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Spielsucht und Liebe

Die mutmaßlichen Motive der ertappten Behörden-Mitarbeiter

HAMELN. Ein 47 Jahre alter städtischer Angestellter soll innerhalb von zehn Jahren unbemerkt mehr als 500 000 Euro aus der Stadtkasse des Hamelner Rathauses abgezweigt haben. Angeblich brauchte er das Geld zum Spielen. Nachdem die Dewezet am Montag über die Ermittlungen der Polizei und der Staatsanwaltschaft berichtet hat, fragt sich ganz Hameln: „Wie hat der Mann das bloß gemacht?“ Ein Blick auf ähnlich gelagerte Fälle kann Hinweise zu möglichen Motiven geben.

veröffentlicht am 19.09.2017 um 17:53 Uhr

Foto: Dana
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Wie ist es dem 47-Jährigen gelungen, die komplexen Buchungssysteme zu überlisten – zumal es auch noch das Vier-Augen-Prinzip und unangekündigte Kontrollen des Rechnungsprüfungsamtes gab? Handelt es sich etwa um ein Computer-Genie? Die Stadtverwaltung bescheinigt dem gefeuerten Angestellten ein „ausgeprägtes Fachwissen“.

Diese Fälle gab es in den letzten Jahren in Hameln:

Im Jahr 2011 ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen einen Mitarbeiter der Ordnungsabteilung des Rathauses – wegen Verdachts der veruntreuenden Unterschlagung. Der Hamelner war für die Vergabe von Gaststätten- und Maklerkonzessionen zuständig. Der Beamte soll mehr als 8000 Euro für sich behalten und nicht in die Stadtkasse eingezahlt haben. Auch seinerzeit hieß es, Spielsucht sei wohl das Motiv gewesen.

Im Jahr davor war bereits ein Kollege aufgeflogen. Mehr als 13 Monate dauerten die Nachforschungen. Im November 2011 klagte die für Korruptionsstrafsachen zuständige Abteilung der Staatsanwaltschaft Hannover den gefeuerten Mitarbeiter der städtischen Abteilung „Zentrale Gebäudewirtschaft“ an – wegen Verdachts der Bestechlichkeit, der Untreue und des Betrugs. Der Angeschuldigte stand im Verdacht, einen Gesamtschaden von 45 785,85 Euro verursacht und sich durch seine Taten Vermögensvorteile in Höhe von 49 840,48 Euro verschafft zu haben. Die Behörde warf dem ehemaligen Angestellten mehrere Straftaten vor. Besonders dreist soll der Hamelner bei der Bestellung von Fenstern vorgegangen sein. Die Korruptionsfahnder glaubten Beweise dafür zu haben, dass sich der Stadt-Mitarbeiter daheim neue Fenster einbauen ließ. Auch bei seinem Bekannten sollen die Monteure tätig geworden sein. Die Rechnung über 33 000 Euro wurde von der Stadt bezahlt. Der andere Mann wusste nichts von den kriminellen Machenschaften. Er dürfte seinerzeit von dem Bediensteten selbst betrogen worden sein. Denn: Das Geld für die Fenster soll sich der Angestellte von seinem Kumpel geben lassen haben. Der Beschuldigte soll zudem einer Firma Malerarbeiten zugeschanzt haben. Die Staatsanwaltschaft war sich seinerzeit sicher: „Die Stadt Hameln bezahlte die Rechnungen, obwohl nur geringfügige oder gar keine Arbeiten – unter anderem in Jugendtreffs – durchgeführt worden waren.“ Eine Staatsanwältin machte folgende Rechnung auf: „Leistungen für 1000 Euro wurden von den Malern erbracht; Arbeiten für zirka 12 000 Euro sind berechnet und bezahlt worden.“

Weil damals bei der Stadt Hameln offenbar alle Kontrollmechanismen versagt hatten (Auf den Korruptionsfall war die Steuerfahndung bei der Überprüfung eines Privatunternehmens gestoßen), zog die Verwaltung Konsequenzen. 2015 gab die Behörde Einblicke in ihr verschärftes Sicherheitskonzept. „Die sogenannten Handvorschüsse werden überwacht. Es gibt unangekündigte Kassenprüfungen. In allen Bereichen der Verwaltung gilt das Vier-Augen-Prinzip, in bestimmten Fällen sogar ein Sechs-Augen-Prinzip (etwa dann, wenn auch das Rechnungsprüfungsamt eingebunden ist). Darüber hinaus bestehen weitere Sicherheitsmechanismen: Anordnungs- und Ausführungsgeschäfte sind strikt voneinander getrennt. Anders ausgedrückt: Es kann nie einer alles allein machen. Beispielsweise darf eine Barauszahlung an einen Mitarbeiter nie von demselben Angestellten angeordnet werden.“ Diese Vorkehrungen hätten noch heute Gültigkeit“, sagt Referatsleiter Thomas Wahmes. Der aktuelle Fall aus der Stadtkasse sei aber „anders gelagert“. „Unsere Sicherheitsmechanismen konnten hier nicht greifen.“

Auch die Kreisverwaltung blieb nicht verschont: Im Mai 2014 kam der Verdacht auf, dass eine seinerzeit 48 Jahre alte Frau, die zuletzt als Sachbearbeiterin im Amt für Zuwanderung tätig war, Gebühren, die sie von ausländischen Antragstellern für Aufenthaltstitel kassiert hatte, nicht auf das Kreiskonto eingezahlt hat. Die Landkreis-Mitarbeiterin soll etwa 5000 Euro ergaunert haben. Zuvor hatte sie als Schulsekretärin gearbeitet. In der Schule war sie unter anderem zuständig für die Schulbuchausleihe. Sie soll zahlreiche Abbuchungen und Überweisungen zu ihren eigenen Gunsten getätigt haben. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass die Beschuldigte zirka 17 000 Euro abgezweigt hatte. Die Frau wurde im Juli 2015 wegen Verdachts der gewerbsmäßigen Untreue angeklagt. Ihr wurden 96 Straftaten zur Last gelegt. Motiv war angeblich Liebe. Sie habe einen Mann aus dem Schausteller-Milieu kennengelernt. Ihm sei sie hörig gewesen, so ihr Verteidiger. Der Liebhaber, den sie nicht verlieren wollte, soll das Geld der Angestellten verzockt haben. Um nicht selbst in finanzielle Not zu geraten, soll die Frau angefangen haben, Geld zu veruntreuen.

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