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Vor 50 Jahren gewann Helga Jugel (78) einen Nähwettbewerb – heute näht sie immer noch

Die Nadelprinzessin

HAMELN. Bei den Jugels zu Hause wird nichts dem Zufall überlassen. Dafür sorgt Helga Jugel. Die 78-Jährige hat einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik. Das zeigt sich schon an Amanda. Der Pudel, der den Besucher an der Tür begrüßt, trägt die klassische Pudelschur, die Ohren wie zwei Zöpfe. In der geschmackvoll eingerichteten Wohnung reiht sich ein stilvolles Möbelstück an das andere. Die Seidengardinen an den großen, bodentiefen Terrassenfenstern hat Helga Jugel selbst genäht. Nähen. Das tut sie schon fast ihr ganzes Leben lang. Vor heute fast auf den Tag genau 50 Jahren wurde sie sogar „Nadelprinzessin“.

veröffentlicht am 04.04.2017 um 10:09 Uhr
aktualisiert am 05.04.2017 um 11:03 Uhr

Am 3. April 1967 berichtete die Dewezet über den Wettbewerb in der Weserbergland-Festhalle, bei dem Helga Jugel gewann und zur „Nadelprinzessin“ gekürt wurde. Irrtümlich wurde Marienau als ihr Wohnort angegeben. Dabei lebte sie schon wieder in Hameln
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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„Das Nähen zieht sich durch mein ganzes Leben“, sagt Jugel. Davon zeugen etliche Kostüme und Mäntel, Blusen, Röcke und Hosen in ihrer Garderobe, die sie im Laufe der Jahrzehnte genäht und getragen hat. Vieles hat sie an ihre Nichten und an Kolleginnen und verschenkt.

Was sich andere für viel Geld im Geschäft kaufen, macht Jugel, die die meiste Zeit ihres Lebens als Chefsekretärin arbeitete, bis heute selbst. Sie hat ein ganzes Zimmer mit angesammelten Designer-Schnitten, weit über Hundert. Es sind Entwürfe von Karl Lagerfeld, Christian Dior, Ungaro oder Yves Saint-Laurent für Kleider, Kostüme, Mäntel, Jacken und Hosen. Jugel nähte sie alle.

Ihre Stoffe – Cashmere, Seide, Wolle oder Mohair – fand sie bei „Bastian-Stoffe“ in der Deisterstraße (später Dempterhaus), „Stoff-Senger“ und „C.W. Lohmann“ oder sie bestellte bei „Elégance“ in Aachen. „Solche Stoffe sind heute Luxus und nicht mehr im normalen Handel zu haben“, sagt sie. Im Laufe ihres Lebens haben sich so viele Stoffe angesammelt, dass sie schon lange keine neuen mehr zu kaufen braucht. „Wenn ich am Montag ein neues Kostüm anziehen wollte, kam es vor, dass ich am Samstagmorgen zu nähen anfing, und Sonntagabend war das Kleidungsstück fertig“, erzählt sie. „Und Montag früh ist sie dann in ihrem neuen Kostüm zur Arbeit gegangen“, wirft ihr Mann Gerhard Jugel ein.

Weggeworfen wird bei den Jugels so schnell nichts. Auch dafür sorgt die Frau im Hause Jugel. Das Hemd, das ihr Mann an diesem Tag trägt, ist kragenlos. Der Kragen hatte ausgedient, also griff sie zur Nähnadel und machte daraus einen modischen Stehkragen. „Mein Mann sagt immer: ,Du bist kein Ausruhmensch.‘ Aber für mich ist das Nähen Entspannung und Hobby.“

Mit etwa 15 Jahren fing sie an zu nähen. Ihre Mutter hatte schon immer genäht, mit der Tretmaschine, mit der Hand. „In der Nachkriegszeit nähte sie nachts häufig Kleider und Hosen für uns Kinder “, erzählt Jugel. „Unsere Mutter hat uns immer gesagt: ,Wenn ihr was haben wollt, dann macht es euch!‘ Nach dem Krieg hatten wir ja nichts.“

Aber das künstlerische Talent wurde Helga Jugel womöglich auch in die Wiege gelegt. Ihr Großvater war ein Cousin des Dichters Gerhart Hauptmann. „Mein Vater Martin sah ihm sehr ähnlich“, sagt Jugel. Auch all ihre Geschwister hätten eine kreative Ader. So habe eine Schwester aus Helga Jugels Stoffresten rund 300 Barbie-Puppen neu eingekleidet.

1946 wurde die Familie aus Lähn (heute: Wlen) in Niederschlesien vertrieben. Vater, Mutter und die damals erst sechs Kinder stranden in Thüste. Als ihr Vater eine neue Stelle bei der Bahn bekommt, zieht die Familie mit nunmehr sieben Kindern nach Rohrsen. Dort wird Jugel mit 17 Jahren ihre ersten Tanzkleider nähen, für sich und ihre Schwester Sieglinde. „Aus Perlon, hellblau, durchsichtig mit Flock-Print-Streifen in weiß, das weiß ich noch wie heute“, erzählt sie. Dann ging es am Sonntagnachmittag zum Tanztee ins Gasthaus „Zum Stern“ in der Alten Heerstraße 94. Das Nähen ließ sie nie wieder los.

1967 dann der Nähwettbewerb der Zeitschrift „Neue Mode“. Helga Jugel ist nach ein paar Jahren in Frankfurt am Main und einer kurzen Zwischenstation in Marienau wieder zurück in Hameln. Die damals 28-Jährige präsentierte ihr Kleid auf dem Laufsteg und – „die Hamelner Nadelprinzess war ermittelt“, berichtete die Dewezet am 3. April in einem großen Artikel über den vom Textilgeschäft C.W. Lohmann veranstalteten Wettbewerb in der „Weserbergland-Festhalle“.

„In ihrem orangefarbenen Kostüm“, schritt sie „dem Sieg entgegen“, heißt es dort weiter. „Ihr selbstgeschneidertes Kostüm erhielt beim Wettbewerb der Hobby-Schneiderinnen den ersten Preis, und sie kann aus diesem Grund den Titel ,Nadelprinzess von Hameln‘ für sich beanspruchen.“ Ihr Preis: „eine noch funkelnde Koffernähmaschine“.

Seit 1988 näht Helga Jugel auf einer Nähmaschine von Pfaff. „Die schnurrt immer noch“, sagt sie. Und sie ist froh, einen Spezialisten gefunden zu haben, der sie zur Not reparieren kann. Denn sie hat nicht vor, die Nadel an den Nagel zu hängen.

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