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Innung der Bader und Babierherren 1872 gegründet / Heute gibt es 170 Betriebe im gesamten Landkreis

Die Frisur – Ausdruck von Zeitgeist und Persönlichkeit

Hameln. Das Haar. Es ist der natürliche Schmuck des Menschen. Auf die Pflege des Schopfes wird seit jeher viel Zeit verwendet. Die Haartracht markiert Kulturen, Epochen, gesellschaftliche Stellungen und sogar Berufe. Sie ist Ausdruck der Persönlichkeit und des Zeitgeistes. Selten aber waren Frisuren so wandelbar wie seit Mitte des letzten Jahrhunderts. „Früher ließ man sich frisieren, heute lässt man sich eine Frisur schneiden“, nennt Jens Meyer, Obermeister der Friseur-Innung Hameln-Pyrmont, die wesentlichen Unterscheidungskriterien zwischen damals und heute. Erst der britische Friseur Vidal Sassoon habe den Haarschnitt revolutioniert, ist Meyer überzeugt. Denn auch in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, als sich modebewusste Frauen von ihren langen Haaren trennten, sei vor allem onduliert worden: „Haarschnitte im heutigen Sinn waren das nicht.“

veröffentlicht am 03.12.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 02:41 Uhr

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Autor:

Karin Rohr
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Doch nicht erst mit den modernen Trendfrisuren hat sich das Berufsbild der Friseure radikal geändert. Seit 1872 gibt es die erste Innung in Leipzig, parallel dazu wird in Hameln die Innung der Bader und Barbierherren gegründet. Während Bader kleine chirurgische Eingriffe vornehmen durften, konzentrierte sich die Arbeit der Barbiere vor allem auf das Rasieren, Haarschneiden, Kopfwaschen, Frisieren und Perückenmachen. „Die Bader waren Allround-Leute, die vom Zähneziehen bis zum Aderlass fast alles machten“, erzählt Jens Meyer. Mit dem Friseurhandwerk an sich hatte das wenig zu tun: „Später kam es dann ja auch zur Trennung“, sagt der Innungsobermeister. Schlägt man in der Chronik des Hamelner Handwerks von 1850 bis 1914 nach, so findet man noch den Sammeleintrag „Bader, Frisöre, Barbiere“ und Vermerke über eine wachsende Zunahme der Betriebe: Von 5 im Jahr 1872 auf 13 im Jahr 1898 und 25 im Jahr 1914. Erst 1976 kam es durch Fusion zur Friseur-Innung Hameln-Pyrmont. Heute sind 170 Friseurbetriebe im gesamten Landkreis gemeldet.

Auf 140 Jahre kann die heimische Friseur-Innung jetzt zurückblicken. Und auf ein radikal gewandeltes Berufsbild. Die Bader sind verschwunden. Barbiere sind in unseren Breitengraden auch nicht mehr gefragt. „Die hygienischen Anforderungen sind so hoch, dass es sich nicht mehr lohnt“, sagt Meyer. Beim Rasieren sei die Ansteckungsgefahr über Schnittverletzungen zu hoch. Aber auch die Aufgaben für Friseure haben sich verändert, nicht zuletzt aufgrund technischer Innovationen. Trockenhaube, Föhn oder Lockenstab sind nur einige Beispiele, die Meyer nennt.

Der raffinierte modische Schnitt löst Mitte des letzten Jahrhunderts das schlichte Haarekürzen ab: „Die Kontur und die Akzentuierung über den Haarschnitt stehen jetzt im Vordergrund“, sagt Meyer. Farbe und Kolorationstechniken werden immer wichtiger. „Gut 80 Prozent der Kunden verlangen das heute von ihrem Friseur.“ Dagegen spiele die Dauerwelle nur noch vereinzelt eine Rolle. Und auch handgeknüpfte Perücken seine kein Thema mehr. Während früher Waschen, Legen, Föhnen Standard in Friseurbetrieben war, machenheute neben dem Schnitt und der Umsetzung modischer Trends vor allem Färben und Strähnen die Hauptarbeit eines Friseurs aus. Und neue Serviceleistungen sind hinzugekommen: Kosmetik habe zwar schon immer zu den Aufgaben der Friseure gehört, so Meyer. Neben Wimpern- und Augenbrauenfärben werde inzwischen aber auch Nageldesign verlangt. Als klassische Ausbildungsbereiche der heutigen Friseurlehrlinge nennt der Innungsobermeister denn auch: „Modische Haarschnitte, klassische Dauerwelle, Volumenwicklungen, Strähntechnik, Hochsteckfrisuren, Kolorationstechniken und Nageldesign.“

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...1950

Vom Bader über den Barbier bis zum modernen Friseur hat sich viel getan: „Der typische Friseursalon ist heute nur noch ein Teil in einem großen Gefüge“, sagt Meyer. Neben mobilen Friseuren und Discountern gebe es zwar auch noch den klassischen Salon, aber neue Service-Themen wie Wellness- und Spa-Bereiche haben die Angebotspalette erweitert. „Die Erwartungshaltung an den Friseur ist höher geworden“, so Meyer: „Wir sind eher Schönheitsdienstleister.“ Und dazu gehöre unter anderem auch die Typ- und Stilberatung mit Gesichtsvermessung, um die optimale Symmetrie und die passende Frisur zu finden.

Obwohl die Männer in den letzten Jahrzehnten eitler geworden sind, entsprechend häufiger zum Friseur gehen und längst auch „Ja“ zu Trends und Farbe sagen, wie Meyer feststellt – den Löwenanteil der Kunden bilden nach wie vor die Frauen. Nicht nur mit Bob, Beehive oder Hippie-Mähne haben sie im letzten Jahrhundert Trendfrisuren beschert, die als Retro-Look auch heute immer wieder zu neuen Ehren kommen. Eine kleine Stilkunde:

Vor 1900: Modern waren Mittelscheitel-, Hochsteck- und Einschlagfrisuren. Wellen im Haar wurden durch Ondulieren erzielt.

Um 1900: Die Haare werden kürzer. Es setzen sich einfachere Frisuren durch.

1920-1945: Die Dauerwelle, die Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden wurde, und neue technische Frisiergeräte prägen die Frisurenmode. Erstmals werden prominente Vorbilder kopiert. Kurzhaarschnitte sind en vogue. Den Anfang macht in den 30er Jahren der Bubikopf, der bis nach dem Zweiten Weltkrieg in Mode bleibt und dann von halblangen, schwungvollen Frisuren abgelöst wird.

Die 50er Jahre: Filmschauspieler und andere Promis geben die Trends vor. Männer tragen die Elvis-Tolle, Frauen eifern Marilyn Monroe, Grace Kelly oder Romy Schneider nach.

Die 60er Jahre: Die Beatles machen den Pilzkopf zum Trend, Jimi Hendrix und Bob Marley den Afro-Look und die Dreadlocks. Bob und Chignon, der als üppiger Knoten zum Klassiker unter den Hochsteckfrisuren wird, sind bei den Frauen beliebt. Dusty Spingfield macht den Beehive, die Bienenstock-Frisur, zum Hit. Auch der elegante Audrey-Hepburn-Stil wird oft kopiert. Stars setzen Frisurenmaßstäbe.

Die 70er Jahre: Erlaubt ist, was gefällt: Bei den Frisuren herrscht völlige Freiheit: Neben Föhn- und Hippiemähnen oder wallenden Locken im Farah-Fawcett-Look kommen die ersten schrillen Punkerfrisuren mit Irokesenschnitt auf.

Heute gibt es keine Vorschriften mehr, wohl aber den einen oder anderen Trend. Auch Retro-Frisuren feiern dabei fröhliche Urständ. Von extrem lang bis ultrakurz reicht die Frisurenpalette bei Frauen (und Männern). Und selbst mit einem rasierten Schädel kann frau nicht mehr schocken, seit ihn die irische Sängerin Sinead O’Connor salonfähig gemacht hat.



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