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Rollstuhlfahrer schauen in der Rattenfänger-Halle auf eine Balustrade

„Die können sich ja ein Kissen mitbringen“

Hameln. In einer Zeit, in der Politik, Verwaltungen und Talk-Shows immer wieder über behindertengerechtes Leben philosophieren, sieht das echte Leben von Rollstuhlfahrern zum Teil noch immer anders aus: am Rand anstatt mitten in der Gesellschaft. Manchmal links außen und in Hameln hinter einer roten Balustrade.

veröffentlicht am 11.02.2014 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 01:41 Uhr

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Autor:

von Julia Rau
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Karolin Fiedler (Name redaktionell geändert) und Constantin Grosch kennen die feuerwehrrote Absperrung auf der Tribüne der Rattenfänger-Halle nur zu gut, denn sie haben schon einige Stunden mit dem Versuch verbracht, unter ihr hindurch- oder darüber hinwegzusehen. Beide sind Rollstuhlfahrer und sitzen daher immer auf denselben Plätzen – ohne Aussicht. Auf der Internet-Seite der Stadt Hameln wird zwar ein „optimaler Blick von oben herab“ versprochen – ohne „Sichtbehinderung“. Fiedler weiß aber: „Wenn man was sehen will, muss man in den Gang fahren und versperrt so den Weg.“ Sie will nach zwei Kulturveranstaltungen, die sie halb gesehen hat, nicht mehr in die Mehrzweckhalle.

Dabei hat Oliver Meinecke, Mitarbeiter der Hameln Marketing und Tourismus GmbH und zuständig für die Verwaltung der Halle, einen Lösungsvorschlag: „Die können sich ja ein Kissen mitbringen. Sie wissen ja vorher, dass sie nichts sehen.“ Unverschämt und reichlich unsensibel findet das Grosch, der Vorsitzender des Kuratoriums zur Förderung der Inklusion von Menschen mit Behinderung ist: „Ich kann doch nicht mit einem Berg Kissen auf dem Schoß rumfahren.“ Zumal das für alle, die zum ersten Mal die Halle besuchen, nicht absehbar sei. Zwar gäbe es laut Meinecke auch Kissen vor Ort, damit sei das grundlegende Problem aber nicht gelöst.

Nina Schaper vom Hameln-Pyrmonter Behindertenbeirat bringt es auf den Punkt: „Die Halle ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit.“ Um sie als „rollstuhlgerecht“ bezeichnen zu können, sind nur die geltenden Vorschriften der Bauabnahme ausschlaggebend. Die war 1988, kurz nach Fertigstellung der Halle. Regelmäßige Kontrollen gibt es nicht. Laut Stadtsprecher Thomas Wahmes wurden seitdem auch keine grundlegenden baulichen Veränderungen vorgenommen.

Kein Wunder also, dass Grosch und Fiedler noch andere Mängel auffallen. Um etwa zu den Rollstuhlplätzen zu gelangen, muss man einen Aufzug benutzen. „Das geht ohne Hilfe gar nicht, weil die Türen sich nach außen öffnen“, so Grosch. Das ist auch der Stadt bekannt und Wahmes räumt ein, dass je nach Behinderung Hilfestellung geleistet werden müsste. „Und wenn es einmal brennen würde, kommt man nicht vom Fleck, weil man die Aufzüge dann nicht benutzen darf“, gibt Fiedler zu bedenken. Meinecke verweist in diesen Dingen auf die Sanitätskräfte und Ordner, die Rollstuhlfahrer im Brandfall „die paar Stufen zum Ausgang runtertragen“ könnten. Ob das bei einem Brand in einem Saal mit mehr als 2000 Menschen tatsächlich so vorbildlich ablaufen würde, musste zum Glück noch nie unter Beweis gestellt werden.

Warum Rollstuhlfahrer überhaupt nach oben gesetzt werden, erklärt der HMT-Mitarbeiter wie folgt: „Es gibt verschiedene Saalpläne. Die Veranstalter suchen sich einen aus. Meistens den, bei dem die Rollstuhlplätze oben sind.“ Will man sich zwei Stunden rote Balustrade sparen, müsse man explizit darauf hinweisen, dass man einen Platz unten möchte. „Bei Kartenbestellungen im Internet kann ich das aber nicht angeben, sondern nur, dass ich einen Rollstuhlplatz brauche und die sind immer oben“, erzählt Grosch. Er sieht die Betreiber und nicht den Veranstalter in der Verantwortung, sich um diese Probleme zu kümmern. Das kann aber womöglich noch dauern, denn aktuell sind keine Veränderungen in der Halle geplant. Wahmes erklärt aber, dass darauf geachtet werde, ob es technische Neuerungen gibt, die umgesetzt werden können. Dass es besser geht, zeigt zum Beispiel das Theater am Aegi in Hannover: Dort gibt es eine kleine Loge, die hochgefahren werden kann, sodass alle auf Augenhöhe sitzen. „Das gibt es schon seit 1967“, weiß Bühnentechniker Helmut Bokowski. „Da wurde offensichtlich schon weiter mitgedacht“, sagt der Techniker.



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