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Einrichtungen ziehen nach zwölf Monaten Bundesfreiwilligendienst eine durchwachsene Bilanz

Die neue Freiheit hat fünf Buchstaben: „Bufdi“

Hameln/Aerzen (ww). „Malte, lies uns was vor!“ In der Grundschule Groß Berkel hat gerade die sechste Stunde begonnen, ein Teil der Schülerinnen und Schüler bastelt Zirkustiere aus buntem Tonkarton, ein anderer hat in der Mitte des Klassenraumes einen Stuhlkreis gebildet, als Malte Siebert seinen Kopf zur Tür hereinsteckt. Binnen Sekunden werden alle Bastelscheren fallen gelassen, alle Bücher klappen zu – die zwölf Kinder haben nur noch Augen für den 19-Jährigen, scharen sich um ihn, hängen an seinen Lippen, als er anfängt zu lesen.

veröffentlicht am 19.07.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 23:21 Uhr

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Seit September vergangenen Jahres ist Malte Siebert ein sogenannter „Bufdi“. Der Hamelner leistet den Bundesfreiwilligendienst (BFD) ab, der nach dem Umbau der Bundeswehr zur Freiwilligenarmee den Wegfall des Zivildienstes kompensieren sollte. Seit Ostern ist Siebert nun hier in Groß Berkel, zuvor verbrachte er sieben Monate an der Grundschule Aerzen. Nach dem Abitur am Hamelner Schiller-Gymnasium wusste der junge Mann nicht so recht, wie es für ihn weitergehen soll, durch das Aussetzen der Wehrpflicht war auch der Ersatzdienst und damit der „Zivi“, überflüssig geworden, und wahllos irgendein Studium aufzunehmen, das kam für ihn nicht infrage. „Ich brauchte ein Findungsjahr“, sagt Siebert, „eigentlich wusste ich nur, dass ich irgendwas mit Sport machen wollte.“

Der Sport war es dann auch, der den Leichtathleten als „Bufdi“ an die Grundschulen in Aerzen und Groß Berkel führte: Der Aerzener Schulrektor Uwe-Jens Eberhardt kannte Siebert, einen Freund seiner Tochter, und schneiderte ihm gemeinsam mit dem Ersten Gemeinderat Andreas Wittrock, Schulleiterin Agnes Wulff aus Groß Berkel und dem Kreissportbund, der zugleich als Kostenträger fungiert, die BFD-Stelle quasi auf den Leib. Von 7.30 bis 16 Uhr unterstützt Siebert nun täglich das Bewegungsangebot der Schule, ist im Sport- und Schwimmunterricht dabei, hilft beim Auf- und Abbauen der Turngeräte und vermittelt talentierte Schüler bei Interesse an Sportvereine weiter. Nebenbei betreut der Sportler die Kinder auch am Nachmittag, denn viele berufstätige Eltern nutzen die flexible Ganztagsbetreuung der Schule. Nach dem gemeinsamen Mittagessen hilft der „Bufdi“ den Kindern bei den Hausaufgaben, spielt mit den Jungs auf dem Pausenhof Fußball oder liest aus Büchern vor.

Zum 1. Juli 2011 hatte das Bundesfamilienministerium 35 000 BFD-Stellen zur Verfügung gestellt, jenseits von Beruf und Schule sollte der Freiwilligendienst im sozialen, ökologischen oder kulturellen Bereich, im Bereich des Sports, der Integration oder im Katastrophenschutz Engagement für das Allgemeinwohl ermöglichen. Da der BFD in erster Linie als Reaktion auf die Aussetzung des Zivildienstes eingeführt wurde, wurden alle „Zivi“-Dienststellen automatisch als Einsatzplätze des Freiwilligendienstes anerkannt. Der Zivildienst allerdings war für Wehrdienstverweigerer verpflichtend gewesen, und für Freiwilligkeit existierte bereits seit langem ein etabliertes Angebot, das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ). So war das Interesse am BFD anfangs verhalten, die neu eingerichteten Stellen drohten zum Ladenhüter zu werden, und ungeklärte Fragen wie die Rechtssituation in der Übergangszeit vom „Zivi“ zum „Bufdi“ hielten viele davon ab, BFD-Stellen zu beantragen, obwohl die Zuschüsse im Vergleich zum FSJ höher sind.

Als das Ministerium für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben kürzlich nach einem Jahr BFD Bilanz zog, wurde der Freiwilligendienst dennoch als „enormer Erfolg“ reklamiert, die 35 000 Plätze seien bereits im März vollständig besetzt gewesen, es habe weit mehr Bewerber als freie Stellen gegeben, so heißt es.

„Diese Zahlen kann ich nicht bestätigen“, sagt hingegen Uwe Broszeit, der beim Paritätischen in Hameln den Bereich Essen auf Rädern leitet. Früher sei der Mahlzeitendienst eine beliebte Anlaufstelle für Zivildienstleistende gewesen, bis zu sieben „Zivis“ hatte Broszeit zwischenzeitlich zur Verstärkung seines Teams. „In den letzten zwölf Monaten gab es hier allerdings nur zwei Bewerber für den BFD, der übrige Bedarf an Arbeitskräften musste komplett durch Festangestellte aufgefangen werden.“

Auch Broszeits Kollegin von der Schul- und Behindertenassistenz, Silvia Künne, zeigt sich von dem neuen Freiwilligenangebot alles andere als begeistert: Bewerber für den BFD, die es ohnehin kaum gab, absolvieren bei ihr nun ein FSJ. „Im Grunde tun beide ja sowieso das Gleiche, nur sind beim BFD die bürokratischen Hürden höher.“ Jeder FSJler und jeder „Bufdi“ besucht während seiner in der Regel zwölfmonatigen Dienstzeit Seminare, 25 Tage sind es insgesamt, und die Koordination dieser Lehrgänge gestalte sich beim BFD um einiges schwieriger als beim Freiwilligen Sozialen Jahr: Neben der Betreuung Schwerstbehinderter im häuslichen Umfeld begleiten Künnes Mitarbeiter auch rund 130 Kinder mit Handicap in den Schulunterricht. „Für uns wäre es fatal, wenn mitten im Schuljahr zehn bis fünfzehn Bufdis auf einmal zu einem einwöchigen Lehrgang müssen.“ Für die rund 40 FSJler in ihrem Team ist es hingegen kein Problem, die Seminartage in die Ferienzeit zu verlegen.

Reinhold Marx, Geschäftsführer des Caritasverbandes, sieht eine der großen Schwächen des Bundesfreiwilligendienstes vor allem in den unflexiblen Quoten: Der Bedarf von 35 000 Stellen sei durch die Inklusionsdebatte inzwischen überholt. „Wenn Kinder mit Behinderung verstärkt in allgemeine Schulen aufgenommen werden sollen, hat das natürlich auch Auswirkungen auf die Zahl der Freiwilligen“, so Marx. Trotz aller „Lobhudelei“ vonseiten der Bundesregierung werde der BFD daher in der Praxis schlecht angenommen, „selbst wenn die meisten Kinderkrankheiten inzwischen ausgeräumt wurden“.

Für die Grundschule Groß Berkel ist das „Experiment Bufdi“ in jedem Fall geglückt, Agnes Wulff ist begeistert: „Die Kinder lieben Malte, für sie ist es einfach toll, einen jungen Menschen hierzuhaben.“

Besonders glücklich ist die Schulleiterin auch darüber, dass gerade ein junger Mann den Weg an ihre Schule gefunden hat. „Unser Kollegium besteht aus dreizehn Frauen und nur einem Mann, Malte ist als Bezugsperson für die Kinder daher besonders wichtig.“ Für das neue Schuljahr beantragt die Grundschule Groß Berkel gerade eine neue „Bufdi“-Stelle. „Wir können das nur weiterempfehlen“, so Wulff. Und auch die Grundschule in Aerzen ist derzeit auf der Suche nach einem neuen Freiwilligen für den Sportunterricht.

Und wie sieht Malte Sie-berts eigene Bilanz aus? „Ich habe gefunden, was ich gesucht habe“, sagt der 19-Jährige. „Ich weiß jetzt, dass ich gut mit Kindern umgehen kann und wie viel Spaß die Schule machen kann – und ich habe mich gerade in Kiel, Hannover und Göttingen für ein Lehramtsstudium beworben.“

Bezugsperson zum Anfassen und Spielen: Die Kinder lieben ihren „Bufdi“ Malte. Foto: ww

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