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Schießen Stadt und Landkreis beim Brandschutz übers Ziel hinaus?

Die Invasion der Stahltreppen

HAMELN. Vor einiger Zeit brannte in der Šchule Klein Berkel ein Pult. Warum, ist bis heute nicht ganz geklärt. Verletzt wurde niemand, alle Schüler befanden sich draußen. Konsequenzen hatte das Ereignis dennoch, und zwar in Form von riesigen Gerüsttreppen, die den Kindern im Brandfall die Flucht ermöglichen sollen.

veröffentlicht am 05.08.2018 um 14:58 Uhr
aktualisiert am 05.08.2018 um 16:20 Uhr

Monströs: die Brandschutztreppe in Klein Berkel. Foto: geö
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Dem Betrachter zwingen sie unwillkürlich die Frage auf: Ist man hier übers Ziel hinausgeschossen?

Um es vorwegzunehmen: Die Gerüsttreppen stehen dort übergangsweise. In den Herbstferien sollen sie im Zuge der Sanierung durch Stahltreppen ersetzt werden. Dass man bis dahin nicht warten wollte, ist „der Neubewertung der Situation unter Heranziehung aktueller Erkenntnisse“ geschuldet, wie es aus dem Rathaus heißt. Gemeint ist der zweite bauliche Rettungsweg, der für Schulen seit 2012 gesetzlich vorgeschrieben ist. Aber: Zugleich gilt für „genehmigte“ Schulen Bestandsschutz. Das heißt, hier sind mildere Mittel und Maßnahmen möglich. In diese Kategorie fällt auch die Grundschule Klein Berkel. Doch mit dem Bestandsschutz ist es so eine Sache.

Dass er hinfällig sei, wenn eine konkrete Gefahr vorliege, ist ein Satz, der im Gespräch mit der Stadt oder dem Landkreis häufig fällt. Doch ab wann spricht man eigentlich von einer konkreten Gefahr? Für die Behörden ist klar: Wenn es keinen zweiten Rettungsweg gibt und eine Rettung mit den Mitteln der Feuerwehr nicht möglich ist.

Über Außentreppen sollen Menschen vor Feuer flüchten – die Zahl dieser Bauten nimmt zu. Foto: Bilderbox
  • Über Außentreppen sollen Menschen vor Feuer flüchten – die Zahl dieser Bauten nimmt zu. Foto: Bilderbox

Seit 1996 im Düsseldorfer Flughafen auch der Feuerwehr ein Versagen vorgeworfen wurde, werden insbesondere die Regeln an Rettungswege restriktiver ausgelegt. In Niedersachsen gibt es eine besonders strenge Regel: Ab 10 Personen muss „geprüft“ werden, ob eine Rettung aus dem ersten Obergeschoss innerhalb einer bestimmten Zeit möglich ist. Im Landkreis Hameln-Pyrmont verneine die Feuerwehr das, sagt Marlies Hacker-Behr. Sie ist Brandschutzprüferin beim Landkreis. In ihren Bereich fallen die Brandschauen, die bei den Schulen maximal alle drei Jahre anstehen.

Also müssen die Gerüsttreppen her. Auch in anderen Schulen wurden und werden seit der großen Brandverhütungsschau im Jahr 2014 insgesamt sieben Stahltreppen angebaut. Eine in der Grundschule in Holtensen, drei am Basberg, zwei in Klein Berkel, eine in Tündern. Inklusive Fundament, Außenwanddurchbruch, Türen, Anpassungsarbeiten könne man rund 60 000 bis 90 000 Euro pro Treppe annehmen, sagt Stadtbaurat Hermann Aden. Um die 500 000 Euro gebe die Stadt mehr oder weniger pro Jahr für investive Maßnahmen beim Brandschutz aus. Aber was sind schon 100 000 Euro, wenn Menschenleben gefährdet sind, fragt Aden. Auch dieser Satz fällt bei den Behörden, so oder ähnlich, oft. Ein Argument, bei dem Gegenargumente klein werden und Kritiker meist still.

Doch gerade im genehmigten Bestand stellt sich die Frage nach anderen, verhältnismäßigeren Mitteln. Ralf Abraham, Architekt und Brandschutzsachverständiger, der sich in Seminaren und Vorträgen für einen Brandschutz mit Augenmaß einsetzt, sieht die Sache für den „Fall eines Pultbrandes“ etwas gelassener.

Wenn die Feuerwehr anleitern könne, also mit Hubwagen oder Rettungsleitern arbeiten könne, und eine Rettung über Geräte der Feuerwehr möglich sei, bestehe hier lediglich eine „relative“ Gefahr. Ihm liege kein einziges Anpassungsverlangen (eine Aufforderung zum Umbau, Anm. der Redaktion) mit Darstellung einer „konkreten Gefahr“ durch die einzig hierzu befugte Untere Bauaufsicht vor – „es wäre interessant zu erfahren, wie dieses begründet würde“. Vor allem aber fragt er sich, warum Schüler und Lehrer beim „Brand eines Pultes“ nicht den bekannten Weg nehmen, die vorhandene Tür nutzen und stattdessen über eine Außentreppe fliehen sollen? Gehe doch der Gesetzgeber selbst bei Versammlungsstätten (über 200 Personen) von einer „Eigenrettung aus brennenden Räumen über den ersten Flucht- und Rettungsweg“ aus. „Warum soll dieses bewährte Prinzip in Schulen nicht (mehr) funktionieren, wenn ortskundige Schüler in jeder großen Pause den „Evakuierungsfall“ üben? Für diese Eigenrettung (aus einem brennenden Raum) stehen nur eine bis drei Minuten zur Verfügung, und die Feuerwehr kommt frühestens nach zehn Minuten“, sagt Abraham. Natürlich gäbe es keinen Grund bei größeren Sanierungsmaßnahmen nicht auch „Verbesserungen im Bestand“ vorzunehmen – dann aber mit Augenmaß. „Dient zum Beispiel eine Außentreppe lediglich „als Ersatz für fehlendes Gerät der Feuerwehr“ sind auch andere Varianten, wie eine raumsparende Wendeltreppe zu erwägen. Auch sogenannte Bypass-Lösungen und ein interner Alarm wären in einem ganzheitlichen Konzept gute Ansätze, die es abzuwägen gelte – um gemeinsam tragfähige Lösungen zu erarbeiten. Türen wären zu überprüfen, bekannte Mängel zu beheben – „eine ausschließliche Fixierung auf Außentreppen erscheint hier wenig sachgerecht“.

„Die Abweichung des vorhandenen Zustandes vom neuen Bauordnungsrecht allein reicht für ein Anpassungsverlangen nicht aus“, schreibt auch Dipl.-Ing. Matthias Dietrich, Mitglied in der Vereinigung der Brandschutzplaner. Er bedauert die Negierung des Bestandschutzes bei Fragestellungen des Brandschutzes bei Behörden. Wichtig ist für ihn die Wahrung des Schutzzweckes. Die generelle Eignung der Maßnahme müsse selbstverständlich gegeben sein. Ferner müsse die Anpassung aber auch dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entsprechen. Die Rechtsprechung hat hierfür sogar einen Begriff: das sogenannte Übermaßverbot.

Doch ab wann ist eine Maßnahme geeignet? Und wann verhältnismäßig? Im Bauamt ist man von alternativen Treppenmodellen nicht begeistert. Teuer seien nicht die Treppen, sondern die technischen Rahmenbedingungen, sagt Aden. Für die enge Wendeltreppe hat er ein Horrorszenario parat: Was, wenn ein Schüler bei der Flucht stürzt und anschließend im Rollstuhl sitzt?

Weder bei der Stadt noch beim Landkreis möchten Behördenmitarbeiter den Kopf für Fehlentscheidungen hinhalten, wie Aden mehr als einmal deutlich macht. Daran, dass diese Angst allgegenwärtig ist, habe „auch die Presse ihren Anteil“. Und die Rechtsprechung, die in diesem Bereich „zunehmend amerikanischer“ werde. Und weil im Landkreis letztlich über ein abstraktes Problem diskutiert wird – ein Menschenleben war in öffentlichen Gebäuden durch einen Brand noch nie in Gefahr – zieht Aden gar das Loveparade-Inferno in Duisburg als Vergleich heran.

Dort hatte man im Vorfeld gewarnt. In Hameln will man diese Situation tunlichst vermeiden. Deshalb werde von der Abteilung Zentrale Gebäudewirtschaft nach Erhalt der Mängelliste durch die Brandschützer jeweils Konzepte erarbeitet, Vorgaben gebe nicht. Allerdings arbeitet die Mitarbeiterin mit den Protokollen der Brandschützer.

Verlangt wird anschließend die Einreichung „prüffähiger Unterlagen, die plausible Lösungen zeigen“. Im Fall der Schulen forderten diese Anpassungen einen Mitarbeiter der Zentralen Gebäudewirtschaft, erklärt der Stadtbaurat. Danach gibt die Untere Bauaufsicht dann Grünes Licht. Oder auch nicht. Die Entscheidung liegt allein bei der Unteren Bauaufsicht, die Hürden hierzu liegen sehr hoch.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bauaufsicht den Bauanträgen zustimmt, je näher sie an den Vorstellungen der Empfehlenden – also der Brandschützer – sind, ist groß.

Groß ist bundesweit auch immer wieder die Kritik, dass Bauanträge liegenbleiben und nicht weiter bearbeitet werden, wenn sie nicht den Vorstellungen der Behörde oder der Brandschützer entsprechen. Aden weist ein solches Handeln für seine Behörde zurück.

Bleibt die Frage: Hat die Untere Baubehörde sich überhaupt schon jemals anders positioniert und eine Forderung abgelehnt? Weil sie das Gefühl hatte, dass das Augenmaß fehlte? Oder weil die Investition nicht wirtschaftlich erschien?

Aden verweist auf die Schulspinde in den Fluren von Schiller- und Viktoria-Luise-Gymnasium. Auch hier gebe es Experten, die von einer Brandlast sprächen, die nicht im Flur stehen darf. Wäre man diesen gefolgt, hätte man einen Extraraum für die Spinde bauen müssen. Hier habe man einen oppositionellen Weg gewählt.

Für Ralf Abraham indes ist die Zeit für einen Dialog überfällig. Gemeinsam mit Mitstreitern wirbt er für Brandschutz mit Augenmaß.

Internet: brandschutz-im-dialog.com



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