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Christoph Grote über die Erziehung von Jungen

Die Macht der Geschlechterbrille

HAMELN. Man hat’s nicht leicht – die Phrase trifft auf jeden dann und wann zu. Auch auf Jungs, die in einer Welt aufwachsen, in der Erwachsene bestimmte Vorstellungen vom Mann und seinem Vorgängermodell „Junge“ haben und die explizit oder unterschwellig an ihre Söhne und Mädchen weitergeben.

veröffentlicht am 17.05.2018 um 08:41 Uhr
aktualisiert am 17.05.2018 um 18:30 Uhr

Klare Sache von Anfang an: Jungs in Blau, Mädchen in Rosa oder Lila. Die Aufteilung in der Kinderabteilung ist eindeutig. Foto: dpa
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Die wiederum nehmen mit, was ihnen zuhause in den Rucksack gepackt wird und entleeren ihn in der Kita oder in der Schule, altersbedingt gerne unreflektiert. Pädagogen kommt daher eine besondere Aufgabe zu, findet Christoph Grote vom Verein „mannigfaltig“ aus Hannover. Grote ist „Bildungsreferent für Jungen- und Männerarbeit, Diplom-Religionspädagoge, Systemischer Berater, Mediator“ steht auf der Internetseite des Vereins. Und Vater.

Dass Mädchen und Jungen keinesfalls überall gleich und pauschal als „Kinder“ behandelt werden oder jedes Individuum für sich angesehen wird, ist augenfällig: Klamotten sind, überspitzt, auf der einen Seite rosa, lila, orange, auf der anderen blau, grün, vielleicht auch noch orange. Dort brummen Autos, da säuseln Einhörner, hier weinen Baby-Puppen, da trampeln Dinos, während die Mädchen süß aussehen und die Jungen blaue Flecken und Schmutz im Gesicht präsentieren. Die Gräben verlaufen zwischen Jungen und Mädchen, zwischen Jungen und Jungen und teils Eltern. „Mein Mann lässt mein Kind so nicht los“, hört Grote bei einem Abend mit Erzieherinnen, Erziehern und Eltern in Hameln eine Mutter sagen, die kein Problem damit hat, wenn ihr Sohn dieses oder jenes anzieht, während dem Vater sich die Nackenhaare aufstellen. Rosa T-Shirt für den männlichen Nachwuchs, Mamas pinker Nagellack auf einem Finger, lila Stift für das zu malende Bild – in den Augen einiger geht all das gar nicht. Und sie tun ihre Abneigung kund: Eltern durch Verbote, Kinder mittels Hänseleien. „Lila ist ne Mädchenfarbe“ mit langem ä! Was tun?

„Kinder ermutigen, ihren Weg zu gehen“, bringt Grote es auf einen Punkt. Dafür brauche es klare Standpunkte der Eltern und der Erzieherinnen und der wenigen Erzieher. Und dafür müssen sie sich mit ihren eigenen Werten auseinandersetzen, an denen sie sich entlanghangeln können im Laufe ihrer Karriere als Ansprechpartner der Kinder. „Wie soll sich das Kind entwickeln?“, sei eine zentrale Frage? „Was sind die wirklichen Gründe, aus denen ein Junge kein Rosa anziehen soll?“, könnten sich Erwachsene fragen. Vielleicht sei die Antwort, „Kinder sollen nicht ausgelacht werden“. Ein guter Grund. Oder aber sollte das eigene Kind doch eher so gewappnet sein, um dem trotzen zu können?

Kleidung ist nur ein winziger Bereich, der aber plakativ das Problem widerspiegelt: Die Gesellschaft trägt in weiten Teilen bestimmte Erwartungen an Jungen und Männer heran. „Können mir mal zwei starke Jungs helfen, den Tisch hier wegzuräumen?“ – Grote macht anhand der Frage deutlich, welches Attribut den Jungen zugeschrieben werden soll – „stark“ – und fragt hinterher: „Was macht das mit den Mädchen?“ Sind sie nur schwach, und müssen Jungen immer stark sein und stärker als die anderen und stehen im Konkurrenzkampf zueinander?

Grote bestreitet nicht, dass es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt. Daneben gebe es aber auch Unterschiede „zwischen Lisa und Anna“ und „Anna und Paul“ und vielleicht hat Lisa mit Paul viel mehr gemein als mit Anna – wenn man die Geschlechterfrage mal außen vor lässt. So Grotes Argumentation. „Besonders deutlich wird das doch jetzt bei queeren Menschen, die auch schon als Kinder nicht weiblich oder männlich sind.“ Es gehe in der Pädagogik darum, die Geschlechterbrille aufzusetzen und zu gezielten und bewussten Entscheidungen als Eltern oder Fachkräfte zu kommen. Die Geschlechterbrille solle, so Grote, zwar als Kriterium genutzt werden, aber immer neben anderen Überlegungen.

„Auf der Anerkennungsebene muss der Junge den Weg in die Vielfältigkeit finden“, postuliert Grote. Und meint damit: Es müssen den Jungen (und allen Kindern) Entscheidungsmöglichkeiten an die Hand gegeben werden, damit sie sich vielfältig erproben können. Beispiel: Warum sollten Jungs denn nicht mit Puppen spielen – schließlich werden viele von ihnen doch irgendwann einmal Väter. „Wir alle wollen gesehen werden“, sagt Grote über das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung, aber auch nach Nähe und Körperlichkeit. Und wofür Kinder Anerkennung erfahren, müsse nicht vom Geschlecht abhängen. „Du siehst aber schick aus“ ist also kein Satz nur für Mädchen im Kleid. Und „du bist aber stark“ keiner nur für Jungen mit Muckis.


Info: Der Verein mannigfaltig ist eine Fachstelle für Jungen- und Männerarbeit, das Team wird zur Beratung herangezogen, geben Seminare und bieten Weiterbildungen an. Offene Sprechstunde: montags von 16.30 – 17.30 Uhr; Telefonzeiten: montags 16 – 18 Uhr, donnerstags 10 – 12 Uhr, Tel.: 0511 – 458 21 62 Fax: 0511 – 458 21 63; Lavesstraße 3, 30159 Hannover

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