sehr ablehnend gegenüberstand. Im Laufe der Zeit bin ich aber wohlwollender geworden, aus einem ganz simplen Grund: Ich habe Paare kennengelernt, die glücklich sind, die Familien gegründet haben. Es wäre absolut lächerlich, zu sagen: Es ist toll, dass ihr jetzt glücklich seid und Kinder habt, in Ordnung war das aber ursprünglich nicht.



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