weather-image
24°

Durchschnittliches Gesamtergebnis 1,2: Heimaufsicht Hameln-Pyrmont kritisiert Bewertungssystem für Pflegeheime

„Die Pflegenoten sind einfach nicht aussagekräftig“

Hameln (ww). Bewertungen wie „sehr gut“ oder „ausreichend“, „befriedigend“ oder gar „mangelhaft“ sind uns allen seit unserer Schulzeit bestens vertraut. Seit dem Jahr 2009 bekommen in Deutschland auch Pflegeeinrichtungen Schulnoten. Anhand von 82 Einzelkriterien errechnet der Medizinische Dienst der Krankenversicherung, kurz MDK, einmal jährlich eine Gesamtnote für jedes Pflegeheim. Noch im Dezember 2009 zeigten sich selbst Kritiker dieses neuen „Transparenzberichts“ positiv überrascht, anders als befürchtet vergaben die Gutachterteams auch negative Bewertungen, die auf der Internetseite des Verbands der Ersatzkassen www.pflegelotse.de veröffentlicht wurden.

veröffentlicht am 25.09.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 12:21 Uhr

270_008_5849667_hm102_2509.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Drei Jahre später jedoch hat sich die Situation geändert. „Als das Bewertungssystem startete, wurden Noten wie 3,5 und 3,6 verteilt“, berichtet Hanshermann Freise von der Heimaufsicht des Landkreises Hameln-Pyrmont. „Heute liegt die Durchschnittsnote des MDK für niedersächsische Pflegeeinrichtungen bei 1,2, und das liegt nicht etwa daran, dass sich die Situation in den Heimen selbst so elementar verbessert hat – die Pflegenoten sind einfach nicht aussagekräftig.“

Die Heimaufsicht ist eine staatliche Kontrollinstanz, die neben dem MDK und dem Verband der Privaten Krankenversicherung 85 Alten- und Pflegeheime sowie Tagespflegen in den Landkreisen Hameln-Pyrmont und Holzminden und in der Stadt Hameln überwacht – und das bereits seit den 1950er Jahren, sehr viel länger als der neue „Pflege-TÜV“. Anders als dieser vergibt und veröffentlich die Heimaufsicht jedoch keine Schulnoten – und würde sie es tun, die Ergebnisse würden weit auseinanderklaffen.

„Eines der Hauptprobleme der Kontrollen durch den MDK sind die Gesamtnoten“, erklärt Michael Wyrwoll aus dem Heimaufsicht-Team. Die Endnote setze sich zu gleichen Teilen aus den Teilnoten für die Bereiche „Pflege und medizinische Versorgung“, „Umgang mit demenzkranken Bewohnern“, „Soziale Betreuung und Alltagsgestaltung“ sowie „Wohnen, Verpflegung, Hauswirtschaft und Hygiene“ zusammen. Eine schlechte Pflegenote könne somit durch eine glänzende Note für einen gut lesbaren Speiseplan ausgeglichen werden, ein einwandfreies Gebäude eine miese Bewertung für schlechte Wundversorgung nivellieren. „Der MDK prüft zudem nach dem Zufallsprinzip: Der Pflegeverlauf von zufällig ausgewählten zehn Prozent der Heimbewohner wird betrachtet, ist unter diesen zehn Prozent kein Demenzkranker, wird dieser Teilbereich automatisch mit Eins bewertet“, sagt Wyrwoll. „Die sogenannten Transparenznoten sind also alles andere als transparent.“

Dass die Heimaufsicht des Landkreises bei ihren jährlichen Überprüfungen zu Ergebnissen kommt, die zum Teil erheblich von denen des MDK abweichen, liegt auch an einem abweichenden Prüfsystem: Anders als der „Pflege-TÜV“ arbeitet die staatliche Kontrollstelle nicht nach dem Zufallsprinzip, sondern lässt sich von den einzelnen Einrichtungen sogenannte Risikolisten vorlegen, die Bewohner mit Wunden, Verletzungen oder Krankheiten ausweisen, die besonders viel Aufmerksamkeit bedürfen. Freise: „Wir schauen uns an, wo es Abweichungen vom Normalbetrieb gab, wie die Einrichtungen auf besondere Fälle oder Vorkommnisse reagiert haben. Gab es Veränderungen beim Gewicht, bei Blutzucker- oder Blutdruckwerten? Wurden ärztliche Anordnungen befolgt? Dabei kommen wir zu ganz anderen Ergebnissen als der MDK.“

Gibt es bei den Überprüfungen Beanstandungen, versucht die Heimaufsicht zunächst, die Missstände durch Beratung zu beseitigen und wiederholt die Kontrolle nach einigen Tagen oder Wochen. „Sind die Mängel beim zweiten Besuch nicht behoben, haben wir die Möglichkeit, auf einen umfassenden Sanktionenkatalog zurückzugreifen, der von Anordnungen über Zwangs- und Bußgelder bis hin zu Beschäftigungsverboten reicht“, so Freise. Der MDK hingegen ist nicht autorisiert, Sanktionen vorzunehmen, hierzu fehlt die gesetzliche Grundlage. Missstände können sich höchstens in einer schlechten Bewertung niederschlagen. Aber: „Wenn der MDK eine 1,3 vergibt, dann ist das schon schlecht“, sagt Freise.

Auch MDK-intern sei man mit den Bewertungskriterien bereits seit ihrer Einführung unzufrieden, einer Änderung stünden allerdings die Pflegeverbände im Weg. Anstatt auf die wenig aussagekräftigen Pflegenoten zu schauen, raten Freise und Wyrwoll von der Heimaufsicht Hameln-Pyrmont daher: „Schauen Sie sich mehrere Einrichtungen persönlich an. Gehen Sie in die Einrichtungen, schauen Sie den Bewohnern ins Gesicht – und vertrauen Sie auf Ihr Bauchgefühl.“ Auch der Preis sei übrigens kein Qualitätskriterium: „Es gibt sehr teure Einrichtungen, bei denen wir einiges zu beanstanden haben, und günstige, bei denen alles passt“, erklärt Freise.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?