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Wie Hamelner Chef-Banker die Eurokrise bewerten

„Die griechische Pleite ist doch längst eingepreist“

Hameln (fh). Die Eurokrise und ihre möglichen Auswirkungen beschäftigen mehr denn je Medien und Menschen. Die Dewezet hat Spitzenvertreter der heimischen Banken um ihre persönliche Einschätzung gebeten:

veröffentlicht am 27.07.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 21:41 Uhr

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1. Ist es ökonomisch sinnvoll, dass Griechenland in der Eurozone bleibt?

2. Was würde eine griechische Staatspleite bedeuten – für Europa, für Deutschland und für Ihre Bank?

3. Wenn Sie Bundeskanzler wären – wie würden Sie handeln?

3 Bilder
A. Drube

Heinz-Walter Wiedbrauck, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Hameln-Stadthagen:

1. Nein. Griechenland hat nicht einmal den Verwaltungsstandard eines Entwicklungslandes. 2010 wäre Griechenland noch zu retten gewesen. Doch inzwischen haben die Reichen mit ihrem Geld das Land verlassen.

2. Der Aufschrei würde schnell verhallen. In meinen Augen ist Griechenland bereits Geschichte. Die institutionellen Anleger haben die griechischen Staatsanleihen bereits abgeschrieben. Das Land hatte nicht einmal die Wirtschaftskraft Hessens – heute dürfte es noch weniger sein. Eine Ansteckungsgefahr in Europa sehe ich deshalb nicht. Griechenland ist unter falschen Voraussetzungen in die Eurozone gelangt.

3. Ich hätte schon vor einem Jahr die Schulden der südeuropäischen Länder, die über 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hinausgehen, in einen Erblastentilgungsfonds gepackt, für den alle Euroländer haften. Wenn ein Krisenland seine Rate nicht zahlt, vermindert sich die Haftung aller Euro-Länder. So hätten die Krisenländer eine Chance, ihre Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Wir haben vom Euro profitiert, also müssen wir den verschuldeten Staaten eine Chance geben. Allerdings nicht, indem wir die Schulden ohne Auflagen vergemeinschaften.

Alois Drube, Vorstandsvorsitzender der Stadtsparkasse Hameln

1. Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone wäre sehr wahrscheinlich mit dem endgültigen Staatsbankrott verbunden, was bedeuten würde, dass sämtliche bereits gezahlte Hilfsgelder verloren wären und darüber hinaus zugesagte Garantien gezogen würden. Aktuell hat Griechenland bereits über 200 Milliarden Euro an Zahlungen und Garantien erhalten. Darüber hinaus würden auch für die privaten Gläubiger, wie beispielsweise Banken, weitere Abschreibungen entstehen. In den bestehenden Rettungsmechanismen der Eurozone sind aktuell noch Mittel vorhanden, um Griechenland weiter zu stützen. Es muss ein Weg aufgezeigt werden, wie Griechenland zukünftig mit weiteren Hilfen seinen Staatshaushalt stabilisieren und die Wirtschaft wettbewerbsfähig aufstellen kann. Als Vorbilder könnten hier Portugal und Irland dienen, die aktuell die auferlegten Sparziele weitestgehend erfüllen und den Weg der Konsolidierung momentan erfolgreich bestreiten. Auf gar keinen Fall darf es so sein, dass Griechenland dauerhaft hinter den gesteckten Zielen zurückliegt, sodass fortlaufend immer wieder neue Hilfsgelder zur Verfügung gestellt werden müssen.

2. Die europäischen Länder haben Hilfen und Garantien für Griechenland von über 200 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Dieses Geld wäre bei einer griechischen Staatspleite größtenteils verloren, was die Staatshaushalte in ganz Europa sehr stark belasten würde. Darüber hinaus stünde natürlich das gesamte Gebilde einer gemeinsamen Währung in Frage. Andere Staaten wie Spanien könnten sehr schnell in eine ähnliche Position gedrängt werden. Die Reaktion der weltweiten Finanzmärkte wäre in einem solchen Szenario nahezu unkalkulierbar. Des Weiteren würde eine Staatspleite mit einem erheblichen Vertrauensverlust in die Politik einhergehen, da diese stets betont hat, Griechenland mit allen verfügbaren Mitteln zu stützen.

Für Deutschland im Speziellen würden die größten finanziellen Verpflichtungen aller Euroländer entstehen. Laut Prognosen des ifo-Institutes würde eine griechische Staatspleite in Verbindung mit dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone den deutschen Staatshaushalt mit 82 Milliarden Euro belasten. Dieses Volumen würde sicherlich eine heftige innenpolitische Diskussion auslösen, warum Hilfen in diesem Umfang bereitgestellt wurden und warum man die griechische Staatspleite letztendlich doch in Kauf genommen hat, beziehungsweise warum diese nicht schon früher vollzogen wurde.

Für die Stadtsparkasse Hameln würden direkt keinerlei Auswirkungen entstehen, da wir keine griechischen Wertpapiere im Bestand haben und auch nicht hatten. Es bliebe aber abzuwarten, wie die internationalen Kapitalmärkte auf eine griechische Staatspleite reagieren und ob sich dadurch indirekte Auswirkungen ergeben würden.

3. Generell sollte der Weg beschritten werden, der nach Abwägung aller Faktoren ökonomisch am sinnvollsten ist, sprich der den deutschen Steuerzahler am wenigsten belastet. Allerdings gilt es zu beachten, dass ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone mit sehr hohen Unwägbarkeiten hinsichtlich der Reaktion der Kapitalmärkte einhergeht, und die Folgen daraus könnten für Europa, Deutschland und uns alle negativer ausfallen, als Griechenland jetzt weiter zu unterstützen. Also: Kalkulierbare – wenn auch teure – Hilfen gehen vor nicht einschätzbaren Risiken.

Friedrich-Wilhelm Kaup, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Weserbergland:

1. Klar doch, ökonomisch sinnvoll ist der Verbleib immer! Die Frage in dem Zusammenhang ist vielmehr: Ist die griechische Ministerialbürokratie überhaupt noch in der Lage, das bereits zur Verfügung gestellte EU-Hilfsgeld für Strukturmaßnahmen und damit zur Ankurbelung der Selbstheilungskräfte zeitnah unbürokratisch einzusetzen?

2. Machen wir uns nichts vor: Die von Ihnen angesprochene Staatspleite ist doch längst eingepreist.

3. Ich habe Respekt vor den mutigen Entscheidungen des Deutschen Bundestages und des Deutschen Bundesrates. Spekulationen, gleich welcher Art, helfen niemand. Mit dieser Strategie sind wir auch in unserem Geschäftsmodell erfolgreich. Und dafür sind wir sogar wieder ausgezeichnet worden.



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