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Gewaltopfer schildert JA-Insassen, wie ein Faustschlag sein Leben änderte

„Die eine Nacht hat mich kaputtgemacht“

Hameln. „Ich habe oft Leuten durch Gewalt wehgetan und habe nie darüber nachgedacht, was für Folgen meine Faustschläge eigentlich haben könnten. Ich danke Christoph, dass er mich zum Nachdenken gebracht hat.“ Diese handgeschriebenen Zeilen stammen von einem Insassen der JA. Gerichtet sind sie an Christoph Rickels, 28 Jahre alt. Rickels kann nur noch langsam sprechen, nicht mehr geradeaus laufen, für vier Monate war er fast komplett gelähmt. Rickels Leben ist anders – seit ihn ein solcher Faustschlag getroffen hat. Zwar war es nicht der JA-Insasse, der ihn niederschlug, sondern ein Mann aus Ostfriesland – doch es könnte jeder gewesen sein. Deswegen kämpft der Geschädigte dafür, jungen Menschen klarzumachen, was eine Prügelei für Konsequenzen haben kann.

veröffentlicht am 20.12.2015 um 14:20 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 00:41 Uhr

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Autor:

von andrea Tiedemann und Frank neitz
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Es sollte ein schöner Abend sein – 2007. Rickels wollte Abschied feiern, denn er hatte sich bei der Bundeswehr als Feldjäger beworben. Er ging in die Diskothek. „Ich war ein cooler Macker“, sagt Rickels über sein altes Ich. Er gab einer jungen Frau einen Drink aus. Beim Herausgehen aus dem Club griff ihn dessen eifersüchtiger Freund an – und schlug ihn auf den Kopf. Was genau abgelaufen ist, weiß er nicht mehr – nur, dass er aufs Pflaster geschlagen ist. „Ich kann mich an nichts erinnern.“ Als der junge Mann aus dem Koma erwacht, hat er ein neues Ich. Was nicht mehr viel mit dem „Macker“ von einst gemeinsam hat. „Die eine Nacht hat mich kaputt gemacht.“

Rickels, der jetzt schwerbehindert ist, musste alles neu lernen: Essen, Sprechen, Gehen. Er trainierte hart, „jetzt bin ich aber am Ende“, sagt er – und meint damit seine halbseitige spastische Lähmung, gegen die er ankämpft. Doch bei einem anderen Thema ist Rickels überhaupt nicht am Ende, sondern am Anfang: bei seiner Mission. Er hat die Organisation „first togetherness“ gegründet, die für mehr Miteinander wirbt. Mehrmals im Monat geht Rickels in Schulen, Jugendzentren und Gefängnisse, um sein Schicksal anderen greifbar zu machen – und um sie zu animieren, nicht gewalttätig zu werden. Wie in der JA. „Ich bin auf Augenhöhe mit denen“, sagt Rickels, „das ist mein Vorteil.“ Anders als ein Pädagoge mit dem erhobenen Zeigefinger hören die Insassen ihm mit anderer Aufmerksamkeit zu. Vor allem, weil der Geschädigte selber früher mal zugeschlagen hat. „Ich bin selber kein unbeschriebenes Blatt.“

Die JA-Leitung war von dem Effekt so beeindruckt, dass nach dem ersten Workshop eine weitere Zusammenarbeit im kommenden Jahr geplant ist. „Inwieweit sich jetzt auch nachhaltig Einstellungen verändern,

ist gegenwärtig nicht zu beurteilen“, schreibt Dietmar Müller, Sprecher der JA an Rickels, „aber die von vielen Teilnehmern aufrichtig geäußerte Absicht, potenziell gewaltbelastete Situationen eher zu meiden und in Konflikten deeskalierend zu handeln, auch mal einen ,Rückzieher‘ zu machen, erschien mir und meinen Kollegen schon sehr ernsthaft.“ Der Umgang der Insassen sei sehr mitfühlend gewesen, berichtet Rickels. „Ich hoffe, du lässt dich nicht runterziehen wegen des Vorfalls“, schreibt ein Insasse – doch genau das fällt Rickels derzeit schwer. Denn die Konsequenzen für seinen Täter, der ihn „halb totgeschlagen“ habe, seien „lachhaft“. Zwei Jahre und zwei Monate Haft auf Bewährung lautete das Urteil. Auf ein angemessenes Schmerzensgeld wartet Rickels bis heute. „Das macht mich verrückt.“ Dank seiner guten Kontakte in die Landespolitik sei er zumindest finanziell abgesichert – über eine Verdienstausfallrente. Sein größter Wunsch? „Ein soziales Umfeld, in dem ich mich wohlfühle.“ Ein bescheidener Wunsch, denn Rickels hat durch sein Schicksal erfahren, dass seine – angeblichen – Freunde oftmals keine waren. „Die kommen mit dem neuen Christoph nicht klar“, vermutet er. Und einen neuen Freundeskreis aufzubauen, für den er gerne in eine andere Stadt ziehen würde, sei für ihn eben nicht gerade einfach. Auch auf der anderen Seite sind die Wünsche bescheiden. „Hoffentlich sehen wir uns mal draußen und nicht im ,Knast‘“, schreibt ihm ein junger Mann aus der JA, „dann können wir mal eine Cola trinken“.

Straftäter aus der JA schildern, wie sie die Begegnung mit dem Straftat-Opfer erleben.

Maik, 21 Jahre: Sitzt zwei Jahre und neun Monate in der JA wegen eines Überfalls: „Ich fand es bemerkenswert, wie offen er über seine Lebensgeschichte gesprochen hat und versucht, andere Leute mitzunehmen. Mir ging das sehr nahe. Der ist ja hilflos gewesen. Das hat auch andere hier Mitgefühl zeigen lassen. Das hat die auch berührt. Ich habe von dem Gespräch was mitgenommen und denke ab und zu drüber nach.“

Sven, 21 Jahre: Sitzt in der JA wegen Gewalttaten: „Es ist interessant, wie ein Mensch kämpfen kann. Ich habe nicht nur zugehauen, auch selbst welche abgekriegt. Ich hatte Glück, dass keinem so etwas passiert ist, wenn ich zugehauen habe – und dass mir nichts passiert ist. Ich will mich jetzt aus allem raushalten. Ich denke, dass ich jetzt in der Lage bin, zu sagen, ,macht euer Ding‘. Jetzt wo ich weiß, was passieren kann, sage ich mir ,lass es lieber sein‘. Ich bin Gruppensprecher und habe mit den Jungs darüber gesprochen. Mir persönlich hat er die Augen geöffnet.“

Jerro, 21 Jahre: Sitzt drei Jahre und vier Monate in der JA wegen schwerem Raub, räuberischer Erpressung und schwerer Körperverletzung: „Das tat mir schon leid. Ich bin froh, dass ich selber nicht in solch eine Situation gekommen bin, wenn ich mich gehauen habe. Dass einer nicht so stark verletzt wurde. Der hatte ja alles. Und mit einem Schlag hat er alles verloren. Im Haus haben wir darüber geredet. Einer hat gesagt, das ist doch egal, das passiert eben. Dem habe ich eine Ansage gemacht, dass das nicht geht, so etwas zu sagen.“

Marvin, 20 Jahre: Sitzt drei Jahre und zwei Monate in der JA wegen Körperverletzungen und Einbruchsdiebstählen: „Wenn jemand Stress gemacht hat und mir dumm gekommen ist, habe ich gleich draufgehauen. Das ist schon hart, wie ein Schlag alles verändern kann. Ich möchte nicht mehr zuschlagen. Jetzt denkt man an das Opfer, leidet auch mit. Vorher hat man das überspielt und nicht darüber nachgedacht. Wenn man darüber im Haus redet, zeigt das Stärke. Mit einigen kann man reden, die verstehen das – andere sind naiv und dumm.“

Hendrik, 19 Jahre: Sitzt 18 Monate in der JA, unter anderem wegen Gewaltdelikten: „Nach den Gesprächen habe ich erst angefangen zu überlegen, was mit einem Schlag passieren kann. Vorher ich mir keine Gedanken gemacht, da hab ich halt draufgeschlagen – fertig, aus. Letztens gab es zwischen einigen Jungs Ärger. Da habe ich über die Geschichte von Herrn Rickels nachgedacht und gedacht: ,Lass es einfach‘. Vorher hätte ich da draufgehauen. Man braucht so eine Person, die so etwas hinter sich hat, und erklärt, was alles passieren kann.“



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